# taz.de -- schachmatt: Der WM-Kampf zwischen Kasparow und Kramnik
       
       > Diktator im Würgegriff
       
       „Ein Sieg von Kramnik käme einem Erdbeben gleich“, befindet The week in
       chess ([1][www.chesscenter.com]), die Bibel der Schach-Freaks im Internet.
       Solch verwerflich Gedankengut darf das Zentralorgan von Garri Kasparow,
       [2][www.kasparovchess.com], natürlich mit keiner Zeile verbreiten. Sicher,
       der erste WM-Gegner des eigenen Herrn und Meisters wird stark geredet. Doch
       wer glaubte ernstlich an einen Sieg des Weltranglistenzweiten in London?
       
       Noch nie gewann Wladimir Kramnik einen Zweikampf, während der
       Titelverteidiger alle vernichtete. Nach drei der 16 Partien liegt jedoch
       Kramnik mit 2:1 in Front, obwohl er bereits zweimal die schwarzen Steine
       führte. Ein schwer wiegender Nachteil für Kasparow, der die
       Eröffnungstheorie revolutioniert hat und wie kein Zweiter mit Weiß ein
       Powerplay aufzuziehen weiß. In der dritten Begegnung geriet Kramnik in arge
       Not, doch nach 53 Zügen rettete er ein Remis. Auch in Partie zwei hatte
       sich Kramnik auf der Höhe gezeigt und Kasparow in dessen Leib- und
       Magenvariante Grünfeld-Indisch mit einem Zug ausgetrickst, der zunächst als
       verhängnisvoll abgetan worden war.
       
       Trotz Kramniks Führung verhallen die Unkenrufe nicht. Ex-Champ Anatoli
       Karpow vermutet gar ein abgekartetes Spiel in dem „Freundschaftsspiel um
       ein hohes Preisgeld“ (zwei Millionen Dollar). Genüsslich referiert der 1985
       entthronte Russe über ein Internet-Match, in dem Kramnik 12:11 gegen
       Kasparow führte, um dann die letzte Partie trotz aller Vorteile stümperhaft
       zu verlieren. Ähnliches erwartet Karpow nun in den Riverside Studios. Der
       49-Jährige selbst sieht sich bis zur Klärung vor Gericht in Lausanne
       (Schweiz) immer noch als legitimer Weltmeister der Fide – gleichwohl diese
       den St. Petersburger Alexander Chalifman als seinen Nachfolger führt.
       
       Juristische Winkelzüge unternimmt mittlerweile auch Alexej Schirow. Just 24
       Stunden vor dem Auftakt des Londoner Duells erhob er Klage. 1998 hatte der
       Lübecker Bundesligaspieler Schirow jenen Kramnik mit 5,5:3,5 bezwungen und
       damit das Recht erhalten, das Match gegen Kasparow auszutragen. Doch
       Letzterer stempelte den Wettkampf mit dem wenig genehmen Sieger als „für
       Sponsoren wertlos“ ab und verhandelte stattdessen mit dem damaligen
       Weltranglistenzweiten Viswanathan Anand über eine Neuauflage der WM von
       1995.
       
       Der Inder verlangte indes im Frühjahr 300.000 Dollar als Garantiesumme,
       sollte ein Match, wie vorher passiert, mal wieder abgeblasen werden.
       Kasparow fühlte sich brüskiert und präsentierte kurzerhand Kramnik, den er
       schon mit 17 ins russische Nationalteam geboxt hatte. Der 25-Jährige half
       seinem Mentor gerne. Obwohl Kramnik als einziger Großmeister mit 4:3-Siegen
       einen positiven Score gegen die Nummer eins aufweist, scheint nur Anand dem
       Außenseiter die WM-Krone zuzutrauen. „Kasparow spielt im Allgemeinen sehr
       gehemmt gegen Kramnik, ja geradezu schrecklich. Ständig hat er Angst vor
       irgendetwas“, analysiert Anand.
       
       Psychologisch befindet sich der junge Stoiker („Ich bin nie aufgeregt“)
       jetzt im Vorteil. 82 Partien lang war der „Meister des Betonschachs“ bis zu
       seiner ersten Niederlage in Dortmund nach fast 18 Monaten unbezwungen.
       Diesmal muss die Python nur noch 13 Partien durchhalten. Für Kasparow wäre
       eine Pleite besonders bitter, denn dann würden alle sagen, er habe die
       Schlangenbrut am eigenen Busen genährt.
       
       Während Kasparow hernach womöglich gar abträte, wie mancher hofft, könnte
       sich der Pragmatiker Kramnik mit der Fide auf das Ende des Titel-Wirrwarrs
       einigen. Die Schachwelt würde deshalb ein Erdbeben begrüßen. Vielleicht das
       erste, das keine Gräben aufreißt, sondern Risse kittet. HARTMUT METZ
       
       14 Oct 2000
       
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