# taz.de -- Chinas Militärmanöver vor Taiwan: Kriegsspiele am Schachbrett
       
       > Während China eine Taiwan-Blockade probte, berechneten US-Militärexperten
       > den kriegerischen Ernstfall. Die Prognosen bleiben unklar.
       
 (IMG) Bild: Militärübung der U.S. Navy
       
       Xiamen taz | Am Mittwoch hat China seine [1][Manöver um Taiwan] für beendet
       erklärt. Doch eine echte Entwarnung ist das nicht: Man werde „regelmäßige
       Patrouillen zur Kampfbereitschaft“ durchführen, heißt es in einer
       Erklärung. Die Möglichkeit einer [2][chinesischen Invasion] schwebt wie ein
       Damoklesschwert über den 23 Millionen Taiwanern.
       
       Den Ernstfall eines hypothetischen Angriffskrieg Chinas haben kürzlich
       US-Militärexperten vom [3][Center for Strategic and International Studies]
       (CSIS) simuliert. Die Berechnungen für 2026 spuckten ein aus US-Sicht
       sowohl hoffnungsvolles als auch erschütterndes Resultat aus: In den meisten
       Szenarien konnten die Taiwaner mit US-Hilfe ihre Insel verteidigen, wenn
       auch ein Sieg auf allen Seiten mit schweren Verlusten verbunden wäre. So
       würde etwa das US-Militär in einem nur vierwöchigen Krieg die Hälfte seiner
       gesamten Marine und Luftwaffe verlieren.
       
       Natürlich hat es einen zynischen Beigeschmack, wenn in Washingtoner
       Denkfabriken Kriegsspiele wie am Schachbrett konzeptioniert werden.
       Schließlich möchte man sich die Folgen eines militärischen Konflikts
       zwischen den beiden Weltmächten nicht einmal vorstellen. Doch angesichts
       der größten Spannungen um Taiwan seit Jahrzehnten macht es Sinn, alle
       Eventualitäten zu bedenken.
       
       Zuletzt hat Chinas Militär schließlich nur wenige Kilometer vor Taiwans
       Küste eine Blockade der Insel geübt und Raketen über dessen Gewässer
       abgeschossen. Begleitet wurde das von offensiv formulierten
       Machtansprüchen.
       
       ## Invasion Taiwans ist nicht das wahrscheinlichste Szenario
       
       Chinas Regierung hat am Mittwoch ein neues [4][Weißbuch zur „Taiwan-Frage“]
       publiziert mit der unmissverständlichen Botschaft: „Wir werden uns mit
       größter Aufrichtigkeit und allen Kräften für eine friedliche
       Wiedervereinigung einsetzen. Aber wir verzichten nicht auf Gewaltanwendung
       und behalten uns die Möglichkeit vor, alle notwendigen Maßnahmen zu
       ergreifen“. Einige Seiten später heißt es gar: „Noch nie waren wir unserem
       Ziel der nationalen Vereinigung so nah.“
       
       Die Aussagekraft von Kriegssimulationen ist beschränkt. Denn viele
       Variablen sind offen – allen voran, ob die USA im Ernstfall Taiwan
       militärisch zur Seite stehen. Auch lässt sich wegen Chinas Intransparenz
       kaum prognostizieren, welche Waffen es demnächst noch entwickeln könnte.
       
       So ist eine Invasion Taiwans gar nicht das wahrscheinlichste Szenario. Denn
       einerseits möchte China seine Waffen nicht direkt auf jene Menschen
       richten, die es in der Propaganda als chinesische Landsleute bezeichnet.
       Auch besteht die Gefahr, dass bei einem Angriffskrieg auch kritische
       Infrastruktur in Taiwan zerstört wird – allen voran die
       [5][Halbleiterfabriken] des Marktführers TSMC, der fast 60 Prozent aller
       Mikrochips weltweit herstellt. Die Hälfte davon geht nach China.
       
       Wahrscheinlicher ist eine Inselblockade, wie sie Chinas Militär jetzt
       geprobt hat. Dabei soll Taiwan wirtschaftlich isoliert werden, indem
       chinesische Schiffe den Zugang zu den wichtigsten Häfen sperren. Derzeit
       passieren 240 Schiffe täglich die Straße von Taiwan. Chinas Militär hat
       zwar jetzt bewiesen, wie rasch es eine solche Sperre verhängen könnte.
       
       Doch gleichzeitig legten die Militärmanöver auch „Chinas eigene
       wirtschaftliche Verwundbarkeit“ offen, wie David Uren vom Australian
       Strategic Policy Institute argumentiert. Denn Chinas größte Häfen in
       Schanghai, Tianjin und Dalian sind auch stark von der Durchfahrt der
       Meeresenge abhängig. Wie Bloomberg jüngst analysierte, passieren dort zudem
       jeden Tag Tanker mit 1 Million Barrel Öl die nur 130 Kilometer breite
       Taiwan-Straße.
       
       Doch abseits der wirtschaftlichen Folgen hat [6][Michael E. O’Hanlon] von
       der Washingtoner Brookings Institution kürzlich untersucht, ob eine
       militärische Blockade Taiwan wirklich in die Knie zwingen würde. Er kommt
       zu einem offenen Ergebnis: Es gäbe ähnlich viele glaubwürdige Szenarien,
       die sowohl einen chinesischen als auch taiwanischen Sieg prognostizieren
       würden.
       
       10 Aug 2022
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] /Militaermanoever-vor-der-Kueste-Taiwans/!5872961
 (DIR) [2] /China-droht-Taiwan/!5873874
 (DIR) [3] https://www.csis.org/events/military-dimensions-fourth-taiwan-strait-crisis
 (DIR) [4] https://english.news.cn/20220810/df9d3b8702154b34bbf1d451b99bf64a/c.html
 (DIR) [5] /Rolle-von-Taiwans-Chipindustrie/!5867937
 (DIR) [6] https://www.brookings.edu/research/can-china-take-taiwan-why-no-one-really-knows/
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Fabian Kretschmer
       
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