# taz.de -- Die Wahrheit: Wale statt Waschmaschinen
       
       > Weil die Firma MediaMarkt die Walrettung sponsert, gerät sie in
       > finanzielle Schieflage. Ein Strandspaziergang mit dem Elektroketten-Boss
       > Walter Gunz.
       
 (IMG) Bild: Wal, da bläst er, aber nur noch schwach Foto: reuters
       
       Walter Gunz hatte schon viel richtig gemacht in seinem Leben: ein
       Philosophiestudium absolviert, ein internationales Einzelhandelsimperium
       aufgebaut. Auch jetzt ist er überzeugt, das Richtige zu machen. „Wale fand
       ich schon immer faszinierend, seit ich ganz klein war“, sagt er. „Meine Oma
       hat mir damals ein Wal-Kuscheltier geschenkt“, verrät der
       MediaMarkt-Mitgründer bei einem Spaziergang am Poeler Ostseestrand.
       
       Für einen kurzen Moment sieht man in den Augen des 79-Jährigen ein
       kindliches Glitzern aufblitzen. Er zückt sein Smartphone, scrollt durch
       seine Bildergalerie. Stoppt beim Foto eines Kuschel-Orcas, der durch
       Waschmaschinengänge und die Zeit ziemlich in die Jahre gekommen ist. „Er
       heißt Tommy. Dass ich jetzt Timmy retten darf, das ist mein
       Full-Circle-Moment – und das ziehe ich durch, koste es, was es wolle!“
       
       Sein Haar flattert im Wind, während er sich sein maßgeschneidertes Hemd
       zurechtzieht. Dann schaut er aufs Meer. „Die letzten Tage waren ein
       Wellenbad der Gefühle.“
       
       Die andauernde Walrettung ist auch für einen hundertfachen Millionär eine
       Mammutaufgabe, die nicht nur Walter und Timmy, sondern auch MediaMarkt ans
       Limit treibt. „Ich dachte, die Sache wäre in wenigen Tagen durch“, sagt
       Gunz. Seine Lederschuhe hinterlassen Fußabdrücke im feuchten Ostseesand.
       
       Schließlich entschied sich der Elektroketten-Boss dazu, die Walrettung als
       gesellschaftliches Engagement der MediaMarktSaturnGroup GmbH zu verkaufen.
       Das hatte ihm die PR-Abteilung geraten. „Vieles lässt sich ja auch
       abschreiben“, sagt der Unternehmensveteran.
       
       ## Dunkle Wolken
       
       Doch nicht nur an der Ostsee, auch für den Traditionselektrofachhandel
       ziehen derzeit dunkle Wolken auf. Laut einem Insiderbericht ist MediaMarkt
       in eine schwere Schieflage geraten. Die eingeflogenen Experten, Kräne,
       Tierärzte, Bagger: Ausgaben über Ausgaben. Verkäufer erhielten zuletzt eine
       Rundmail, die der Presse geleakt wurde: Von Kurzarbeit und
       Stellenstreichungen ist dort die Rede.
       
       Darauf angesprochen antwortet Gunz prompt: „Ich bin doch nicht blöd! Die
       werden umgeschult – zu Walrettern und Tierpflegern.“ Man müsse mit der Zeit
       gehen, die Erderwärmung akzeptieren und den Niedergang des stationären
       Einzelhandels. „Flexibel bleiben“, ergänzt er.
       
       Dass sich das Ganze so lange hinziehen würde, hat Gunz jedoch so kalt
       erwischt wie der teils extrem niedrige Wasserstand und die wiederholte
       Orientierungslosigkeit den Buckelwal Timmy.
       
       „Wenn ich was durchziehe, dann will ich’s richtig machen“, sagt Gunz. Am
       bewölkten Horizont blitzen einzelne Sonnenstrahlen durch die grauen Wolken.
       „Da ist es nur folgerichtig, sich nicht nur für unseren Timmy, sondern auch
       für seine Brüder und Schwestern in den Ozeanen der Welt einzusetzen –
       deswegen nehmen wir nun alle Produkte aus Japan aus dem Sortiment. Die
       Japaner töten jährlich Hunderte Wale, das kann ich nicht mehr mit meinem
       Gewissen vereinbaren.“ Produkte von Fujifilm, Sony und Nintendo würden in
       Kürze um 50 Prozent reduziert und abverkauft, ließ Gunz verkünden.
       
       „Ist es nicht vielmehr so, dass Sie gerade schnell Geld brauchen, weil
       MediaMarkt kurz vor der Insolvenz steht?“, fragt ein Journalist bei einer
       Pressekonferenz am Nachmittag. Eine Schweißperle rollt Gunz von der Stirn.
       „Das eine schließt das andere nicht aus“, entgegnet der Millionär.
       
       ## Bürokratische Mühlen
       
       Als Sündenbock für die andauernde Walrettung sieht Gunz die langsamen
       Mühlen der deutschen Bürokratie: „Die kotzt mich immer schon an!“ Raunen
       und Lachen beim Pressebriefing. Kotzen?! Hat er das wirklich gesagt? „Die
       hat mir schon als Unternehmer so einige Steine in den Weg gelegt. Wäre das
       anders gelaufen, wäre ich schon längst der deutsche Jeff Bezos.“
       
       Zurück im Strandcafé am Poeler Strand nippt Gunz an einem schwarzen Kaffee.
       Im Hintergrund stößt Timmy Fontänen heraus. „Schönes Tier“, sagt Gunz.
       Lange Zeit dachte er, der Kapitalismus sei seine Berufung, weil er gut
       darin war, mutig, ein Pionier. Doch mit den Jahren ließen ihn die Wale
       nicht los.
       
       Gunz wirkt still, zögert, bevor er weiterspricht. „Wissen Sie, ich hatte
       eine Midlife-Crisis, das war schlimm.“ Dann kam „Free Willy“ in die Kinos.
       „Der Film ließ mich träumen, erinnerte mich daran, dass ich das Unmögliche
       möglich machen kann. Ich hatte wieder Drive.“
       
       Für die Filialen, die nun aufgrund finanzieller Engpässe vor der Schließung
       stehen, hat Gunz schon einen Plan: Wildlife Sanctuaries. „Statt
       Waschmaschinen machen wir dann in Walen.“ Das hätte Zukunft, so der
       Unternehmer. „Ich war schon immer mehr Träumer als Kapitalist“, erklärt er.
       Entschlossen krempelt er die Ärmel hoch: „Der Traum vom stationären
       Einzelhandel ist eh ausgeträumt, perfektes Timing also. Nun muss ich in
       neue Gewässer aufbrechen.“
       
       Neben Elektroartikeln gibt es bei MediaMarkt nun an der Kasse auch Orca-
       und Buckelwal-Plüschtiere für 10 Euro, von denen 9 Euro in die Walrettung
       fließen.
       
       29 Apr 2026
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Klaudia Lagozinski
       
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