# taz.de -- Das Netz der fetten Spinne
       
       > DAILY DOPE Nicht nur Lance Armstrong hat sich von Michele Ferrari beraten
       > lassen. Der Dopingdoktor ist omnipräsent im Radsport
       
       BERLIN taz | Michele Ferrari ist die Spinne im Dopingnetz. Der Mediziner
       aus Ferrara betreute Rundfahrtsieger wie Lance Armstrong und Floyd Landis,
       den Sprintkönig Mario Cipollini und den Exstundenweltrekordler Tony
       Rominger, aber auch kleine Lichter wie die deutschen Profis Andreas Kappes
       und Patrik Sinkewitz. In diesem Betreuungsnetz verfing sich zu Beginn
       seiner Straßenkarriere sogar der sich sonst so gern als supersauber
       präsentierende Cadel Evans (Toursieger 2011). Dutzende Athleten aus
       insgesamt 20 Teams zählte jüngst die Gazzetta dello Sport nach einem
       Studium der Ermittlungsakten der Gardia di Finanza aus Padua als Kunden
       Ferraris und machte ein Geschäftsvolumen von über 30 Millionen Euro aus.
       Die Spinne ist offensichtlich fett geworden im Dopingbusiness.
       
       Neckischerweise ist das Gefährt, mit dem Ferrari diese Umsätze tätigt, ein
       simpler Camper. Der erlaubt es dem Doktor, sein Großbesteck zu jedem
       Trainingscamp und jedem Rennen mitzubringen. Ferraris mobiles Labor ist
       daher legendär. Sportler und Sportjournalisten haben es in den Schweizer
       Bergen gesichtet, im traditionellen Wintertrainingsareal der Radprofis auf
       dem Pico del Teide auf Teneriffa und auf Autobahnraststätten ganz in der
       Nähe der Etappenorte der großen Rundfahrten. Was darin passierte,
       schilderte der italienische Radprofi Leonardo Bertagnolli gegenüber
       Ermittlern der Guardia di Finanza so: „Ferrari sagte mir, ich solle Epo in
       kleinen Dosen nehmen: ‚Beginne mit 1.000 Einheiten und setze mit 500 fort‘,
       empfahl er. Ich blieb zehn Tage in St Moritz und nahm zehn Tage lang Epo,
       wie es Ferrari mir gesagt hatte und hörte zwei, drei Tage vor dem Wettkampf
       auf.“ Derart nah an den Wettkampf herandopen konnte Bertagnolli – immerhin
       ein Etappensieger bei Giro und Vuelta mit Verträgen bei Saeco, Cofidis,
       Liquigas und Lampre –, weil ihm Ferrari den Trick verriet, das Epo in den
       Bauch zu spritzen. Bei anderen Anwendungen hatte Bertagnolli fünf Tage vor
       Wettkampfstart mit der Spritzerei aufhören müssen, um die Epospuren unter
       die Nachweisgrenze zu bekommen. Natürlich kannte auch Lance Armstrong all
       diese Tricks. Den Kontakt zu Ferrari hatte 1995 ein ganz Großer des
       Radsports, Eddy Merckx persönlich, hergestellt. Das verriet Ferrari in
       einem seiner seltenen Interviews im Jahr 2003 dem Radsportportal
       [1][cyclingnews.com]. Merckx’ Sohn Axel zählte ebenfalls zu den
       Ferrari-Kunden, schon in den 90ern, wie der erste Ferrari-Prozess in
       Bologna 2004 ergab. Merckx jr. war 1995 Teamgefährte von Armstrong bei
       Motorola.
       
       Als Armstrong nach seiner Krebserkrankung 1998 als entschlossener
       Dopingorganisator ins Peloton zurückkehrte, hieß der offizielle
       Teambetreuer seines US-Postal-Teams Michele Ferrari. Der Arzt aus Ferrara
       hält sich sogar für den Erfinder der hohen Pedalfrequenz, die neben Doping
       einer der Erfolgsfaktoren für Armstrong werden sollte. Ohne Ferrari kein
       Armstrong, könnte man behaupten. Mehr als 1 Million Euro ließ sich der
       Texaner Ferraris Dienste kosten.
       
       Bei der im Schweizer Neuchatel ansässigen Gesellschaft Health & Performance
       SA ging das Geld ein. Laut Ermittlungen der italienischen Polizei entwarf
       Ferrari noch eine weitere Konstruktion. Mithilfe der in Monte Carlo
       ansässigen Gesellschaft T&F Sport Management soll er Gelder für Imagerechte
       einzelner Sportler eingesammelt, an der Steuer vorbeigeschleust und für
       Dopingzwecke genutzt haben. Deshalb wird gegen ihn in Padua auch wegen
       Beihilfe zur Steuerhinterziehung und Geldwäsche ermittelt.
       
       „Das sind alles nur Verdächtigungen“, wehrte sich Ferrari am Dienstag in
       einem Interview mit dem Lokalblatt seiner Heimatstadt Ferrara – und stellte
       dort ausgerechnet seinen Camper als Indiz dafür heraus, dass er gar kein
       reicher Mann sein könne. Ganz von seiner Bedeutung erfüllt, wies er
       allerdings auch darauf hin, dass er im Usada-Dossier 480 Mal erwähnt wird,
       Armstrong aber nur 200 Mal. Diese Differenz dürfte durchaus der jeweils
       unterschiedlichen Bedeutung des bislang wohl konsequentesten Dopers aller
       Zeiten und der seines Mentors sein. Dass die ganze Dimension des Systems
       Ferrari noch lange nicht aufgedeckt ist, wird von einer weiteren Bemerkung
       des Dopinglehrers vom Dienstag gestützt: „Lance war noch nicht einmal der
       stärkste Athlet, den ich trainiert habe.“ TOM MUSTROPH
       
       26 Oct 2012
       
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