# taz.de -- Die Indigenas in Ecuador: Das Konzept vom guten Leben
> In Ecuador hat Präsident Correa mit der neuen Verfassung den ersten
> Schritt zu einer gerechteren Gesellschaft geschafft. Doch jetzt wollen
> die Indígenas das System weiter umbauen.
(IMG) Bild: Der Kampf um die Verfassung ist vorbei, aber weitere werden folgen.
Nein, leicht ist das Leben nicht für Ricardo Ante. Der 58-jährige
Kleinbauer wohnt zusammen mit seiner Frau in 3.700 Metern Höhe auf Ecuadors
Andenkordillere in einem Weiler unweit des Dorfes Zumbahua. Ihre vier
verheirateten Kinder sind weit weg, Gesellschaft leistet den beiden ein
vierjähriger Enkel. Mit Filzhut und Poncho steht der alte Mann vor seinem
einfachen Steinhaus und blickt über eine malerische Kulisse aus Felsrücken,
Hügel in verschiedenen Grüntönen. Unten, eine halbe Stunde Fußweg entfernt,
liegt Zumbahua. Wegen des bunten Samstagsmarktes zieht es viele Touristen
hierher.
Für Ante ist das ein schwacher Trost. "Unsere jungen Leute hält es nicht
mehr hier, die gehen nach Quito oder nach Europa", sagt er. Die Erträge
seiner Kartoffel- und Bohnenfelder reichen kaum zum Überleben. Gut, dass
seine Frau wenigstens den "bono solidario" bekommt, einen staatlichen
Monatszuschuss in Höhe von 30 Dollar. Und der gläubige Evangelikale hofft,
dass alles bald besser wird - wegen Präsident Rafael Correa.
Vor gut 20 Jahren hatte Correa als frisch gebackener
Wirtschaftswissenschaftler ein Jahr in Zumbahua verbracht. Als freiwilliger
Helfer der Salesianerbrüder unterrichtete er Schüler in abgelegenen Winkeln
der ländlichen Gemeinde. Vor seinem Amtsantritt im Januar 2007 kam der
Linkskatholik in Begleitung seiner Präsidentenkollegen Evo Morales aus
Bolivien und Hugo Chávez aus Venezuela hierher, ließ sich in einer
farbenfrohen Zeremonie auf dem Marktplatz segnen und einen indigenen
Herrscherstab überreichen. "Das war sehr bewegend", erinnert sich Ante. Er
vertraut dem 45-jährigen Staatschef, der Ecuador aus der "langen
neoliberalen Nacht" herausführen will. Stolz zeigt er seinen
Mitgliedsausweis der Regierungspartei Alianza País mit Correas Konterfei.
Wie Ante sind fast alle Einwohner Zumbahuas Nachfahren der Ureinwohner. Im
ganzen Land sind es an die fünf Millionen, rund ein Drittel der
Gesamtbevölkerung. Meistens gehören sie zu den Ärmsten, besonders da, wo
der Ressourcenreichtum des Landes am größten ist. So im Amazonasurwald, wo
Ölmultis in den vergangenen 40 Jahren ganze Landstriche verwüstet haben.
Die modernen Indígena-Organisationen knüpfen an den antikolonialen
Widerstand früherer Jahrhunderte an. Mit ihren Protesten stürzten sie vor
acht Jahren den Präsidenten Jamil Mahuad, verhinderten 2006 ein
Freihandelsabkommen mit den USA und sorgten mit dafür, dass der
US-Ölkonzern Oxy das Land verlassen musste. Damit ebneten sie Correa den
Weg zum Wahlsieg.
Doch schon da war das Verhältnis zwischen dem charismatischen
Senkrechtstarter und den langjährigen Aktivisten aus dem Dachverband Conaie
gespannt. In den Präsidentenwahlkampf zog man getrennt. Der Conaie-Kandidat
landete auf den hinteren Plätzen, Correa triumphierte. Das Antrittsritual
in Zumbahua fädelte der Präsident mit den örtlichen Indígenas ein und
brüskierte damit die großen Organisationen.
Im Wahlkampf 2006 hatte Correa eine alte Conaie-Idee aus den
Neunzigerjahren aufgegriffen: Die "Neugründung" des chronisch instabilen
Anden-Landes zwischen Amazonas und Pazifik wollte er durch eine neue
Verfassung einleiten. Mit Blick auf die progressive Mittelschicht der
Städte nannte er sein Projekt "Bürgerrevolution". Und die Rechnung ging
auf: Am 28. September nahmen 64 Prozent der EcuadorianerInnen das im Juli
verabschiedete Grundgesetz an, der Staatschef steht glänzender da denn je
zuvor und könnte nach zwei wahrscheinlichen Wahlsiegen bis 2017 amtieren.
Die rechte Opposition, angeführt von Provinzpolitikern und konservativen
Bischöfen, brachte es trotz großer medialer Verstärkung nur auf 28 Prozent
für das "Nein".
Vor allem in einem Punkt unterscheidet sich Ecuador von allen anderen
linken Projekten in Südamerika - es findet eine vergleichsweise offene
Debatte statt. In Venezuela oder Bolivien lässt die
Links-rechts-Polarisierung kaum Platz für differenzierte Diskussionen über
unterschiedliche Entwicklungsbegriffe oder den Widerspruch zwischen
populären bis autoritären Staatschefs und echter Partizipation von unten.
Die Kontroversen zwischen Correa und den Indígenas hingegen werden offen
ausgetragen: "Wir fühlen uns nicht von ihm respektiert", sagt die
Globalisierungskritikerin Blanca Chancoso, "ohne das Volk gibt es keine
Revolution." Ihr Conaie-Kollege Floresmilo Simbaña pflichtet ihr bei:
"Correa will schon ein Bündnis mit uns - solange er den Ton angibt." Der
36-jährige Hochland-Kichwa mit dem langen Pferdeschwanz gehört zu den
Intellektuellen der indigenen Bewegung, die die programmatische Diskussion
um die Verfassung ganz erheblich mitgeprägt haben. Dass der Staat jetzt als
"plurinational" definiert ist, sei ein "riesiger Fortschritt": "Das
bedeutet, dass wir nicht nur als individuelle Bürger auftreten, sondern
auch als indigene Völker und Nationalitäten - mit kollektiven Rechten und
Pflichten."
"Wir wollen den Staat, das politische System, die Gesellschaft und die
Wirtschaft gründlich umbauen", formuliert Simbaña den hohen Anspruch der
Indígenas. Die Richtschnur dafür lautet: "sumak kawsay". Das Konzept vom
"guten, harmonischen Leben" knüpft an die traditionelle Weltsicht der
andinen Ureinwohner an. Gleich zu Beginn der Präambel wird die Natur als
"Pacha Mama (Mutter Erde) gefeiert. "Wir begreifen Leben und Wirtschaft als
vielschichtige Phänomene, die sich nicht auf Markt oder Staat reduzieren
lassen", sagt Simbaña und stellt klar, dass das Ziel eine umweltfreundliche
Wirtschaftsweise sein müsse: "Wenn wir Revolution nur als Stärkung des
Staates begreifen, dann laufen wir Gefahr, uns weiterhin auf Kosten der
menschlichen Arbeitskraft und der Natur zu entwickeln."
Auf diesem Gebiet hat der Verfassungskonvent acht Monate lang Pionierarbeit
geleistet. Großen Anteil daran hatte Alberto Acosta. Der 60-jährige Ökonom
war Mentor Correas, erster linker Energieminister und anschließend
Präsident der Verfassunggebenden Versammlung. Zwar trat der rot-grüne
Intellektuelle und wichtigste Verbündete der Indígenas im Juni nach einem
heftigen Streit mit Correa zurück - der Staatschef und seine Gefolgsleute
hatten aufs Tempo gedrückt und setzten schließlich die Verabschiedung des
Textes im Schnellverfahren durch.
Doch anschließend warb Acosta vehement für das "Ja" im Referendum und will
nun für eine rasche Umsetzung des Grundgesetzes streiten, wenn auch nicht
als Politiker. Ihm ist maßgeblich zu verdanken, dass die Rechte der Natur
festgeschrieben wurden - eine weltweite Premiere. Auch sonst bieten die 444
Verfassungsartikel eine sehr konkrete Ausschmückung des "guten Lebens":
kostenlose Bildung, Gesundheitsversorgung und eine garantierte Mindestrente
für alle, Verbot von Kinderarbeit, Outsourcing oder sexueller
Diskriminierung, Transparenz und Kontrolle der bislang notorisch korrupten
Staatsorgane durch "Bürgerräte". "Nun müssen wir durch entsprechende
Gesetze dafür sorgen, dass es nicht nur bei schönen Worten bleibt", sagt
Acosta.
Besonders auf dem Weg zu einem ökologischen Wirtschaftsmodell sind weitere
Konflikte programmiert. Um einen Sozialstaat auf- und die Kluft zwischen
Arm und Reich abzubauen, möchte der Präsident vor allem die Staatseinnahmen
aus dem Erdölexport und dem Bergbau deutlich erhöhen. Die Zustimmung der
betroffenen Gemeinschaften zu Förderprojekten ist weiterhin nicht zwingend
erforderlich, wie das die Indígenas gefordert hatten. Auch in der
Landwirtschaft setzt Correa auf klassische Wachstumsrezepte: Bananenexporte
bleiben eine wichtige Devisenquelle, zu einer Landreform macht er keine
Anstalten. Der Verfassungstext erlaubt es ihm sogar, "ausnahmsweise" die
Gentechnik in der Landwirtschaft zuzulassen.
Die Einwände von Indígena- oder Umweltaktivisten tat er wiederholt als
"kindischen Linksradikalismus" ab, ökosozialistischen Parteifreunden warf
er gar vor, die "Bürgerrevolution" unterwandern zu wollen. Die Forderung,
die wichtigste Indianersprache Kichwa zur zweiten, gleichberechtigten
Staatssprache zu machen, bügelte er ab.
Auch in Zumbahua war Rafael Correas Kampagne für das "Ja" zur Verfassung
zugleich Wahlkampf für sich selbst: Anfang 2009 will er sich wiederwählen
lassen. Als er vor ein paar Wochen einen modernen Schulkomplex einweihte
und kostenlose Medikamente versprach, wurden auf dem Marktplatz nicht nur
gelb-blau-rote Landesfahnen mit der Aufschrift "Sí" geschwenkt, sondern
auch die bunten Flaggen der indigenen Bewegung.
Ricardo Ante weiß kaum etwas von den Konflikten zwischen Correa und den
linken Aktivisten, auch die Verfassung hat er nicht gelesen. Für den
Präsidenten zeigt er viel Verständnis und meint: "Man kann doch nicht alles
über Nacht verändern."
8 Oct 2008
## AUTOREN
(DIR) Gerhard Dilger
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