# taz.de -- Die Seniorenunion wird 20: Opas erzählen vom Sieg
> Seit der Rentendebatte fühlen sich die Alten in der Union wieder im
> Aufwind - ohne die Senioren lassen sich ja schließlich auch keine Wahlen
> gewinnen.
(IMG) Bild: Hier spricht der Alte: Seniorenboss Otto Wulff.
Sie fallen auf, die uniform geschniegelten jungen Männer von der Security,
in der bunten Schar der grauhaarigen, glatzköpfigen, schlohweißen Senioren
der Christlich-Demokratischen Union. "Die Jungen bewachen uns", sagt ein
Delegierter aus dem Norden. Er meint es wörtlich, deutet auf einen der
Bewacher, der gerade die Handtasche einer Besucherin nach Messern oder
Molotowcocktails durchwühlt.
Als Bewacher könnte auch die kleine Schar von CDU-Nachwuchsleuten
durchgehen, die in der ersten und letzten Reihe Platz genommen haben. Vorne
müssen sich Philipp Mißfelder, Bundesvorsitzender der Jungen Union, und
Gottfried Ludewig, Chef des Studentenverbandes RCDS, mit zwei Randplätzen
neben den Granden von einst begnügen. Ganz hinten haben sich noch ein paar
Altersgenossen der beiden in den Saal geschmuggelt, einer davon mit
Kleinkind auf dem Arm.
Es ist der zwanzigste Geburtstag der Senioren-Union, der an diesem Sonntag
im Lichthof der Berliner CDU-Zentrale begangen wird. Ein Ereignis, das bis
vor wenigen Wochen noch kein politischer Beobachter im Blick hatte. Seit
aber der junge Bundestagsabgeordnete Jens Spahn über die jüngste
Rentenerhöhung schimpfte und deshalb vom Vizechef der Senioren-Union mit
Parteiausschluss bedroht wurde, seit der frühere Bundespräsident Roman
Herzog vor einer "Rentnerdemokratie" warnte, in der "die Älteren die
Jüngeren ausplündern" - seitdem fragt man sich besorgt: Liegt in diesem
Saal die Zukunft der Nation?
In der ersten Reihe sitzen einige Herren, die noch vor kurzem kaum jemand
zu den Hoffnungsträgern der Union gezählt hätte. Der frühere
Generalsekretär Heiner Geißler ist da, sein damaliger Bundesgeschäftsführer
Peter Radunski, auch der einstige Berliner Bürgermeister Eberhard Diepgen.
Alles Leute, die in der neuen CDU Angela Merkels lange Zeit als
hoffnungslos gestrig erschienen. Leute aber auch, die noch wussten, wie man
für die Union Wahlen gewinnt - wobei allerdings, besonders im Falle
Berlins, ein riesiger Schuldenberg übrig blieb.
Bereits am vergangenen Mittwoch war die Generation Geißler am selben Ort
bei ihrer Parteivorsitzenden Angela Merkel zu Gast. Auch Norbert Blüm kam,
Klaus Töpfer, Kurt Biedenkopf, Bernhard Vogel, Lothar Späth. Merkel suchte
den Rat der Alten, weil sie zum sechzigsten Jahrestag der Währungsunion
eine Grundsatzrede zur sozialen Marktwirtschaft halten will. Es soll darum
gehen, wie sich das Erfolgsmodell Ludwig Erhards in einer globalisierten
Welt fortschreiben lässt. Von ihrem Abschied von Erhard, den Merkel mit der
Formel von der "neuen sozialen Marktwirtschaft" vollzog, wird sie bei
dieser Gelegenheit wohl wiederum Abschied nehmen.
Aufgeschreckt war Merkel von Wahlanalysen, die das Gewicht der Senioren für
künftige Wahlausgänge betonten. Eine Erkenntnis, die für alte Strategen wie
Geißler oder Radunski allerdings wenig überraschend kommt. Schon die
Gründung der Senioren-Union sei "das Ergebnis strategischer Überlegungen"
gewesen, sagt Geißler.
Ebenso aufgeschreckt war die Kanzlerin dann aber auch vom Aufstand der
Jungen gegen die Rentenerhöhung. Nicht nur dass sie den Kritiker Spahn
gegen die Angriffe aus der Senioren-Union verteidigte. Sie lud auch zum
Altentreffen am vorigen Mittwoch eilig einige Junge hinzu und verkaufte die
Runde als Auftakt eines Initiativkreises "Zusammenhalt der Generationen".
So müssen jetzt JU-Chef Mißfelder und der Senioren-Vorsitzende Otto Wulff
gemeinsam auf einer Postkarte posieren und symbolisch an einem Strang
ziehen. Mißfelder ist das Feindbild der Senioren, seit er vor fünf Jahren
mit der Bemerkung berühmt wurde, 85-Jährige brauchten keine künstlichen
Hüftgelenke auf Kosten der Beitragszahler mehr. Jetzt ist er als
"Ehrengast" bei der Jubiläumsfeier der Senioren zugegen, Wulff lobt die
"erfreuliche, ersprießliche, vertrauensvolle Zusammenarbeit" mit den Jungen
und beteuert, die Senioren wollten "keine Altenrepublik". Reden darf der
"Ehrengast" trotzdem nicht, die Kommunikation gestaltet sich auch in den
Tischgesprächen reichlich einseitig. Wer ohnehin die Macht hat, kann den
Kampf der Generationen getrost absagen.
Erst Geißler bringt aber in seiner Festrede die fürsorgliche Vereinnahmung
der Jungen durch die Alten zur Vollendung. Den Generationenstreit um
Staatsverschuldung und Demografie kanzelt der 78-Jährige als zweitrangige
Frage nach "politischen Techniken" ab, die von den wichtigen "Inhalten"
ablenke. Zur Demografiedebatte zitiert Geißler den Hollywood-Film "Soylent
Green", wo nutzlose Alte in Einschläferungszentren umgebracht und zu
Fastfood verarbeitet würden.
Die "Inhalte", das ist für Geißler der Kampf gegen den entfesselten
Kapitalismus, eine Herausforderung, "die Alte und Junge gleichermaßen
betrifft". Doch immer wenn Geißler auf praktische Beispiele zu sprechen
kommt, wendet er seinen Blick zu Mißfelder, und stets präsentiert sich ihm
der wirtschaftsliberale Furor in Gestalt der Jungen.
Am häufigsten tritt das Problem, laut Geißler, in Gestalt 35-jähriger
Frauen auf: als Geschäftsführerin eines Krankenhauses, "die außer
Betriebswirtschaft noch nie was gelernt hat", oder als "Case-Managerin" der
Arbeitsagentur, die den 55-jährigen ehemaligen Opel-Arbeiter aus seiner
angeblich zu großen Wohnung wirft. Ein alter Mann, der sich von einer
jungen Frau belehren lassen muss: das scheint für die Generation Geißler
noch immer der Inbegriff verlorener Würde zu sein. Der gute alte rheinische
Kapitalismus hatte eben auch seine patriarchalischen Seiten.
Um Würde geht es am Ende auch in der Wirtschaftsdebatte, um die
Lebensleistung einer ganzen Generation. "Wir haben das Land nicht
aufgebaut, damit wegen einer falschen Wirtschaftsideologie alles den Bach
runtergeht", sagt Geißler. Wenn er den "grauenhaften Absturz von 44 auf 35
Prozent" bei der jüngsten Bundestagswahl beklagt, dann schwingt auch mit:
Wir haben die Union nicht mit der sozialen Marktwirtschaft groß gemacht,
damit die Neoliberalen sie jetzt vor die Wand fahren. Die Union, sagt
Geißler, sei "von der Anlage her eine 50-Prozent-Partei". Das heißt im
Umkehrschluss: Wenn sie bei Wahlen nicht mal mehr 40 Prozent erzielt, macht
die Parteiführung etwas Grundlegendes falsch.
Was früher einmal das Erfolgsrezept der Union gewesen ist, das verstehen
die Jungen eben nicht. Deshalb bricht die Debatte über die richtige
Wirtschaftspolitik, die in der Partei nicht geführt wird, jetzt entlang der
Generationenlinie auf. Generös erklärt Geißler, er wolle über Jungpolitiker
wie Mißfelder und Spahn nicht "den Stab brechen", bloß weil sie einmal
etwas Falsches gesagt hätten. Dazu habe jeder Mittzwanziger das Recht.
Allerdings dürfe man ihnen dafür nicht auch noch auf die Schulter klopfen,
fügte er hinzu. Das war auf die Kanzlerin gemünzt, die Spahn im
CDU-Vorstand ausdrücklich verteidigt hatte. Mit Merkel hat Geißler
allerdings noch Großes vor: Mit ihrer Klimapolitik und künftig auch mit dem
Kampf für eine Börsenumsatzsteuer soll der Heldin des G-8-Gipfels die
Zähmung des globalen Kapitalismus gelingen. Geißlers Billigung findet auch
Merkels Menschenrechtspolitik, ganz im Gegensatz zur devoten Chinapolitik
des Olympischen Komitees, eines "leicht senilen Altherrenclubs".
Konrad Adenauer habe noch gewusst, schließt Geißler, dass nicht nur die
Zahlen zählen, "dass in der Politik zwei plus zwei nicht immer vier ist".
In der Tat war es Adenauer, der 1957 die "dynamische Rente" durchsetzte und
damit das Konzept eines auskömmlichen, arbeitsfreien Lebensabends erst
einführte. Die Reform verhalf der Union damals zur einzigen absoluten
Mehrheit, die eine Fraktion jemals im Deutschen Bundestag besaß. Norbert
Blüm fügte 1985 jenes verlängerte Arbeitslosengeld für Ältere hinzu, über
dessen Abschaffung die erste rot-grüne Bundesregierung zwanzig Jahre später
stürzte.
Dass den Jüngeren mangels Lebenserfahrung die tiefere Einsicht in diese
Zusammenhänge fehlt, quittieren die Alten mit patriarchaler Nachsicht. Jens
Spahn sei nicht das Problem, doziert der Senior aus dem Norden, als nach
der Veranstaltung, Sonntagnachmittag um vier, Wein und Bier zu einem
üppigen warmen Buffet gereicht werden. Schlechter ist er auf Roman Herzog
und dessen Wort von der "Altenrepublik" zu sprechen. Das sei "ein alter
Mann, der unbedingt wieder in die Medien kommen will".
21 Apr 2008
## AUTOREN
(DIR) Ralph Bollmann
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