# taz.de -- „Die Drogenkartelle brauchen Territorium“
> MEXIKO Der Journalist Luis Hernández Navarro im Gespräch über die
> Umweltzerstörung in seinem Land, Verbrechen gegen Aktivisten und die
> „ökologische Bewegung von unten“
INTERVIEW WOLF-DIETER VOGEL
sonntaz: Herr Navarro, man kennt Sie als großen Kenner des Zapatismus und
als Gewerkschaftsexperten. Wie kommt es dazu, dass Sie sich jetzt mit
Umweltfragen beschäftigen?
Luis Hernández Navarro: In Mexiko wird derzeit in geradezu wilder Form die
Umwelt zerstört. Der offene Tagebau spielt dabei eine große Rolle, aber
auch immer mehr Wasser wird vergiftet, ganze Wälder werden abgeholzt. Zudem
soll der Anbau von gentechnologisch verändertem Mais bald legalisiert
werden. Schon jetzt ist Mexiko eine große Müllhalde. Das hat zu einem guten
Teil mit dem Entwicklungskonzept zu tun, das hinter der Freihandelspolitik
steckt.
Wieso?
Die mexikanische Industrie war ab Ende der 1970er Jahre stark von den
Maquiladoras, den Weltmarktfabriken im Norden, geprägt. Mexiko bot billige
Arbeitskräfte. Mit dem Freihandelsvertrag zwischen den USA, Kanada und
Mexiko, der 1994 in Kraft trat, boomte die Region regelrecht. Schon das
führte dazu, dass die Umwelt kollabierte: Abwässer wurden hemmungslos in
den Rio Bravo geleitet, giftige Gase aus Gießereien verschmutzten die Luft.
Doch als dann 2001 China der WTO beitrat und wesentlich günstigere
Arbeitskräfte anbot, migrierten viele der internationalen Unternehmen in
den Osten. Innerhalb von vier Jahren ging die Zahl der Maquiladoras auf die
Hälfte zurück. Das veranlasste die Regierung de facto zu einem Moratorium
der Umweltauflagen. Sie schloss die Augen, wenn diese Gesetze verletzt
wurden, damit die Industrie nicht in den Schutz der Umwelt investieren
muss. Das hat schwere Zerstörungen der Natur sowie große gesundheitliche
Schäden hervorgerufen. In einigen Regionen sind die Krebserkrankungen
zehnmal höher als im bundesweiten Durchschnitt, Kinder werden ohne Gehirn
geboren. Auch schwerwiegende Hautprobleme stehen häufig im Zusammenhang mit
dem Ausstoß giftiger Abfälle der Industrien, offener Müllhalden oder der
Wasserverschmutzung.
Trotzdem ist die Regierung immer noch nicht bereit, die Umweltauflagen
konsequenter anzuwenden?
Nein. Sie rechtfertigt ihre Politik mit der Schaffung von Arbeitsplätzen.
Die Regierung bietet den Unternehmen weiterhin an, die Augen zu schließen,
damit diese investieren. Aber es gibt noch einen anderen Grund: Viele
Politiker arbeiten mit den Firmen zusammen und bekommen von ihnen zum
Beispiel Geld für ihre Wahlkampagnen.
Aber offensichtlich regt sich Widerstand.
Die zerstörerische Entwicklung führt zu zahlreichen Protesten. Vor allem
arme ländliche und städtische Bevölkerungsschichten wehren sich. Am
stärksten leiden indigene Gemeinden, denn sie verfügen ja über den größten
natürlichen Reichtum. Da geht es um einen Kampf um die Ressourcen, die die
Menschen zum Überleben brauchen. Sie sind Umweltschützer geworden, weil sie
existenziell bedroht sind. Wahrscheinlich würden sie sich selbst gar nicht
so nennen. Ich spreche von einer ökologischen Bewegung der Armen.
In Deutschland verbindet man diese Bewegung eher mit der Mittelschicht, die
Grünen stehen zum Beispiel dafür.
In Mexiko galt die Umweltproblematik lange Zeit als Luxusproblem der
Gesellschaften der Ersten Welt, also gewissermaßen auch als ein Problem der
Mittelschicht. Doch nun ist diese ökologische Bewegung von unten
entstanden. Die Menschen wehren sich dagegen, dass die Bäume ihrer Wälder
gefällt werden, Staudämme die Erde austrocknen oder der offene Tagebau
Boden und Wasser vergiftet. Zugleich leiden diese Umweltaktivisten unter
denselben Problemen wie die große Mehrheit der sozialen Bewegungen: Sie
werden kriminalisiert und sind schweren Menschenrechtsverletzungen
ausgesetzt. Viele wurden ermordet, gewaltsame Repression ist alltäglich.
Sie sind also Opfer der Umweltverschmutzung und zugleich werden ihre
Menschenrechte verletzt.
Wer steckt hinter den Aggressionen?
Für die Angriffe gegen Bergbaugegner sind meist die Minenunternehmen
verantwortlich. Zum Beispiel die kanadische Firma Blackfire, die in Chiapas
agiert. Dort wurde Mariano Barca ermordet, der sich gegen den giftigen
Abbau von Mineralien wehrte. Eines Tages erschienen vor seinem Haus drei
Killer und erschossen ihn. Die Ermittlungen ergaben, dass die Attentäter
Verbindungen zu Blackfire hatten. Später wurden sie aber einfach
eingestellt. Ähnlich sieht es in San José de Progreso in Oaxaca aus. Auch
dort wehren sich die Einwohner gegen den Bergbau. Vor vier Monaten wurde
ein Wortführer der Bewegung ermordet. In diesem Fall stecken die Pistoleros
mit dem örtlichen Bürgermeister, dessen Umfeld von der Mine profitiert, und
dem Unternehmen unter einer Decke. Andernorts sind illegale Holzfäller für
die Angriffe verantwortlich. Überall, wo Konflikte existieren, gibt es eine
spezifische Formen der Repression. Häufig sind Polizisten und Behörden
beteiligt.
Welche Rolle spielt die Mafia?
Die Drogenkartelle brauchen Territorium, um Marihuana und Mohn zu pflanzen.
Zudem müssen sie Kokain transportieren, das aus Kolumbien kommt. Und sie
brauchen menschliche Ressourcen, Killer zum Beispiel. In ihrer Strategie
der territorialen Kontrolle zählt der Schutz der Umwelt nicht zu ihren
größten Sorgen. Häufig sind sie mehrfach in gesetzeswidrige Geschäfte
involviert: Im Bundesstaat Michoacán fällen sie illegal Holz und
transportieren Drogen. Entsprechend terrorisieren sie die Bevölkerung.
Zudem müssen sie ihr Geld waschen, mindestens 30 Milliarden Dollar müssen
jährlich in die legale Geldzirkulation eingehen. Ein gut Teil dieses
Vermögens fließt in touristische Projekte, durch die viele Mangroven
zerstört werden.
Zurück zur legalen Wirtschaft: Bergbau wird vor allem von kanadischen
Unternehmen betrieben. Welche Rolle spielen europäische Firmen?
Die Spanier verhalten sich wie die neuen Kolonisatoren. Sie besetzen viele
Räume, die vorher US-Territorium waren. So etwa das Energieunternehmen
Endesa und der Erdölkonzern Repsol, aber auch Baufirmen und Betriebe, die
giftige Müllhalden hervorbringen. Andere sind wie Aguas de Barcelona in die
Privatisierung von Wasser in urbanen Zonen involviert. Die Unternehmen
verhalten sich wie eine koloniale Macht. Die Menschenrechtsklausel, die im
Kooperationsvertrag zwischen der EU und Mexiko festgeschrieben ist,
interessiert da niemand. Was zählt, sind ökonomische Interessen.
In Bolivien und Ecuador, wo das Verhältnis zur Natur durch indigene
Organisationen eine besondere Rolle spielt, hat sich eine Debatte um das
Konzept des „Buen Vivir“ entwickelt. Diese Idee eines „erfüllten Lebens“
setzt auf ein Leben im Einklang mit der Natur. Gibt es in Mexiko ähnliche
Diskussionen?
Man verwendet zwar nicht diesen Begriff, aber diskutiert über das, was sich
dahinter verbirgt: die Harmonie mit der Natur. Damit beschäftigen sich auch
bei uns vor allem Indigene. Sie klagen Autonomie und das Recht auf
Selbstbestimmung ein, haben eigene Behörden sowie Regierungen und kümmern
sich um die Wiederbelebung ihrer Traditionen. In der Gemeinde Cherán
kämpfen sie zum Beispiel gegen die Abholzung ihrer Bäume. Der Waldschützer
ist in indigenen Gemeinden eine wichtige Person.
■ Luis Hernández Navarro: „Wer Beton sät, wird Zorn ernten. Mexikos
Umweltbewegung von unten“. Unrast-Verlag, Münster 2012, 200 Seiten, 14 Euro
8 Dec 2012
## AUTOREN
(DIR) WOLF-DIETER VOGEL
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