# taz.de -- Bücher zum Situationismus: Nach der "Debordmania"
> Zwei neue Bände widmen sich der jüngeren französischen Avantgarde:
> Ausgewählte Briefe Guy Debords und Ralph Rumneys "Der Konsul".
(IMG) Bild: "Ich bin nicht jemand, der sich korrigiert": Guy Debord (2. v. links) in München.
Der französische Intellektuelle Guy Debord (1931-2004) wehrte sich zu
Lebzeiten heftig gegen jene "Starfabrikanten", die ihn zum Begründer,
Erfinder oder "Diktator" der Situationistischen Internationale (S.I.)
erklärten. Debord konnte jedoch nicht zu Lebzeiten und schon gar nicht nach
seinem Tod verhindern, dass er zum Star des Kulturbetriebs beziehungsweise
der "Gesellschaft des Spektakels" wurde.
Seine Werke erscheinen in Frankreich heute im Traditionsverlag Gallimard,
seine Briefe in einer siebenbändigen, rund 3.000 Seiten umfassenden Edition
im nicht minder renommierten Verlag Fayard. Sein Werk wurde also
"masperisiert", wie sich Debord ausdrückte, der den erfolgreichen linken
Schriftsteller und Verleger François Maspero nicht leiden mochte. Dem
Berliner Verleger Klaus Bittermann ist es zu verdanken, dass jetzt in
seiner Edition Tiamat eine Auswahl aus der riesigen französischen Ausgabe
der Briefe auf Deutsch erschienen ist.
Die deutsche Auswahl überzeugt, denn sie gibt einen guten Einblick in die
ebenso chaotische wie legendäre Organisationsstruktur der S.I., in die
Denk- und Arbeitsweise von Debord sowie in seine politischen
Fehleinschätzungen und Irrtümer. Bereits im ersten Brief vom 22. 8. 1957
machte Debord deutlich, "dass es den ,Situationismus' im Sinne eines
Lehrgebäudes nicht gibt, nicht geben darf. Es gibt eine experimentelle
Haltung, situationistisch genannt wegen ihrer Organisationsform."
Die Briefe belegen aber auch Debords "poetische Selbstinszenierung"
(Roberto Ohrt), die ihm insofern zum Verhängnis wurde, als der
konformistische Kulturbetrieb diese zum Nennwert nahm. Bis zur
Wahrnehmungsverweigerung gegenüber den gesellschaftlichen und politischen
Realitäten hielt Debord an seiner Devise fest: "Ich bin nicht jemand, der
sich korrigiert." Steht seine persönlich Integrität außer Frage, so
beförderte diese Devise die Versteinerung seiner theoretischen Einsichten.
Der andauernde Nachruhm Debords, der vor allem in Katalogen zu
Kunstausstellungen und in Theaterprogrammen bis hin zu einer "Debordmania"
unter Life-Style-Autoren gehegt und gepflegt wird, beruht vor allem auf dem
schlichten Missverständnis, es habe je eine situationistische Theorie oder
einen "Situationismus" gegeben. Debord war sich immer bewusst, "dass wir
eine lächerliche Minderheit sind" (10. Oktober 1960) - die 1957 gegründete
S.I. hatte ganze 70 Mitglieder und wurde so gründlich von wirklichen und
eingebildeten Gegnern und Feinden gesäubert, dass es bei der
Selbstauflösung 1972 noch ganze vier Mitglieder gab.
Die S.I. hatte nur zwei Organisationsprinzipien - den Ausschluss von
Abweichlern und die Debatte in Permanenz: "Wenn Probleme nicht gelöst
werden, versammeln wir uns automatisch am nächsten Morgen wieder" - in der
Regel nach einer Nacht der "dérive", des Herumtreibens in den Kneipen im
Quartier von Saint-Germain. Auch der Einfluss der S.I. auf den Mai 1968 war
minimal. Von der S.I. als "Auslöser" der Studentenrevolte zu sprechen, wie
dies das Feuilleton immer wieder tat und tut, zeugt nur von
fortgeschrittener Ahnungslosigkeit.
## Plagiat! Plagiat!
Die Politisierung von Kunst und Kultur, aber auch des Alltagslebens im
Namen der Einheit von Theorie und Praxis, Arbeit und Leben, Politik,
Verwaltung und Kunst ist das Spezifikum der situationistischen Konzepte,
die sich gegenüber allen philosophischen und ästhetischen Ansätzen
vereinnahmend bis offen plagiatorisch verhielten. Die S.I. entwickelten
dafür in ihrer Zeitschrift eine Theorie: "Das Plagiat ist notwendig, der
Fortschritt schließt es ein." Debords Schlüsselbegriff dafür -
"détournement" - kann "Umleitung", "Veruntreuung", "Entführung" und auch
"Verführung" bedeuten.
Sein Hauptwerk aus dem Jahre 1967 - "La société du spectacle" - liegt erst
seit 1994 in einer vollständigen deutschen Übersetzung (Edition Tiamat)
vor. Jürg Altwegg von der FAZ zählte Debord 1992 zur "Arrièregarde" und
sechs Jahre später zur "letzten künstlerischen Avantgarde." Darin spiegelt
sich die modische Vereinnahmung eines radikalen Kritikers. Großen, wenn
auch ungewollten Erfolg hatte Debord mit seinen Thesen beim intellektuellen
Bauchrednertum der Pariser Szene der Postmoderne. Sowohl die "Philosophie
des Verschwindens der Realität" wie die "Philosophie des Virtuellen" oder
die "Theorie der Informationsgesellschaft" von Baudrillard, Lyotard,
Virilio u. a. sind leicht daran zu erkennen, dass sie über den
intellektuellen Steinbruch, aus dem es sich ausgiebig bedienten, nachhaltig
schweigen.
Soweit diese Philosophen etwas Sachhaltiges und Präzises über die
gegenwärtige Gesellschaft sagen, ist es von der Begrifflichkeit bis zu den
einzelnen Themen und Motiven bei Debord vorformuliert. Und wenn seine
Thesen widerlegt werden, machen sich seine Kritiker nicht selten
lächerlich. So der Soziologe Bruno Latour, der die Analyse des entfremdeten
und isolierten, der Manipulation und Beherrschung ausgelieferten
Fernsehzuschauers mit dem Argument wegfegen wollte, diesem Zuschauer bliebe
immerhin "das wilde Zapping", um denen zu entgehen, die ihn überwältigen
oder verführen möchten. Damit wird dem Subversiven, das Debords Denken
auszeichnete, der Stachel gezogen.
## Die Welt als bloßes Bild
Der Begriff "Spektakel" steht bei Debord für ein "durch Bilder vermitteltes
gesellschaftliches Verhältnis von Personen", die eben durch diese medial
inszenierte Vermittlung kommerzialisiert werden wie gewöhnliche Waren.
Debords Buch erschien mit Bedacht genau hundert Jahre nach dem ersten Band
des "Kapital" von Marx. Und an dessen ersten Abschnitt über "Ware und Geld"
lehnt sich Debord an und macht aus der Theorie der Warengesellschaft eine
der Spektakelgesellschaft. Diese Anknüpfung an Marx ist freilich mehr
rhetorisch-metaphorisch als empirisch zu verstehen.
Allerdings handelte sich Debord mit der Zuspitzung des Spektakels zur
tendenziell totalen Desinformation eine Reihe von Schwierigkeiten ein. Jede
Kritik, die die Gesellschaft als totales System begreift, ist insofern ein
Selbstwiderspruch, als bereits diese Kritik logisch voraussetzen muss, dass
es Alternativen zum System gibt, denn wenn dieses total wäre, könnte es
auch keine Kritik daran geben. Wenn die "Gesellschaft des Spektakels"
nämlich "die wirkliche Welt in bloße Bilder verwandelt" und zwar nicht
partiell und zeitweise, sondern vollständig und permanent, dann wäre alles
ein einziges Spektakel und nichts mehr unterscheidbar. "Die hermetische
Konstruktion" (Roberto Ohrt) des Begriffs Spektakel führt ebenso in eine
theoretische Sackgasse wie Debords Vorstellung von Totalität "als dem
methodischen Zentrum des dialektischen revolutionären Denkens." Dieser
Totalitätsanspruch erwies sich geradezu als Schranke für eingreifende
politische Praxis.
In der S.I. hatte zwar "kollektive Aktion" - nach den Worten Debords -
"oberste Priorität", aber nachweisbar sind für die 15-jährige Existenz der
S.I. weniger als ein halbes Dutzend Aktionen im Namen einer "umfassenden
Praxis".
Weltfremd erscheinen auch manche politische Befunde Debords. "Das Ende der
bürgerlichen Demokratie" hielt er für "ein zu vernachlässigendes Detail für
den revolutionären Kampf" und den "Zusammenbruch der Linken" für "eine gute
Sache". Dafür begeisterte er sich für die "herrliche Spontaneität der
wilden Streiks des amerikanischen Proletariats". Trotz seiner scharfen
Kritik am offiziellen Marxismus-Leninismus bleiben viele seiner politischen
Urteile in diesem befangen. Direkt an Lenin anschließend, spricht er vom
"schwächsten Glied in der Kette aller etablierten Mächte" und meint,
Italien hätte in den 60er Jahren die gleiche Rolle spielen können wie das
zaristische Russland am Ende des Ersten Weltkriegs.
Bei allen Verstiegenheiten bleibt ein Fluchtpunkt der Argumentation Debords
von höchster Brisanz. Die Kritik an der Gesellschaft des Spektakels
protestiert im Namen der Rechte und der Würde des Individuums sowie der
"Zivilisation der Freiheit" und der "ökologischen Vision einer Stadt" gegen
"die spektakuläre Verneinung des Lebens", "gegen die Temporalisierung des
Menschen" unter dem Diktat von Konkurrenz, Akkumulationszyklen, Spekulation
und Profitraten.
Die Autobiografie "Der Konsul" des britischen Malers und Schwiegersohns
Peggy Guggenheims, Ralph Rumney, ergänzt die Briefausgabe mit Berichten
über die S.I. aus der Sicht eines Insiders, der aber zu Debord ein
distanziertes Verhältnis hatte.
Guy Debord: "Ausgewählte Briefe 1957-1994". Aus dem Französischen von
Bernadette Grubner, Roman Kuhn, Birgit Lulay, Christoph Plutte. Edition
Tiamat, Berlin 2011, 334 Seiten, 28 Euro
Ralph Rumney: "Der Konsul. Beiträge zur Geschichte der Situationistischen
Internationale. Ein Gespräch mit Gérard Berréby in Zusammenarbeit mit
Giulio Minghini und Chantal Osterreicher". Aus dem Französischen von
Michael Sandner. Edition Tiamat, Berlin 2011, 143 Seiten, 16 Euro
2 Aug 2011
## AUTOREN
(DIR) Rudolf Walther
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