# taz.de -- Die Armen trifft es stärker
       
       > Benachteiligte Stadtteile in Bremen sind deutlich mehr von der
       > Coronapandemie betroffen. Bei Expert*innen und Politiker*innen kursieren
       > dafür verschiedene Erklärungen
       
 (IMG) Bild: Tenever: Der Bremer Stadtteil verzeichnet gegenwärtig offiziell 15 Infektionen pro 1.000 Einwohner
       
       Von Jan Zier
       
       Ärmere Menschen sind in Bremen gesundheitlich derzeit deutlich stärker von
       der Corona-Pandemie betroffen als wohlhabendere. Das geht aus einer
       kleinräumigen Untersuchung auf Stadtteilebene hervor, die das zuständige
       Gesundheitsressort erstellt hat. Die Statistik sagt aber nichts darüber
       aus, wo sich die Menschen mit dem Virus angesteckt haben.
       
       Jedoch verzeichnet der Stadtteil [1][Tenever gegenwärtig offiziell 15
       Infektionen pro 1.000 Einwohner*innen, in Gröpelingen sind es zwölf] – in
       Schwachhausen, Borgfeld, Oberneuland oder dem Viertel aber nur vier bis
       fünf. [2][Damit sind jene Stadtteile am stärksten betroffen], die stadtweit
       auch die meisten Hartz-IV-Empfänger*innen, die höchsten Anteile an Menschen
       mit Migrationshintergrund und die geringsten Durchschnittseinkommen haben.
       Auch ist schon länger bekannt, dass die mittlere Lebenserwartung in
       Schwachhausen und Oberneuland am höchsten, in Gröpelingen aber am
       niedrigsten ist. Und während die Bewohner*innen Tenevers im Schnitt 31
       Quadratmeter bewohnen können, sind es in Oberneuland doppelt so viele.
       
       Damit zeigt sich auch in Bremen, was sich anderswo schon früher gezeigt
       hat. So gibt es Untersuchungen aus den USA, denen zufolge das
       [3][Infektionsrisiko für schwarze und hispanische US-Amerikaner*innen
       dreimal so hoch] ist wie für weiße, die im Schnitt wirtschaftlich besser
       dastehen. [4][Ein britisches Forscherteam der University of Oxford] hat in
       einer groß angelegten Untersuchung herausgefunden, dass das Sterberisiko
       bei Männern um 60 Prozent höher ist als bei gleichaltrigen Frauen. Im
       gleichen Bereich lag auch das erhöhte Risiko für schwarze und asiatische
       Personen gegenüber Weißen und für arme und benachteiligte Menschen
       gegenüber Bessergestellten.
       
       „Das Infektionsrisiko von Arbeitslosen, Armen und sozial Abgehängten ist
       deutlich höher als das von Reichen“, sagt auch der Kölner Armutsforscher
       Christoph Butterwegge. Er führt dafür im Wesentlichen drei Gründe an:
       Sozial bedingte Vorerkrankungen wie Fettleibigkeit, Asthma, Rheuma oder
       Diabetes, katastrophale Arbeitsbedingungen wie etwa in der
       Fleisch-industrie sowie beengte und hygienisch bedenkliche Wohnverhältnisse
       erhöhten das Risiko sowohl für eine Corona-Infektion als auch für einen
       schweren Krankheitsverlauf. In Deutschland treffe die „zynische Grundregel
       zu: Wer arm ist, muss früher sterben“, sagt Butterwegge. Auch bei jungen
       Patient*innen machen starkes Übergewicht oder Diabetes einen schweren
       Krankheitsverlauf wahrscheinlicher, sagen [5][Forscher*innen aus Boston].
       
       Für Deutschland kam das [6][Robert-Koch-Institut (RKI) in einer neueren
       Studie] zu dem Ergebnis, dass zwar in der frühen Phase der Epidemie
       wohlhabendere Kreise zunächst stärker betroffen waren als jene, die sich
       keine Urlaubsreisen leisten konnten. Der weitere Verlauf des
       Ausbruchsgeschehens lasse aber zumindest „befürchten“, dass „benachteiligte
       Menschen stärker von COVID-19 betroffen sein könnten und sich vorbestehende
       gesundheitliche Ungleichheiten möglicherweise verschärfen“, so das Fazit
       des RKI.
       
       Die Menschen in Tenever oder Gröpelingen seien kommunikativer, lebten enger
       und stärker zusammen, sagt der Bremer Virologe Andreas Dotzauer,
       [7][Professor an der Uni Bremen] – „ich denke schon, dass das eine ganz
       wichtige Rolle spielt“.
       
       Die Gesundheit sei schon immer eng mit der sozialen Frage verbunden
       gewesen, heißt es in der Analyse des Gesundheitsressorts – Covid-19 stelle
       da keine Ausnahme dar. Als Gründe für eine Häufung von Corona-Infektionen
       in benachteiligten Stadtteilen werden beengte Wohnverhältnisse, niedrige
       Einkommen, prekäre Jobs sowie der hohe Migrationsanteil angeführt.
       
       Der Bremer CDU-Gesundheitspolitiker Rainer Bensch machte bei Radio Bremen
       unter anderem nicht deutsche Großfamilien verantwortlich, die trotz Corona
       mit vielen Menschen Familienfeste gefeiert hätten. Das trug ihm scharfe
       Kritik der Linkspartei ein: „Solche Aussagen kennt man bisher nur von der
       AfD.“ Allerdings sagte auch der Gröpelinger SPD-Parlamentarier Muhammet
       Tokmak dem Sender: „Wenn es heißt, Familien dürfen sich treffen, kann es
       schnell angehen, dass man sich mit 15 oder 20 Mitgliedern in einer
       80-Quadratmeter-Wohnung trifft.“
       
       Der für Tenever zuständige Ortsamtsleiter Ulrich Schlüter sieht das Problem
       indes eher im niedrigen Bildungsstand und den fehlenden Sprachkenntnissen
       vieler Menschen in den Hochhaussiedlungen. Er vermutet, dass die Hinweise
       auf Deutsch oftmals schlicht gar nicht gelesen werden könnten.
       
       10 Nov 2020
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] https://datawrapper.dwcdn.net/pVXyQ/1/
 (DIR) [2] https://www.statistik-bremen.de/tabellen/kleinraum/ortsteilatlas/atlas.html
 (DIR) [3] https://www.tagesschau.de/ausland/coronarisiko-usa-101.html
 (DIR) [4] https://www.nzz.ch/wissenschaft/coronavirus-neueste-erkenntnisse-aus-aktuellen-studien-ld.1559237#subtitle-25-juni-covid-19-im-globalen-s-den-jung-aber-h-ufig-vorerkrankt-second
 (DIR) [5] https://jamanetwork.com/journals/jamainternalmedicine/fullarticle/2770542?guestAccessKey=4da3c738-c1dd-4d84-9669-37eb049e13b8&utm_source=For_The_Media&utm_medium=referral&utm_campaign=ftm_links&utm_content=tfl&utm_term=090920
 (DIR) [6] https://www.rki.de/SiteGlobals/Forms/Suche/serviceSucheForm.html?nn=2725444&resourceId=2390936&input_=2725444&pageLocale=de&searchEngineQueryString=Armut+Corona&submit.x=0&submit.y=0
 (DIR) [7] https://www.uni-bremen.de/virologie
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Jan Zier
       
       ## ARTIKEL ZUM THEMA