# taz.de -- Debatte: Arme subventionieren Reiche
       
       > Der deutsche Staat bekämpft soziale Ungleichheit nicht - er verstärkt sie
       > sogar noch. Das zeigte sich jetzt wieder bei der Pflegereform:
       > Gutsituierte müssen weniger zahlen
       
       Deutschland ist ein Zweiklassenstaat: Er bekämpft die gesellschaftlichen
       Ungleichheiten nicht - sondern stärkt die Privilegierten sogar noch
       zusätzlich. Wie diese Bevorzugung der Eliten funktioniert, konnte man
       letzte Woche erneut am Beispiel der Pflegeversicherung studieren. Zunächst
       wirkt es harmlos, dass sich die Koalition darauf geeinigt hat, dass die
       gesetzliche Pflegeversicherung ab dem 1. 7. 2008 um 0,25 Beitragssatzpunkte
       teurer werden soll. Doch mit diesem Beschluss werden die privilegierten
       Privatversicherten einmal mehr davor geschützt, gesamtgesellschaftliche
       Solidarität zeigen zu müssen.
       
       Von vorn: Die Pflegeversicherung behandelt alle Versicherten gleich -
       abhängig nach Pflegestufen. Anders als bei den Krankenkassen sind die
       Leistungen der gesetzlichen und der privaten Pflegeversicherung also
       absolut identisch. So weit, so gut. Jedoch zahlen nur die gesetzlich
       Versicherten einkommensabhängige Beiträge. Die Privatversicherten zahlen
       Prämien pro Kopf und müssen sich an den Pflegeversicherungskosten der
       Einkommensschwachen nicht beteiligen.
       
       Das ist gleich vierfach ungerecht: Die Privatversicherten haben im
       Durchschnitt doppelt so hohe Einkommen wie die gesetzlich Versicherten und
       müssten sich daher eigentlich als Erste am Einkommensausgleich in der
       Pflege beteiligen. Zweitens sind die Privatversicherten im Durchschnitt 10
       Jahre jünger, haben also ein deutlich geringeres Pflegerisiko. Denn bis vor
       kurzem konnten ältere Privatversicherte im Krankheitsfall in die
       gesetzliche Krankenkasse und somit auch in die gesetzliche
       Pflegeversicherung zurückkehren. Drittens sind die Privatversicherten im
       Durchschnitt auch im Alter viel weniger pflegebedürftig, weil ihre bessere
       Gesundheit, ihre bessere Bildung und ihr höheres Einkommen sie vor
       Hinfälligkeit stärker schützt. Und viertens sind die Menschen mit besonders
       hohem Pflegerisiko, insbesondere chronisch Kranke und Behinderte, nur im
       Ausnahmefall in der privaten Pflegeversicherung, weil sie dort bis heute
       abgelehnt werden dürfen. All dies hat dazu geführt, dass die private
       Pflegeversicherung Versicherte mit dem doppelten Einkommen hat, aber pro
       Person nur ein Viertel so hohe Pflegekosten aufweist.
       
       Im Koalitionsvertrag war daher eigentlich abgemacht worden, dass es zu
       einem Finanzausgleich zwischen privater und gesetzlicher Pflegeversicherung
       kommen sollte. Es wurde mit einem Transfer von jährlich 2,5 Milliarden Euro
       gerechnet. Doch die CDU bot als Sprachrohr der privaten Assekuranz nur ein
       Almosen von einmalig 60 Millionen Euro an. Gleichzeitig kündigte man an,
       auch dieses Almosen rechtlich strittig zu stellen, um nicht für die
       Krankenversicherung einen symbolischen Schritt in die "falsche" Richtung zu
       tun. Die SPD hat dieses Angebot abgelehnt.
       
       Im Ergebnis bleibt die Pflegeversicherung in Deutschland die einzige
       Versicherung in Europa, wo man gut verdienen muss, um die gleiche
       Versicherung billiger als der Normalbürger kaufen zu können. Das System ist
       vergleichbar mit einem staatlich gesicherten Rabatt auf die
       Teilkaskoversicherung für Autos, den nur Mercedes und BMW-Fahrer genießen
       dürfen. Wahrlich absurd, der Staat schützt die Reichen vor den berechtigten
       Ansprüchen der Armen.
       
       Dieses Prinzip zieht sich wie ein roter Faden durch alle Teile unseres
       Sozialstaats und unser Bildungssystem. Beispiel Rente: Einkommensschwache
       sterben im Durchschnitt acht Jahre früher als Spitzenverdiener. Das hat
       ganz konkrete Folgen für die Rendite der geleisteten Rentenbeiträge. Ein
       Geringverdiener, der lebenslang gearbeitet hat, zahlt im Durchschnitt
       50.000 Euro mehr in die Rentenkasse ein, als er ausbezahlt bekommt. Ein
       Gutverdiener hingegen macht insgesamt einen Gewinn von durchschnittlich
       200.000 Euro. Mit den genau berechneten Verlusten der Geringverdiener
       werden also die Gewinne der Gutverdiener bezahlt. Die Armen subventionieren
       die Privilegierten. Jede Form der steuerfinanzierten Grundrente wäre
       gerechter.
       
       Beispiel Gesundheitssystem: Die gesetzlich Versicherten zahlen den
       Beitragssatz, den Sonderbeitrag und demnächst zusätzlich kleine
       Kopfpauschalen, um die Kosten des Solidarsystems zu schultern. Privat
       Versicherte hingegen zahlen nicht für Einkommensschwache, für die Masse der
       Arbeitslosen, Behinderten und chronisch Kranken. Geringe Kosten, maximale
       Leistung: Privatversicherte genießen eine deutlich bessere Versorgung, weil
       sie von den Spezialisten in Klinik und Praxis als die besseren Kunden
       bevorzugt werden. Für gesetzlich Versicherte hingegen ist es keineswegs
       selbstverständlich, dass sie als Krebspatient tatsächlich zum ausgewiesenen
       Experten in einer Universitätsklinik vordringen können. Denn via
       Gebührenordnung sorgt der Staat dafür, dass es sich für Krankenhäuser und
       Ärzte stärker rechnet, wenn sie einen Privatpatienten versorgen. Gesetzlich
       Versicherte werden wie Patienten zweiter Klasse behandelt, obwohl sie fast
       die gesamte Infrastruktur des Gesundheitssystems finanzieren. Eine
       einheitliche Gebührenordnung für gesetzlich und privat Versicherte wird
       jedoch von der privaten Assekuranz und der CDU kategorisch abgelehnt, weil
       sie die Zweiklassenmedizin gefährden könnte. Bis auf weiteres können
       gesetzlich Versicherte nur hoffen, dass sie selbst oder ihre Kinder
       zufällig über ein Beziehungsnetzwerk verfügen, dass sie bei schwerwiegenden
       Krankheiten dann doch noch mit einem Spezialisten in Kontakt bringt.
       
       Beispiel Bildungssystem: Bei gleicher Begabung werden Kinder aus
       Akademikerfamilien sechsmal so häufig wie Arbeiterkinder zum Gymnasium
       geschickt. Bei Beamtenkindern besuchen fast 85 Prozent das Gymnasium, ihre
       Begabung spielt fast keine Rolle. Nie würden Akademikereltern ihre Kinder
       auf eine Hauptschule schicken, die ihre Absolventen lebenslang
       stigmatisiert. Solange es Hauptschulen gibt, werden sie also mit den
       Kindern der Migranten und Arbeiter gefüllt werden. Der Staat sorgt durch
       das dreigliedrige Schulsystem dafür, dass jeder nach seiner Herkunft seinen
       Platz in dieser Gesellschaft zugewiesen bekommt.
       
       Wie kann der Zweiklassenstaat in Deutschland überwunden werden? Die
       Privilegierten bestimmen weitgehend die öffentliche Meinung. Zu ihnen
       gehören Beamte, Journalisten, Politiker, Freiberufler und Unternehmer. Die
       meisten von ihnen sind nicht gesetzlich, sondern privat versichert. Ihre
       Kinder besuchen fast immer das Gymnasium. Die Privilegierten werden das
       Phänomen des Zweiklassenstaats relativieren oder leugnen.
       
       Daher kommt es darauf an, wie sich die SPD entscheidet. Die
       Sozialdemokraten müssen den Zweiklassenstaat zu ihrem Thema machen, weil
       sich mit keinem anderen Thema in Deutschland so leicht Wahlen gewinnen
       lassen. Was die Mitte wirklich will, ist Leistung statt Privilegien. Zudem
       würde die SPD auch viele linke Wähler überzeugen, weil sich dort die vom
       Zweiklassenstaat Frustrierten sammeln.
       
       25 Jun 2007
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Karl Lauterbach
       
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