# taz.de -- Der Löwe tötet die Ameise
       
       > Präsident Kabila hat seinen mächtigsten Gegenspieler Bemba ausgeschaltet.
       > Für Kongos Stabilität verheißt das wenig Gutes
       
       AUS GOMA DOMINIC JOHNSON
       
       Leichen liegen noch auf den Straßen, in den Krankenhäusern der
       kongolesischen Hauptstadt Kinshasa stapeln sich die Opfer der blutigen
       Kämpfe zwischen der Garde von Oppositionsführer Jean-Pierre Bemba und
       Regierungstruppen. Allein im heruntergekommenen Zentralkrankenhaus „Mama
       Yemo“ wurden bis Samstag 147 Tote eingeliefert. Die
       Menschenrechtsorganisation VSV (Voix des Sans-Voix) sprach gestern von
       insgesamt „mindestens 200“ Toten, Diplomaten von bis zu 250.
       
       Offizielle Mitteilungen sprechen von nur 60 Toten. „Die Armee hat die
       Ordnung wiederhergestellt“, lautet der Refrain der staatlichen Medien des
       Kongo. Am Donnerstag hatte sich die Garde des ehemaligen Vizepräsidenten
       und heutigen Oppositionsführers Jean-Pierre Bemba einem Armeebefehl zur
       Auflösung widersetzt und das Zentrum der Acht-Millionen-Stadt Kinshasa
       erobert, bevor die Präsidialgarde und danach die Armee sie am Freitag
       wieder vertrieb. Seit Samstag beruhigt sich die Lage langsam, einzelne
       Geschäfte waren wieder geöffnet. Gestern freilich eröffnete der UN-Sender
       „Radio Okapi“ sein Bulletin so: „Guten Morgen, verehrte Damen und Herren.
       Über Kinshasa ist die Sonne aufgegangen.“
       
       Nun fragen sich die Bewohner Kinshasas, mehrheitlich Bemba-Anhänger, was
       dieser Miniaufstand eigentlich bedeuten sollte. „Wir trauern alle“, gibt
       der Maler Roger Botembe, dessen Wohnviertel Matonge am Freitagnachmittag
       ebenfalls umkämpft war, die Stimmung wieder. „Bemba hat uns enttäuscht.
       Jetzt gibt es in diesem Land keine Opposition mehr.“
       
       Vor wenigen Tagen noch war Jean-Pierre Bemba im Kongo einer der mächtigsten
       Politiker: 42 Prozent hatten bei der Präsidentschaftswahl am 29. Oktober
       für ihn gestimmt, danach war er der Führer der Opposition im Parlament
       geworden. Während der Allparteienregierung der Warlords 2003–2006 war er
       der einzige der vier Vizepräsidenten des Kongo, der dem Staatschef und
       Wahlsieger Joseph Kabila erfolgreich die Stirn geboten hatte.
       
       Aber jetzt sitzt Bemba als Flüchtling in der südafrikanischen Botschaft in
       Kinshasa, vom eigenen Land per Haftbefehl wegen Hochverrats gesucht. Sein
       Mandat als Senator, das ihm Immunität gibt, wird er wohl verlieren und
       damit seine Stellung als parlamentarischer Oppositionsführer. Seine
       Residenz am Kongo-Fluss ist in Trümmer geschossen worden. Seine rund 500
       Mann starke private Garde existiert nicht mehr. 107 von ihnen haben sich
       mit ihren Familien in UN-Obhut gegeben, weitere 100 flohen auf das Gelände
       des anderen früheren Rebellenchefs und Vizepräsidenten Azarias Ruberwa, 44
       entkamen per Boot über den Kongo-Fluss in das Nachbarland
       Kongo-Brazzaville. Der Rest ist vermutlich tot.
       
       Nicht einmal Bembas Sprecher Moise Musangana vermag dahinter eine Strategie
       erkennen. Er fordert Verhandlungen mit Kabila und weist darauf hin, dass
       Bemba schon am Donnerstagabend die Einstellung der Kämpfe verlangt habe.
       Warum haben seine Leute danach aber ihre Offensive weitergeführt? „Sie
       waren hin- und hergerissen zwischen der Intention, aufzuhören, und der
       Notwendigkeit, sich in Sicherheit zu bringen.“ Diente die Eroberung des
       Hafens von Kinshasa und der Luftwaffenbasis Ndolo nicht vielmehr dazu,
       Verstärkung zu holen? „Das war nur ein Reflex, um den Belagerungsring zu
       durchbrechen. Wir haben doch gar keine Boote.“ Und was macht die Truppe
       jetzt? „Es besteht kein Kontakt.“ Augenzeugen berichten von verbreiteten
       Plünderungen im Stadtzentrum, begangen vor allem von Regierungssoldaten.
       Die Armeespitze fordert die Kapitulation der verbleibenden Bemba-Kämpfer
       und verspricht ihnen abwechselnd Posten in der Armee und Anklagen vor
       Gericht. Aber weder Präsident Kabila noch Premierminister Antoine Gizenga
       haben sich zu Wort gemeldet. Einzig der Regierungssprecher spricht, und
       noch öfter die führenden Generäle. Es ist, als habe Kongo eigentlich eine
       Militärregierung, begleitet von einem kaum sichtbaren zivilen Kabinett.
       
       Das Emblem von Bembas Partei MLC, der „Kongolesische Befreiungsbewegung“,
       ist die Ameise: fleißig, gut organisiert und zahlreich, Symbol einer
       disziplinierten Massenpartei. Ganz anders als der Löwe, mit dem sich Kongos
       Diktatoren normalerweise vergleichen: der macht, was er will, brüllt viel
       und frisst andere Tiere. Jetzt hat der Löwe die Ameise zertreten. Der vor
       allem von internationaler Seite geführte Versuch, über Bemba eine
       funktionierende parlamentarische Opposition für eine funktionierende
       Demokratie aufzubauen, ist zusammengebrochen.
       
       Für Kongos Stabilität verheißt das wenig Gutes. Während im Osten des Kongo,
       der 2006 massiv für Kabila stimmte, nach wie vor Kleinkriege toben, mehren
       sich Unruheherde jetzt auch im Westen des Landes, der für Bemba eintritt.
       Die westlich an Kinshasa angrenzende Provinz Bas-Congo befindet sich im
       Aufstand, seit Regierungstruppen Ende Januar Proteste dort mit Gewalt
       zerschlugen und rund 130 Menschen töteten. Aus der östlich an Kinshasa
       angrenzende Provinz Bandundu, Hochburg des Premierministers Gizenga, kommt
       Kritik, dass das Nachbarland Angola elf grenznahe Gemeinden besetzt hat und
       Kongos Regierung dies in Ordnung findet.
       
       „Die Lage wird sehr instabil bleiben“, warnt in Kinshasa Rämy Massamba,
       Generalsekretär der größten außerparlamentarischen Oppositionspartei UDPS
       (Union für Demokratie und Sozialen Fortschritt). „Die Basis für einen
       Zusammenhalt des Landes muss erst noch entstehen. Der Wahlprozess des
       letzten Jahres war schon sehr fragil, daher ist auch sein Ergebnis fragil
       und man muss es durch Dialog konsolidieren.“
       
       26 Mar 2007
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) DOMINIC JOHNSON
       
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