# taz.de -- Der Springsteen des Ostens
       
       > KULT Am Sonnabend wäre Gerhard Gundermann 60 Jahre alt geworden. Diverse
       > Musiker ehren den Lausitzer Rockpoeten und Baggerfahrer mit
       > Tributliedern. Aber was war so besonders an dem Mann, dem auch heute noch
       > viele die Treue halten – in Ost und West
       
       VON GUNNAR LEUE
       
       „Linker Radikalist, kleinbürgerlicher Egoist, Karrierist, verfolgt
       terroristische Ziele“ – klingt interessant, was die
       Kreisparteikontrollkommission Spremberg da 1979 im SED-Ausschlussverfahren
       gegen den Genossen Gundermann vorbrachte. Selbst für DDR-Bürger ohne
       Parteibuch wäre das eine Menge Holz für einen hübschen Scheiterhaufen
       gewesen. Über so einen Menschen müsste eigentlich ein Film gemacht werden.
       
       Wird ja auch. Der Regisseur Andreas Dresen hat ihn fest im Plan. Vorher
       spielt er aber erst mal ein paar Lieder von „Gundi“ mit seiner Gruppe, zu
       der auch der Schauspieler Axel Prahl gehört, am Sonnabend und Sonntag im
       Kesselhaus. Anlass ist der 60. Geburtstag des Musikers, der 1998 bereits
       mit 43 an einem Hirnschlag starb.
       
       Bis auf seine Kinderjahre in Weimar hatte Gerhard Gundermann immer in der
       Lausitz gelebt und gearbeitet. Wobei gearbeitet „echtes Arbeiten“ meint,
       wie Gundermann selbst sagte, also körperlich. 1975 hatte er als
       Hilfsarbeiter im Braunkohletagebau Spreetal angefangen, ehe er sich zum
       Baggerfahrer qualifizierte. An der Gleichzeitigkeit von Arbeiter- und
       Musikersein hielt er bis zum Tode fest – nach der Schließung seines
       Tagebaus 1997 schulte er noch zum Tischler um –, auch wenn ihn der Stempel
       „Baggerfahrer und Rockpoet“ zuweilen ankotzte.
       
       Obwohl er durchaus von seiner Musik hätte leben können – er schrieb auch
       Liedtexte für die Band Silly –, lehnte er es ab, „für Brot Kunst machen zu
       müssen“. Aus Prinzip, um sich als Künstler nicht zu verbiegen. Außerdem zog
       er aus der Maloche einen Gutteil seiner poetischen Kraft, mit der er vor
       allem nach der Wende die Gefühle und Erlebnisse vieler Ostler beschrieb.
       
       ## Aus der Seele gesprochen
       
       Songs wie „Alle oder keiner“, „Halte durch“ oder „Hier bin ich geboren“
       waren keine Ostalgieschunkler, sondern raue Volks- und Heimatlieder aus der
       Lausitz, die auch in Rostock und Suhl gut verstanden wurden. Und vom
       deutschen Rockfeuilleton, dessen Blick über den Tellerrand selten ostwärts
       ging, geflissentlich ignoriert.
       
       Ein auffälliger Rock-’n’-Roller war er – immer in Jeans und Fleischerhemd
       und etwas blass – ja auch nicht. Kein Alkohol, keine Zigaretten, irgendwann
       nicht mal mehr Fleisch aus Respekt vor den Tieren. Geschlaucht war er nicht
       von zu viel Party on tour, sondern vom Hin und Her zwischen Schicht und
       Konzert.
       
       Die „gelebte Doppelrolle Werktätiger und Musiker“ war es jedoch nicht
       allein, die zum Beispiel Axel Prahl fasziniert. Er hatte Gundermann zwar
       nie persönlich kennengelernt, aber bereits vor dem Mauerfall während eines
       Gastspiels in Dresden eine Kassette mit Gundermann-Songs von Ostmusikern
       geschenkt bekommen. „Die gefielen mir sehr gut. Sie haben eine ähnliche
       Tiefe wie die Songs von Rio Reiser, mit dem ich ja groß geworden bin.“
       
       Anderen Künstlern mit Westherkunft ging es offenbar ähnlich. Wer irgendwann
       auf die Lieder stieß, entdeckte auch den außergewöhnlichen Künstler
       dahinter. „Es gab und gibt nicht viele aufrechte Songschreiber“, begründet
       Stoppock seine Mitwirkung an einem aktuellen Hommage-CD-Projekt in Potsdam.
       
       Zur Schar unterschiedlichster Künstler gehört auch Konstantin Wecker, der
       das Faszinosum Gundermann auf den Punkt bringt: Der Sänger und Schreiber
       habe eben nicht nur tolle Lieder geschrieben, sondern den Mut gehabt, sich
       immer zwischen die Stühle zu setzten. Darin war er wirklich ein Meister,
       denn beim Kampf für eine bessere, sozialistische Welt verstand er keinen
       Spaß. „Kein Humor“ nannte er selbst mal seine peinlichste Eigenschaft. Wer
       nach seiner Ansicht den Sozialismus schädigte, den zählte er an. Guten
       Gewissens, da er sich selbst voll in die Pflicht nahm.
       
       Dass er Che Guevara toll fand, hatte er mit vielen im Osten gemein. Dass
       er, um auch ein „Soldat der Revolution“ zu sein, eine Offizierslaufbahn
       einschlug, war allerdings nicht ganz normal. Vielmehr ein früher Fingerzeig
       auf die ebenso kompromisslose wie ambivalente Art, die Gundermann für viele
       zum Spinner machte. Von der Offiziersschule verabschiedete er sich denn
       auch, nachdem er sich geweigert hatte, ein Loblied auf den amtierenden
       DDR-Armeegeneral zu singen.
       
       Nichtsdestotrotz ging er gewissenhaft einer Stasi-IM-Tätigkeit nach.
       Einerseits, um darauf hinzuwirken, dass nicht nur ausgewählte Mitglieder
       seines Singeklubs die Westtourneen mitmachen dürften, sondern alle.
       Andererseits verpetzte er privateste Dinge, die er als feindliches,
       kleinbürgerliches Verhalten betrachtete. Die IM-Tätigkeit beendete er
       wiederum selbst 1984.
       
       Im selben Jahr flog er auch endgültig aus der SED, weil immer noch galt,
       was ihm 1979 die Rüge der Spremberger Funktionäre eingebracht hatte: Er
       würde darauf bestehen, sich seine eigene Meinung zu bilden, gar eine eigene
       Philosophie, was ja nun eine Beleidigung der Wahrheit des
       Marxismus-Leninismus sei. So einen Genossen gab’s selten: ein
       Hundertfünfzigprozentiger und gleichzeitig nicht linientreu, weil auf die
       Treue zur wahren sozialistischen Lehre pochend – ohne Ansehen der Person.
       Zitierte den Funktionären aus dem SED-Statut, dass er sie kontrollieren
       müsse, nicht umgekehrt. In ihrer „Für oder gegen uns“-Beschränktheit
       guckten die nur perplex aus der Wäsche.
       
       Am Ende war er für alle ein Spinner, denn auch die Arbeitskollegen
       begriffen nicht, warum er alles so ernst nahm. Seine Kompromisslosigkeit
       behielt Gundermann nach der Wende bei. Da wollte er, ein großer
       Springsteen-Fan – von manchen sogar „Springsteen des Ostens“ genannt – so
       etwas wie eine „Tankstelle für Verlierer“ sein. Links sein bedeutete für
       ihn: für die „unten“ zu sein.
       
       In der Zeit der Wendehälse war er einer, der mit sich selbst ins Gericht
       ging, wobei ihm das Verdrängen nicht fremd war. Seine IM-Geschichte hatte
       er nicht von selbst erzählt, verzeihen mochte er sie sich deshalb
       keineswegs. „Ich hab mich schuldig gemacht vor mir selbst, vor der Idee des
       Sozialismus.“
       
       ## Beliebt auch nach dem Tod
       
       Daran glaubte er weiter, kandidierte 1990 gar für die Vereinigte Linke zur
       Volkskammer, allerdings mochte er sie zuletzt nicht mehr „als Ideologie,
       sondern einfach als das Gegenteil von Egoismus und Wegwerfgesellschaft“.
       
       Wer solche Gedanken hegt und in guten Liedern auszudrücken vermag, der
       findet letztlich überall sein Publikum, und wenn es erst nach dem Tod ist.
       2000 gründete sich in Tübingen die Randgruppencombo (so nannte Gundermann
       sich und seine Band selbst), die seither erfolgreich das Gundi-Liedgut im
       Lande verstreut. Ebenso wie die alte Begleitband Seilschaft und etliche
       weniger oder mehr bekannte Musiker, die nicht nur bei den Tributprojekten
       zum Geburtstag Gundermanns Lieder verbreiten.
       
       ■ Dresen Prahl & Band plus Gäste am Sonnabend (ausverkauft) und Sonntag im
       Kesselhaus, 20 Uhr
       
       20 Feb 2015
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) GUNNAR LEUE
       
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