# taz.de -- Das vergessene Massaker
von DOMINIC JOHNSON
Am Morgen des 5. September 2002 hatte Diabo Kakani seine letzte
Frühschicht. „Ich hörte Schreie und sah tausende Milizionäre mit Macheten,
Gewehren und Messern auf dem Weg zur Klinik“, berichtete der Chefpfleger
von Nyankunde später. „Sie töteten wahllos – Männer, Frauen, Kinder, Alte.“
Die Milizionäre des Ngiti-Volkes hatten sich an diesem Morgen eines der
wichtigsten Krankenhäuser des Kongo ausgesucht. Während Kakani sich mit
Kollegen und Patienten auf der Intensivstation verbarrikadierte, suchten
die Milizen Angehörige des ihnen verhassten Hema-Volkes. „Dutzende
Rebellensoldaten gingen durch das 250-Betten-Krankenhaus und töteten alle
Patienten, die wie Hema aussahen, in ihren Betten: Kinder, Erwachsene,
Alte, Frauen in Geburtswehen und Mütter mit Neugeborenen“, berichtete der
US-Arzt Dr. William Clemmer, der später Flüchtlinge aus Nyankunde betreute,
auf der Grundlage von Augenzeugenberichten. „Danach gingen sie von Haus zu
Haus auf der Suche nach Hema; sie schnitten ihnen die Kehlen durch und
warfen die Körper auf die Straße, Frauen und Kinder gleichermaßen. Ihre
Häuser wurden geplündert und niedergebrannt.“
Nyankunde hatte damals etwa 10.000 Einwohner und beherbergte ein von
US-Missionaren erbautes Krankenhaus, das einzige mit spezialisierten
Abteilungen in einem Umkreis von mehreren hundert Kilometern. Hilfswerke
schätzen, dass allein am 5. September dort tausend Menschen ermordet
wurden. Aber die Welt reagierte nicht.
Heute herrscht weltweites Entsetzen, weil Milizen derselben Kriegsparteien
in der Stadt Bunia nur 45 Kilometer entfernt über 300 Menschen umgebracht
haben. Und diejenigen, die für die Toten von Nyankunde politisch
mitverantwortlich waren, rufen heute nach Eingreiftruppen für Bunia.
Das Grauen von Nyankunde blieb nicht auf den 5. September beschränkt. Am
nächsten Tag, so Dr. Clemmers Bericht weiter, wurden alle verbliebenen Hema
zusammengetrieben, nackt ausgezogen, gefesselt und ohne Nahrung und Wasser
in einem Haus zusammengepfercht. Auch der Hema Kakani kam dorthin, nachdem
die Milizen die Tür zur Intensivstation aufgebrochen hatten. Jeden Tag gab
es unter den Gefangenen Tote. Sie landeten im nächsten Latrinenloch. Als
die Latrine voll war, wurden die Leichen verbrannt. Nyankunde wurde
geplündert, das Krankenhaus auch: „Türen, Fenster, Tische, Stühle, Geräte
wurden weggetragen. Die Bücher der Pflegeschule und die Krankenakten wurden
in ein großes Feuer geworfen. Hunderte Leichen wurden den Flammen
übergeben.“
Kakani kam frei, nachdem jemand bemerkt hatte, dass seine Frau die Kusine
eines Ngiti-Milizenführers war. Am 12. September zogen die überlebenden
Krankenhausmitarbeiter und Patienten zu Fuß in den Busch. Das Ziel: Oicha,
150 Kilometer südlich, Standort der nächsten Missionsstation. Wer in
Nyankunde noch lebte, schloss sich dem Treck an. Am Schluss waren es über
1.700 Menschen. Sie erreichten Oicha am 22. September. Es war eine selbst
für die Wirren des Kongo außergewöhnliche Odyssee.
Wie viele tausend Menschen in Nyankunde ums Leben kamen, ist nicht bekannt.
Die Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch (HRW) hat nach
ausführlichen Befragungen 1.200 Opfer bestätigt – und sagt selbst, dies sei
wohl nur ein Bruchteil. Kein anderes Massaker im Kongokrieg hat eine
dermaßen an den Völkermord in Ruanda erinnernde Systematik und Intensität
erreicht. Aber es blieb ohne Echo.
Die Massaker von Nyankunde waren kein zufälliger Ausrutscher. Sie waren
vorgeplant. Mitverantwortlich war mindestens ein Kriegsführer, der
demnächst als Minister in der neuen Regierung der Demokratischen Republik
Kongo sitzen wird. Die Friedensverträge für den Kongo gewähren für
Kriegsverbrechen Immunität, nicht aber für Verbrechen gegen die
Menschlichkeit.
Vier Tage lang, so HRW in einem noch unveröffentlichten Bericht, berieten
Ngiti-Milizenführer vor dem 5. September in den Bergen bei Nyankunde mit
Führern der lokalen Rebellenbewegung RCD-ML (Kongolesische Sammlung für
Demokratie/Befreiungsbewegung). Sie vereinbarten einen gemeinsamen Angriff
auf Nyankunde, geleitet von RCD-ML-Kommandant Faustin Paluku und
Ngiti-Milizenchef Khandro.
Das war ein strategischer Schachzug. Die RCD-ML ist die einzige kohärente
Kabila-treue Bewegung im Osten Kongos, ein Stachel im Fleisch von Kongos
Rebellen. Anfang August 2002 verlor sie die Kontrolle über die regionale
Hauptstadt Bunia, kurz darauf auch über Nyankunde an die Hema-Bewegung UPC
(Union kongolesischer Patrioten). Sie suchte daraufhin das Bündnis mit den
Ngiti-Kämpfern – die Ngiti sind eine Untergruppe des Lendu-Volkes, das mit
den Hema verfeindet ist. Schon seit Jahren betreiben Milizen von Hema und
Lendu die gegenseitige Ausrottung. Jetzt machte sich mit der RCD-ML
erstmals ein anerkannter Teilnehmer an Kongos Friedensprozess, verbündet
mit Präsident Kabila, den ethnischen Krieg zu eigen.
Die Absprache war, so HRW unter Berufung auf Beteiligte an den
Planungstreffen: Die Ngiti helfen der RCD-ML gegen die UPC und dürfen als
Belohnung die Hema von Nyankunde umbringen. Ngiti-Milizionäre wurden damals
in der RCD-ML in deren Hauptstadt Beni trainiert, wo Militärs von Kabilas
Armee als Ausbilder arbeiteten.
Als sich in Nyankunde die Leichen stapelten, schlug international niemand
Alarm. Es war ja keine UNO vor Ort. Ärzteverbände und Hilfswerke schwiegen
nicht: Am 18. September nannten evakuierte Ärzte erstmals die Zahl von
1.000 Toten; medizinische Hilfswerke in Oicha meldeten 100.000 Flüchtlinge
im Anmarsch. Doch als die Überlebenden aus Nyankunde in Oicha ankamen,
verstummten selbst diese Stimmen. Denn der Konvoi war von Militärs der
RCD-ML eskortiert. Die brachten die Flüchtlinge auf Linie. Pflichtschuldig
„begrüßten“ die evakuierten Ärzte später „die Intervention der Armee der
RCD-ML, die die Ngiti daran hinderte, das Medikamentenlager zu plündern“.
Nachfolgend setzte sich die Darstellung durch, wilde Milizen hätten in
Nyankunde gewütet und die RCD-ML habe dann Frieden gestiftet. Eine Lüge,
sagen die Augenzeugen von HRW. Zwar habe die RCD-ML nicht die Verwüstung
des Krankenhauses gebilligt, das sie selbst hätte brauchen können. Aber sie
billigte die Massaker.
Aufmerksamkeit erhielt der Krieg im Nordosten des Kongo erst, als die
RCD-ML in Bedrängnis kam. Kurz vor Weihnachten 2002 stand ein
Rebellenbündnis unter Führung der nordkongolesischen MLC (Kongolesische
Befreiungsbewegung) kurz vor Beni. Zwar hatten sich seit September über
100.000 Flüchtlinge aus der Region Nyankunde um Oicha niedergelassen, aber
erst jetzt schlugen UNO und die Regierung Kabila Alarm: Gigantische
Menschenmengen seien auf der Flucht. Es habe sogar Kannibalismus an Pygmäen
gegeben.
Diesmal wurde die internationale Diplomatie aktiv. Die UN-Mission
vermittelte einen Waffenstillstand und schickte eine
Untersuchungskommission los, die Mitte Januar befand, es habe seit Mitte
Oktober 117 Hinrichtungen durch die MLC-Rebellen und ihre Alliierten
gegeben. Die UN-Menschenrechtskommission erstellte darüber einen
umfangreichen Bericht, der bis heute nicht publik gemacht worden ist.
Nyankunde kam in den Untersuchungen nicht vor.
Plötzlich gingen Bilder von fliehenden Pygmäen um die Welt, nachdem
jahrelange Kriegsgräuel im Kongo nie ein Medienecho gefunden hatten. Die
RCD-ML, die selbst nie eines ihrer Mitglieder für Nyankunde zur
Verantwortung gezogen hat, sprach von einer „geplanten Terroroffensive der
MLC“. Zugleich bezifferten örtliche Zeitungen die Zahl der wegen
Kannibalismus zu Tode gekommenen Pygmäen auf neun. In Beni erzählten lokale
RCD-ML-Anhänger der taz stolz: Endlich habe man mit den Pygmäen eine
Völkermordkampagne lanciert, so wie es sonst immer nur „die Tutsi“ täten.
Im März reichte die Regierung Kabila Klage gegen MLC-Chef Jean-Pierre Bemba
wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit vor dem Internationalen
Strafgerichtshof ein. Zugleich verstärkte Kabilas Armee ihre Präsenz bei
der RCD-ML in Beni. Auch die Ngiti-Milizenführer gingen dort ein und aus.
Der Ngiti-Führer aus Nyankunde, Kommandant Khandro, war da schon von seinem
Stellvertreter Germaine getötet worden. Sein RCD-ML-Kollege Paluku saß im
Gefängnis, weil aus seinen Einheiten zu viele Soldaten desertierten.
Es sollte nicht lange dauern, bis diese Koalition wieder in Aktion trat.
Anfang März verjagte Ugandas Armee die UPC aus Bunia; zahlreiche Hema
ergriffen die Flucht. Lendu-Milizen halfen daraufhin Ugandas Armee beim
Krieg gegen die UPC. Am 4. April massakrierten Milizionäre, die in der
Beschreibung von Augenzeugen bis in die Details denen von Nyankunde
ähnelten, im Ort Drodro 300 bis 900 Menschen. Die UNO sprach vom größten
Massaker des Kongokrieges. Eine Lüge aus Ahnungslosigkeit.
Der Krieg eskalierte weiter. Ugandas Armee zog am 4. Mai aus Bunia ab und
überließ die Stadt den Lendu-Milizen, zu denen Ngiti-Gruppen unter
Kommandant Germaine gehörten. Es folgten tagelange Gräueltaten.
Lendu-Milizionäre aßen Innereien getöteter Hema. UN-Blauhelme standen
daneben und taten nichts. Polizisten der Regierung Kabila, als neutrale
Kraft nach Bunia entsandt, sollen den Lendu geholfen haben.
Am 12. Mai eroberte die UPC Bunia zurück. Seither fürchten die
Lendu-Gruppen blutige Rache. Und plötzlich warnen UN-Verantwortliche vor
einem Völkermord und rufen nach starken internationalen Eingreiftruppen.
Die Regierung Kabila hat sich dem Ruf angeschlossen und will die UPC wegen
Völkermordes anklagen.
Zugleich bereiten sich Kongos anerkannte Kriegsführer auf ihre gemeinsame
Regierung vor, die dem Land Frieden bringen soll. Nächste Woche soll das
Kabinett eingeschworen werden. RCD-ML-Führer Mbusa Nyamwisi wird
voraussichtlich Minister für regionale Kooperation, was Zugriff auf
lukrative Geschäfte ermöglicht. Und Nyankunde bleibt eine Geisterstadt.
24 May 2003
## AUTOREN
(DIR) DOMINIC JOHNSON
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