# taz.de -- Der dreifache Axel wird kommen
       
       > Wintersport Zwar ist Deutschland beim Eiskunstlauf international nicht
       > mehr ganz vorne dabei – aber Berlin gehört zu den europäischen
       > Standorten, die große Talente hervorbringen. Wie Annika Hocke: Mit der
       > 16-Jährigen wächst ein riesiges Talent heran
       
 (IMG) Bild: Hat den Sprung in die nationale Spitze der Eiskunstläuferinnen geschafft: die 16-jährige Annika Hocke
       
       von Marina Mai
       
       Musik liegt ihr im Blut. Jeder Schritt, jede Drehung, selbst das Klimpern
       ihrer Augenlider kommen exakt auf den Takt. Ihr ganzer Körper zeigt dabei,
       welche Freude ihr dieser Sport macht. Wenn man der erst 16-jährigen
       Eiskunstläuferin Annika Hocke beim Training im Sportforum Hohenschönhausen
       zuschaut, ahnt man, dass hier ein riesiges Talent mit Showqualitäten
       heranwächst. Ihr Kurzprogramm läuft sie in diesem Jahr nach der Musik von
       „Carmen“. Carmen? Richtig, das war die Kürmusik, nach der Katarina Witt
       1988 Olympiasiegerin wurde. Und zu Olympia will Annika Hocke auch einmal.
       
       In der aktuellen Saison sind ihre Ziele noch bescheidener. „Es wäre toll,
       wenn ich mich für die Juniorenweltmeisterschaften qualifizieren könnte“,
       sagt die Sportlerin. Sie weiß aber, dass sie sich dort den einzigen
       deutschen Startplatz gegen zwei Sächsinnen erkämpfen müsste, die ein wenig
       älter sind als sie und auch stärker. Annika Hocke hat erst in der aktuellen
       Saison den Sprung in die nationale Spitze der Eiskunstläuferinnen
       geschafft.
       
       Wenn es mit den Juniorenweltmeisterschaften nicht klappt, hofft sie auf das
       Europäische Olympische Jugendfestival im Februar. Hier liegt die
       Altersgrenze für die Teilnahme bei 16 Jahren, und in dieser Altersgruppe
       gibt es keine bessere deutsche Eiskunstläuferin als Annika Hocke.
       Allerdings wurde dieser Wettbewerb nach Erzurum im Osten der Türkei
       vergeben. Mehrere Staaten wie Österreich, die Slowakei und die Schweiz
       haben wegen der angespannten Lage dort schon ihre Teilnahme abgesagt.
       Deutschland könnte folgen. „Vielleicht gibt es ja einen neuen
       Austragungsort?“, fragt sich Hocke.
       
       ## Schule und Trainingeng verzahnt
       
       Der Tagesplan der Zehlendorferin ist hart. Sie hat einen weiten Weg nach
       Hohenschönhausen, wo sie trainiert und auch zur Schule geht. „Aber der Weg
       zwischen Schule und Eishalle beträgt nur 5 Minuten“, sagt sie. Schule und
       Training seien miteinander verzahnt. Das heißt: Eine Trainingseinheit und
       zwei Schulstunden an der Eliteschule des Sports wechseln einander ab. Die
       9. und 10. Klasse kann sie auf drei Jahre verteilen, um Zeit für den Sport
       zu haben.
       
       „Von Berlin möchte ich nicht weggehen“, sagt Annika Hocke. Nicht nur, weil
       es ihre Heimatstadt ist und die Familie ihr den Halt gibt, den sie für
       ihren Sport braucht. Auch die Trainingsbedingungen sind hier professionell
       und gehören zu den besten in Deutschland und Europa. Peter Liebers, Franz
       Streubel und Paul Fentz, die drei besten deutschen Herren im Eiskunstlauf,
       trainieren hier.
       
       „Das motiviert mich. Die drei und auch Kai Jagoda, der wie ich 16 ist,
       können den dreifachen Axel springen. Den will ich als erste deutsche Frau
       zeigen“, sagt Hocke nicht ohne eine Spur Verwegenheit. International gibt
       es bei den Damen lediglich eine Russin und eine Japanerin, die diesen
       Sprung schon einmal im Wettbewerb gestanden haben. Annika Hocke übt ihn
       bisher mit einem Lasso. Das heißt, ihre Trainerin hält sie beim Springen in
       einer Art Angel fest. Die junge Frau zeigt stolz ein Video, das gerade erst
       am Vormittag aufgenommen wurde. Ein sauber gelandeter Dreifachaxel mit
       Angel. Noch zwei Jahre wird sie brauchen, bis das ohne Lasso funktioniert,
       meint die 16-Jährige.
       
       International spielt die Musik im Eiskunstlauf in Russland, Fernost und
       Nordamerika. Mitteleuropäer schaffen es immer seltener in die Weltspitze.
       Doch innerhalb Mitteleuropas gehört Berlin zu den Standorten, die große
       Talente hervorbringen – und auch Talente aus anderen Städten und Staaten
       anziehen. So trainieren hier Miriam Ziegler und Severin Kiefer, die
       österreichischen Meister und EM-Neunten im Paarlaufen.
       
       „In Österreich musste ich mir die Eisbahn mit Achtjährigen und Hobbyläufern
       teilen“, sagt Ziegler, die für das Gespräch mit der taz ihre Trainingsrunde
       kurz unterbrochen hat. „In Berlin habe ich alles: gute Trainer, Läufer auf
       meinem Niveau, die mich anspornen, und Eiszeiten.“ In Berlin werden die
       Eishallen den Sportlern kostenlos zur Verfügung gestellt, erläutert ihr
       Trainer Rico Rex. Und er hofft, dass das unter dem neuen Senat so bleibt.
       In anderen deutschen Städten müssten junge Sportler schon mal bis zu 10
       Euro für eine Stunde Eishalle zahlen.
       
       Rex ist Chemnitzer. Dort trainierte er einst selbst Paarlaufen und brachte
       es zu mehreren Top-Ten-Platzierungen bei Europameisterschaften sowie zur
       Teilnahme an den Olympischen Spielen 2006. Seine sächsische Mundart ist
       nicht zu überhören, wenn er seinen Paaren Korrekturen gibt. Dass Rex heute
       in Berlin als Trainer arbeitet, hat aber nicht nur persönliche Gründe.
       „Hier gibt es mehr Sportler auf jedem Niveau, die sich gegenseitig
       hochpuschen. Das macht die Arbeit angenehmer“, sagt er.
       
       ## Eislauf schon im Kindergarten
       
       Und, ergänzt seine Trainerkollegin Manuela Machon, in Berlin bleibe die
       Talentfindung nicht dem Zufall überlassen. „Talente werden gezielt gesucht
       und gefördert.“ Dazu trägt ein Eislaufkindergarten in Hohenschönhausen bei,
       wo Kinder nicht nur den Umgang mit Schere und Kleber, sondern auch das
       Gleiten und Übersetzen auf Schlittschuhen lernen. 12 kleine Kufenkünstler
       werden jedes Jahr in die erste Klasse der Eliteschule des Sports
       aufgenommen, wo Training und Schule über den Tag verteilt stattfinden.
       „Seit einem Jahr haben wir in Charlottenburg neben Hohenschönhausen eine
       zweite Eliteschule des Sports, auf der man Schule mit Eiskunstlauf
       verbinden kann“, sagt Machon.
       
       Während sie spricht, teilen sich sechs Sportler die Halle im Sportforum:
       „Das sind ideale Bedingungen, andernorts sind es doppelt so viele.“ Zu
       diesen sechs gehören Minerva Hase und Nolan Seegert, die große deutsche
       Paarlaufhoffnung für die Olympischen Winterspiele 2022 in Peking. Derzeit
       sind die 17-jährige Schülerin und der 22-jährige Lehramtsstudent erst das
       drittplatzierte deutsche Paar – doch die beiden aktuellen Spitzenpaare
       werden nach 2018 wohl mit dem Leistungssport aufhören.
       
       21 Nov 2016
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Marina Mai
       
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