# taz.de -- DAS SOGENANNTE BÖSE: "Schwierig sind die Phantasien"
       
       > Der Bremer Fallanalytiker Axel Petermann ermittelte in über 1.000
       > Todesfällen. Schwierig findet er trotzdem, das Böse zu definieren. Sein
       > Buch über Mord und Totschlag steht seit Wochen auf der Bestsellerliste.
       
 (IMG) Bild: "Zu verstehen, warum jemand tötet, ist manchmal möglich": Profiler Axel Petermann
       
       taz: Herr Petermann, warum heißt ihr Buch "Auf der Spur des Bösen"? 
       
       Das war der Vorschlag des Verlages. Ich hätte es vielleicht etwas
       sachlicher genannt.
       
       Was soll das sein, das Böse? 
       
       Das ist schwierig zu definieren. Vielleicht geht es so: Böse ist, wer sich
       anders verhalten könnte, sich aber wissentlich gegen diese Möglichkeit
       entscheidet. Die Frage für mich ist dann: Wie geht ein Täter vor? Da
       spielen Emotionen oft eine große Rolle, Wut, Hass, Zuneigung. Die führen
       dazu, dass jemand etwa mit unbändiger Gewalt so lange auf jemanden
       einschlägt, bis ihn die eigenen Kräfte verlassen. Wir sprechen dann von
       ,übertöten'. Gleiches gilt für die Kombinationen von Erstechen, Erwürgen
       und Erschlagen. So groß kann der Hass meist gar nicht ausgeprägt sein, wenn
       man sich fremd ist.
       
       Es ist also wahr, dass das Risiko am höchsten ist, von Angehörigen,
       Liebespartnern oder Freunden ermordet zu werden? 
       
       Ja klar! Für Frauen ist das höchste Risiko getötet zu werden der
       Beziehungspartner oder der Ex. Ähnliches gilt für Gewalt gegen Kinder.
       Daher rührt auch unsere hohe Aufklärungsrate: Viele Tötungsdelikte werden
       unter Menschen begangen, die sich kennen.
       
       Wie hoch ist denn die Aufklärungsrate? 
       
       Zwischen 90 und 95 Prozent.
       
       Und von wie vielen Fällen sprechen wir? 
       
       Bundesweit sind es jährlich etwa 750 vollendete Tötungsdelikte.
       
       Sie beschreiben Ihre Arbeit als den Versuch, ,Täter zu verstehen'. Können
       Sie verstehen, wenn jemand besonders brutale Morde begeht? 
       
       Zu verstehen, warum jemand einen Menschen tötet, ist manchmal möglich.
       Schwierig wird es, wenn dabei Phantasien umgesetzt werden. Da kann es
       hilfreich sein, Menschen zu Rate zu ziehen, die sich mit so etwas
       auskennen, etwa eine Domina oder andere Täter. Manchmal kann der Täter
       selbst seine Tat nicht erklären. So war es in einem Fall, in dem Opfer ein
       Ohr abgeschnitten wurde. Erst als ich jemanden, der ein ähnliches
       Verbrechen begangen hatte, befragte, kam ich auf die Lösung: Das Opfer
       hatte dem Täter nicht zugehört. Als ich den Täter damit konfrontierte,
       wurde dem klar, dass dies eine Reaktion darauf gewesen sein könnte. Seine
       Mutter hatte nie zugehört, ihn vernachlässigt. Sein Opfer starb symbolisch.
       
       Verfolgen Sie, was vor Gericht mit ihren Fällen geschieht? 
       
       Es war für mich immer wichtig zu wissen, was dort herauskommt, wie ich mit
       meiner Einschätzung gelegen habe. Warum wurden manche Beweise, die ich für
       erdrückend gehalten habe, verworfen? Mit manchen Urteilen konnte ich gut
       leben, mit anderen eher nicht. Insgesamt glaube ich aber, dass wir mit
       unserem Rechtswesen in einer ganz guten Position sind.
       
       Sind Sie Psychologe? 
       
       Nein, ich habe bei der Polizei gelernt, mich autodidaktisch und auf
       Tagungen weiter gebildet.
       
       Amerikanische Serien sind voll von ,Profilern'. Wurde dieser
       Ermittlungsansatz von dort übernommen? 
       
       Ja, ich bin auch ein Kind der amerikanischen Schule, die in den neunziger
       Jahren nach Deutschland schwappte. Das FBI hat hier für uns Schulungen
       durchgeführt. Seine Methoden wurden dann vom BKA perfektioniert.
       
       Ihr Buch ist ein Riesenerfolg. Hat Sie das überrascht? 
       
       Ich habe nicht damit gerechnet, dass nach sechs Wochen über 30.000
       Exemplare verkauft sein würden. Allerdings lief es schon vorher gut: Ein
       Stern-Journalist und ein wissenschaftlicher Verleger brachten mich auf die
       Idee. Ich habe acht Exposés verschickt und fünf Zusagen bekommen - auch von
       anderen renommierten Verlagen.
       
       Darf man als Polizist überhaupt so ein Buch schreiben? Es besteht ja
       praktisch nur aus Dienstinterna. 
       
       Der ehemalige Polizeipräsident Eckard Mordhorst war begeistert und auch
       sein Nachfolger und die Staatsanwaltschaft haben mich unterstützt.
       Bedingung war natürlich, dass ich Opfer, Beschuldigte, Tatorte und -zeiten
       anonymisiere.
       
       Mussten Sie sich das Manuskript vor Drucklegung von Vorgesetzten abnehmen
       lassen? 
       
       Nein, da hat man mir vertraut.
       
       Sie beraten die Redaktion der Bremer "Tatorte". Wie realistisch sind die? 
       
       Anfangs habe ich versucht, dass sich die Drehbuchschreiber unserer Arbeit
       anpassen. Irgendwann lernte ich, dass die Plots der Unterhaltung dienen.
       Nur die Praxis zu zeigen, wäre wohl einfach langweilig geworden.
       
       13 Jul 2010
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Christian Jakob
       
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