# taz.de -- Die Ich-Maschinen
> „I, Robot“ nimmt Isaac Asimovs Science-Fiction-Romanvorlage ernst und
> bringt sie in die Form luzider Unterhaltung. Aus dem, was er an Subplots
> und Vorlagen lediglich andeutet, entwickelt Regisseur Alex Proyas den
> Charme seines Films
VON GEORG SEESSLEN
Der Mythos, sagen Horkheimer und Adorno, enthält schon Aufklärung. Und die
Aufklärung wird immer auch wieder ihr Mythos. Was genau sich an diesen plot
points zwischen Aufklärung und Mythos tut, dafür gibt es noch keine
ausformulierte Theorie. Material dafür gibt es genug, zum Beispiel in einem
Genre, das vielleicht sogar von sich selber glaubt, die Dialektik von
Mythos und Aufklärung zu behandeln (in der Regel aber nur das Kunststück
fertig bringt, in beiden Netzen zu zappeln): Science-Fiction. Erfundene
Wissenschaft, wissenschaftliche Erfindung, mehr oder weniger.
Die SF ist ein romantischer Bastard des technischen Zeitalters, der
freilich überall sich herumtrieb, wo Publikumsgunst zu erhoffen war, in den
grausigen Welten der gothic novel, in den intergalaktischen Männerfantasien
der Military Science-Fiction, in den Art-déco- und Drogen-Träumen der
Hippies, in der virtual reality des Cyberpunk. Was sich gegen solcherlei
Verschmutzung (die Aufklärung spukt nur noch als schlechter Witz oder
technisches Brimborium durch die mythischen Erzählungen) zu Wehr setzte,
wurde „Hard Science-Fiction“ genannt. Eine Art freiwilliger Beschränkung
auf ein Gedankenspiel mit wenigen Annahmen: Was wäre, wenn der Mensch
andere Planeten erreichen könnte? Wenn er Staat, Gesellschaft, Religion
etc. – Imagine! – abgeschafft hätte? Was wäre, wenn er nicht nur
intelligente Maschinen, sondern einmal Robots mit Bewusstsein geschaffen
hätte, die ihm die Arbeit und die Macht abnehmen? Maschinen, die so etwas
wie „I, Robot“ denken können.
Isaac Asimov hat in den Fünfzigerjahren um diesen Gedanken eine höchst
eigene Erzählmaschine in Gang gesetzt. Sie spielt mit einer Welt, in der
Roboter, selten genug, zwar hin und wieder Probleme verursachen, das Leben
der Menschen im Großen und Ganzen aber durchaus verbessert haben.
Wesentliches Merkmal einer positiven Form des Zusammenlebens zwischen
Menschen und Maschinen sind drei „Gesetze der Robotik“, die von
bemerkenswerter Schlichtheit sind. Sie lauten, nur wenig verkürzt, ungefähr
so: 1. Ein Roboter darf niemals einem Menschen schaden oder durch
Untätigkeit solchen Schaden zulassen. 2. Ein Roboter muss immer das tun,
was ihm ein Mensch befiehlt, es sei denn, es würde mit dem ersten Gesetz
kollidieren. 3. Ein Roboter soll sich selbst erhalten, so weit dies möglich
ist, ohne mit dem ersten oder dem zweiten Gesetz in Konflikt zu geraten.
Als ein echtes „Denken“ kann man das, wie Stanislaw Lem eingeworfen hat, so
wenig bezeichnen wie man es „Demokratie“ nennen sollte, wenn die Regierung
behauptet, es gebe keine Alternativen zu ihren Entscheidungen. Aber man
muss zugeben, dass sich mit diesen drei Gesetzen der Robotik vortrefflich
spielen lässt.
Da er so angelegentlich Hard Science-Fiction schrieb, spielt der Umstand,
dass Isaac Asimov im Grunde ein lausiger Schriftsteller ist, keine große
Rolle. Der Autor war wissenschaftlicher (und politischer) Mythos genug:
Geboren 1920 in Petrowsk, gelernter und praktizierender Biochemiker, in den
Siebzigern Präsident der „American Humanist Association“, begann er mit 19
Jahren in Fan-Magazinen zu publizieren, schrieb hunderte von
Kurzgeschichten, an die dreißig SF-Romane und eine Reihe von
populärwissenschaftlichen Büchern. Asimov ist das lebende Modell einer
technischen Intelligenz, die sich humanistisch gebunden fühlt und in der SF
ein fiktionales Bindeglied zwischen Wissenschaft und Fandom sieht. Nichts
bei ihm ist zynisch; der Mensch-Maschine-Diskurs ist in dieser Mythologie
als Abbild der Technokratie und populäres Erbe der Aufklärung aufgehoben.
Wie gut, darüber kann man streiten.
Dabei geht es um logische Probleme und um ihre mehr oder eher weniger
verblüffende Lösung. Um kräftige Charaktere und um eine visuelle
Vorstellung jener Welt der Jahre, die wir gerade erreichen (Asimovs
Roboterisierung der Welt beginnt am Ende seines Jahrhunderts), geht es bei
ihm nicht. Eine Asimov-Verfilmung hat also nichts mit sagen wir einer
Chandler-Verfilmung zu tun; alles Fleisch an der Fiktion muss erst
cineastisch erfunden werden. Alex Proyas’ Film versucht jedenfalls beides,
nämlich einerseits eine geschlossene visuelle Welt zu entwickeln und darin
robuste, interessante Charaktere, und andererseits die Hard Science-Fiction
Asimovs nicht zu verraten. Das Ergebnis ist vielleicht nicht gerade eine
Neuerfindung des Genres, aber eine Form der angenehm luziden Unterhaltung
auf bescheidenem, aber fast konstantem Diskursniveau.
Die Geschichte stammt nicht von Asimov, sondern setzt sich aus vielen
Motiven der Robot-Kurzgeschichten zusammen: Ein Detektiv leidet unter einem
Trauma, seit einer der Blechkerle in konsequenter Verfolgung der Gesetze
der Robotik ihn aus einer Gefahrensituation rettete, ein kleines Mädchen
aber ertrinken ließ. Er misstraut den dienenden Maschinen, und alles
beginnt damit, dass er fälschlich einen Robot als Dieb verfolgt, der nur
seiner Herrin das lebenserhaltende Asthmaspray bringen wollte. Dann aber
läuft wirklich etwas schief: Ein Wissenschaftler begeht Selbstmord, und
sein holografisches Nachglühen gibt dem Detektiv Hinweise darauf, dass die
Produktion der neuen Roboter eine gewaltige Gefahr für die Menschheit
bedeutet. Und einen Robot gibt es, das macht den visuellen Reiz des Films,
der genauso aussieht wie alle anderen, der aber eine neue Form des
Bewusstseins hat, eben ein Robot, der „Ich“ denken und sagen kann. Unnütz
zu sagen, dass der afroamerikanische Retro-Detektiv und die denkende
Maschine ein spannungsvolles Duo im Kampf gegen den Roboter-Aufstand werden
müssen. Die Dritte im Bund ist eine junge A.-I.-Spezialistin, die zumindest
äußerlich wenig mit Asimovs leicht verhärmter, ältlicher
„Computer-Psychologin“ Susan Calvin zu tun hat. Es gibt ein paar recht
hübsche Sequenzen (die Verfolgung des einzig denkenden Robots in einer
riesigen Halle voll von Maschinen, die ihm natürlich bis auf die Schraube
gleichen), und einige, die eben sein müssen, wie die Materialschlacht bei
einer Verfolgung in einem Tunnel.
Der Regisseur scheint uns dauernd darauf hinzuweisen, dass er keine Lust
hat, einen mythologischen Subtext-Haufen herzurichten. Er erzählt nicht die
Geschichte der Roboter, die eine Sklaven- und Rassismusgeschichte
weiterspinnen (obwohl er drei ironische Hinweise darauf gibt, dass man
diese Geschichte durchaus erzählen könnte als Fortsetzung der
afroamerikanischen Passion), er erzählt nicht die Liebesgeschichte zwischen
dem Detektiv und der Roboterpsychologin (obwohl er eine kleine, schräge
Sexszene einbaut, die uns daran erinnert, dass CRASH auch eine
SF-Geschichte ist, die Geschichte, unter anderem, von der Sexyness der
maschinellen Teile in menschlichen Körpern), er erzählt nicht die
Geschichte vom zukünftigen Metakapitalisten und seiner totalen
Maschinenschöpfung, und er erzählt nicht die Geschichte von der Tristesse
des Retro-Detektivs in der elektronisch angefaulten Wirklichkeit der
Science-Fiction noire. Dass Proyas all diese Geschichten andeutet, bevor er
sie mit einer gewissen Zärtlichkeit beiseite legt, macht den eigentlichen
Charme seines Filmes aus: Als wollte uns der Regisseur sanft zurückführen
in eine Zeit, in der Science-Fiction noch der
demokratisch-wissenschaftliche Gedankenspielplatz war, in dem sich Kids
eine Zukunft träumen, die weder Football spielen noch Rockstar werden
wollen. Was der Film erzählt, ist eine paradoxe Geschichte von der
gleichzeitigen Bestätigung und Widerlegung der Vorteile gegen ein Leben, in
dem man Maschinen ins Konzept der Schöpfung integrieren muss. Auch was die
Filmgeschichte der Mensch-Maschinen-Diskurse anbelangt, fängt „I, Robot“
noch mal von vorne an. Fort mit der paradoxen Mystik des „Blade Runner“,
fort mit den familiären Hassmythen der „Terminator“-Filme, fort mit dem
elektronischen Pinocchio von „A. I.“, „I, Robot“ möchte die Asimov’sche
Welt- und Maschinenlogik ernst nehmen und zugleich einen Film für unsere
Zeit drehen; er will ein bisschen Aufklärung und ein bisschen Mythos sein.
Das ist ein unmögliches Unterfangen, aber der Regisseur hat sich trotzdem
gut aus der Affäre gezogen. Will Smith ist ein schäbiger Retro-Cop in einer
schmutzig banalen Zukunft, in denen einzig und allein die Robot-Diener das
Leben erträglich machen. Sie sind freilich radikal privatisiert; sie dienen
offensichtlich nur ihrem Besitzer, und sie tun das im Sinne treuer
persönlicher Loyalität, aber mit der Traurigkeit eines missbrauchten
Objekts. Diese Privatisierung, so viel verrate ich, ist in Bezug auf das
Asimov’sche „Ethos“ der Robots der Kick zur Lösung des Problems. Denn was
ist mit Mensch gemeint, ein Individuum, ein soziales Glied oder eine
existenzielle Gattung? Das Problem nämlich liegt nicht in der inneren
Evolution zum lebendigen und bewussten System, sondern es liegt im
Maschinen-Bewusstsein des Menschen. Das Tolle an einer Ich-Maschine ist es,
dass sie die Probleme des menschlichen Subjekts zugleich widerspiegelt und
verschärft.
Die Subjekt-Maschine als Retter in „I, Robot“ ist ziemlich offensichtlich
eine letzte Hoffnung im durchgeknallten Neoliberalismus. Gleich zweimal
sind es die Maschinen, die den Menschen an seine verlorene Verantwortung
erinnern müssen, einmal als Subjekt der Geschichte und einmal als
erkennendes Subjekt in der moralischen Entscheidung. Dass beides nicht
zusammen geht, macht die Sache spannend. Intelligente Maschinen in der
Fiktion sind einerseits Verlängerungen und andererseits Verstärkungen
menschlicher Konflikte: Nur der Maschine trauen wir zu, die Grenzen der
Kleinmut, des Sachzwangs und der Marktgesetze zu überschreiten, an die wir
uns gewöhnt haben. Der Trick an Proyas’ Asimov-Fantasie ist, dass er lauter
offene Enden erzeugt, nicht bloß in Hinblick auf die möglichen Sequels.
Natürlich ist „I, Robot“ ein Mainstream-Film, der gerne ein Blockbuster
wäre. Deswegen gibt es auch ausgedehnte Action-Sequenzen, die aber spürbar
nicht mit derselben Liebe gemacht sind wie die intelligenteren und
witzigeren Szenen. (Und den Zukunfts-Audi unseres Helden haken wir gleich
als lachhaftesten Merchandising Trick des Jahres ab: so schlecht, dass es
womöglich schon wieder subversiv ist.) Nein, wirklich großartig in diesem
Film sind die Szenen um den einen, den „denkenden“ und also seienden Robot,
der sich äußerlich durch nichts von den anderen unterscheidet; wirklich
großartig ist „I, Robot“, wenn er, wie die gute alte Hard Science-Fiction,
einem Spiel beim Denken zuschaut.
„I, Robot“. Regie: Alex Proyas.Mit Will Smith, Bridget Moynaham, Bruce
Greenwood, USA 2004, 115 Min.
4 Aug 2004
## AUTOREN
(DIR) GEORG SEESSLEN
## ARTIKEL ZUM THEMA