# taz.de -- Der Stadtverkünstlerungsverein
       
       > Im Verein ist Kunst am schönsten (6): Zurecht zählen die Kunstvereine
       > seit 2021 zum immateriellen Weltkulturerbe: Ihre Erkundungs- und
       > Vermittlungsarbeit macht Gegenwartskunst für jeden erfahrbar – noch bevor
       > sie im Museum einstaubt. Und jeder hat seine ganz eigene Geschichte: Die
       > taz erkundet ihren Beitrag zum norddeutschen Kulturleben in Porträts.
       > Diesmal: Wolfenbüttel
       
 (IMG) Bild: Und wenn Stadtpatron Wulferus doch nach einem Wolf geheißen hätte? Stefanie Klingemann lässt die Besucher- Innen der aktuellen Kunstvereinsausstellung das nächtliche Wolfenbüttel erkunden – als Teil eines Rudels
       
       Von Bettina Maria Brosowsky
       
       Als „klein aber fein“ bezeichnet sich selbst der Kunstverein Wolfenbüttel
       mit derzeit um die 140 Mitgliedern. Seine Gründung erfolgte 1975 mit
       sicherem Instinkt während des ersten Europäischen Denkmalschutzjahres, das
       „eine Zukunft für unsere Vergangenheit“ forderte. Wenn ein
       Residenzstädtchen wie Wolfenbüttel den Zweiten Weltkrieg weitgehend
       unbeschadet überstanden hatte, dann sah es dort in den 1970er-Jahren düster
       aus: Verfall statt schmuck aufgepäppelter Fachwerkhäuser, Plätze und
       Straßen wie heute – und mittendrin ein nagelneues Kaufhaus von der Stange,
       das mittlerweile auch schon wieder abgerissen ist.
       
       In diesem Klima entschieden sich engagierte Bürger:innen, die Geschicke
       ihrer Stadt aktiv in die Hand zu nehmen. Eine Idee: [1][ein Kunstverein, um
       die Stadtentwicklung mit kulturellen Impulsen zu stimulieren]. Neben
       lokalen Persönlichkeiten wie dem legendären Bibliothekar und
       Literaturwissenschaftler Paul Raabe, der gerade die ehrwürdige
       Herzog-August-Bibliothek als internationales Zentrum kulturgeschichtlicher
       Forschung [2][neu positionierte], engagierten sich Professor:innen der
       Kunsthochschule Braunschweig für den Kunstverein und stellten dort aus.
       
       Mit ersten Mitteln der städtebaulichen Denkmalpflege floss auch Geld aus
       dem Kultursektor an den Kunstverein, und das Programm galt seither stets
       als förderungswürdig. Ebenso lang ist [3][Lienhard von Monkiewitsch] dabei:
       Der weltweit anerkannte Maler und Objektkünstler war Gründungsvorsitzender,
       noch immer gehört er dem Vorstand an, wenn auch jetzt nur noch als Vize. In
       den 1990er-Jahren übernahm der Braunschweiger Ex-Galerist Günther Langer
       die organisatorischen Belange des Kunstvereins, besonders die Finanzen
       stellte er auf stabile Füße. Mit etwas Sorge blickt er auf die
       Mitgliederzahlen: kaum neue Eintritte, eher Abgänge, und auch die
       Braunschweiger Kunststudierenden pflegen, anders als früher, ein geradezu
       demonstratives Desinteresse.
       
       Von Anfang an nutzt der Kunstverein drei Erdgeschoss-Räume im sogenannten
       Prinzenpalais, ein Fachwerkkonglomerat direkt im Zentrum Wolfenbüttels, mit
       Substanz bis ins frühe 17. Jahrhundert. Seine Bezeichnung stammt aus der
       kurzfristigen Nutzung durch ein preußisch-welfisches Kronprinzenpaar um
       1730. Die wechselvolle Geschichte, auch als Bankhaus, hinterließ einen
       historischen Tresorraum im Keller sowie im Obergeschoss einen der Zeit
       entrückten Festsaal – beide Räumlichkeiten nutzt auch der Kunstverein.
       
       In Zeiten pandemiebedingter Schließungen kamen dem auch zwei große
       Schaufenster zupass, ein Relikt der Banknutzung: Mit ihnen war es möglich,
       Kunst in den öffentlichen Raum zu präsentieren. Das morbide
       Architekturensemble wurde nach einigen Besitzerwechseln 2019 vom Verein
       „TonArt“ erworben, der es denkmalgerecht sanieren und als Kulturhaus für
       Musik und Kunst weiter etablieren möchte.
       
       Seit Anfang 2019 ist Stine Hollmann Geschäftsführerin und künstlerische
       Leitung. Ihr Programm prägt, unter regulären Bedingungen, eine rasante
       Taktung: fünf oder sechs Ausstellungen, ein Schulprojekt, eine
       Sommer-Aktion im Stadtraum und sowie eine im Landkreis Wolfenbüttel.
       
       Das diesjährige Freiluftprogramm findet als Parcours durch die historische
       Innenstadt Wolfenbüttels statt, Titel: „KiöR – Bestandsaufgabe“. Die
       Abkürzung steht für „Kunst im öffentlichen Raum“. Das Kunstwort
       „Bestandsaufgabe“ verweist auf den Bestand als Aufgabe, wie sie
       beispielsweise die Denkmalpflege wahrnimmt.
       
       Das Thema, so heißt es, knüpft an akute Überlegungen zum Umgang mit
       Kunstwerken im öffentlichen Raum an, eine Auseinandersetzung, nicht nur in
       Wolfenbüttel. Wie soll mit altem Kunstbestand umgegangen werden, wenn er
       städtebaulichen Neuplanungen im Wege steht? Wie und wo können zeitlich
       begrenzte Projekte Raum finden? Können sie den Stadtraum neu verhandeln,
       gestalterische Potentiale aufdecken, historische Deutungen aufbrechen, neue
       Stadtwahrnehmungen initiieren? Sieben eingeladene Künstler:innen sind in
       die historische Innenstadt aufgebrochen und haben auf räumlich
       architektonische Situationen reagiert.
       
       Den Wolf aus dem Stadtnamen liest die Kölnerin Stefanie Klingemann dafür in
       trotziger Volksetymologie [4][als Referenz] aufs Tier. Anlass der
       [5][kreativen Fehllektüre]: Sie sah im städtischen Depot die kleine
       Bronzefigur „Wolf“ des Bildhauers Erich Schmidtbochum (1913–1999). Für
       einen fiktiven Wolf entwarf sie einen nächtlichen Streifzug durch die
       Innenstadt, Spaziergänger:innen können, aus der Perspektive dieses
       Vierbeiners, ihren gewohnten urbanen Raum nun neu erkunden.
       
       Der visuellen Glaubwürdigkeit der Schwerkraft geht Volker Tiemann nach. Der
       Bildhauer aus Kiel fertigte einen überdimensionierten Stuhl, der, wie mit
       übermenschlicher Kraft gegen das Gebäude geworfen, in seinen zerborstenen
       Einzelteilen an der Fassade eines Bankhauses montiert ist. „Die Dinge
       bleiben nicht von allein dort, wo man sie gerne hätte, sondern man muss
       verhältnismäßig viel Energie investieren, um die Dinge so aussehen zu
       lassen, wie sie aussehen sollen“, so Tiemanns sibyllinischer Kommentar zum
       Objekt. Das lässt sich auch als Appell an den Kunstverein deuten.
       
       KiöR – Bestandsaufgabe: bis 5. 9., Kunstverein Wolfenbüttel
       
       www.kunstverein-wf.de
       
       25 Aug 2021
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] http://www.kunstverein-wf.de
 (DIR) [2] https://de.wikipedia.org/wiki/Paul_Raabe
 (DIR) [3] /!5758945/
 (DIR) [4] https://www.zedler-lexikon.de/index.html?c=blaettern&seitenzahl=0727&bandnummer=59&view=150&l=de
 (DIR) [5] https://journals.sagepub.com/doi/abs/10.1177/00030651970450021901
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Bettina Maria Brosowsky
       
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