# taz.de -- Berlin-Marathon: Kurbeln für das Lächeln am Straßenrand
> Holger Opperman ist das Gegenteil eines Ausdauersportlers. Er ist
> behindert und übergewichtig. Beim Berlin-Marathon landet er auf Platz 125
> - mit dem Handbike.
(IMG) Bild: Holger Oppermann mit seinem Handbike beim Schlussspurt auf dem Boulevard Unter den Linden
Sie klatschen. Sie lärmen mit Rasseln. Mit Trommeln und Pfeifen. Sie rufen:
"Bravo!" Und: "Super!" Oder "Wahnsinn!" Und "Du schaffst es!" Und Holger
Oppermann fliegt. Er schwebt förmlich über dem Asphalt. Denn es ist sein
Applaus. Sonst kommt schließlich gerade niemand vorbei. Die Top-Fahrer im
Rollstuhl sind schon lange durch. Und die Spitzensportler unter den
Fußgängern noch lange nicht in Sicht. Nur Oppermann mit seinem Rollstuhl
ist auf der Straße. Und Tausende stehen am Rand. Sie lächeln. Er strahlt.
Der 42-Jährige ist zum ersten Mal hier. Zum ersten Mal bei einem Marathon.
Am Start hat er sich noch zurückgehalten und seinen Rollstuhl in die letzte
Reihe gelenkt. Die meisten seiner Konkurrenten hocken in Rennboliden, die
eher an ein Liegeradrennen erinnern als an Behindertensport. Gerade mal ein
Dutzend der Starter sitzt in dem Rollstuhl, in dem sie immer sitzen.
Wie sie hat Oppermann vorne ein drittes Rad angekuppelt. Es lässt sich über
Pedale antreiben, fast wie ein Fahrrad. Nur eben mit den Händen. Handbike
nennt sich das Gerät, das Rollstuhlfahrern im Alltag mehr Mobilität
ermöglicht. Oppermann fährt damit jeden Tag zur Arbeit, außer bei Regen.
Handbike nennt sich auch die noch junge Kategorie beim Marathon, die
Behinderten den Zugang zum Ausdauersport erleichtert.
"Mit Leichtathletik hat das ja eigentlich nichts mehr zu tun", sagt Reiner
Pilz. Er ist unverkennbar Purist. Einst ist der 65-Jährige selbst Marathon
gefahren. Im klassischen Rennrollstuhl, bei dem die Räder über Greifreifen
angetrieben werden. Heute ist Pilz der Fachmann für die Rollstuhlrennen im
Organisationsteam des Berlin Marathons. Handbike, sagt Pilz, sei wie
Inline-Skaten. Eine Trendsportart. Dem könne man sich irgendwann nicht mehr
verschließen. Schon weil das Handbike alltagstauglich ist. "Mit dem
Rennrollstuhl kann man nicht zur Arbeit fahren, nicht in die Kneipe gehen,
ja, nicht mal richtig pullern", weiß Pilz.
Seit 2004 dürfen Rollstuhlfahrer beim Berlin-Marathon auch mit Pedalen an
den Start. Mittlerweile haben sie die klassischen Rollis abgehängt. Die
stellten am Sonntag nur 40 Starter. Mit dem Handbike kamen fast 200. Einer
davon ist Holger Oppermann. Er arbeitet in Düsseldorf bei der
Stadtverwaltung. Mit Kollegen spielt er seit Jahren in einer Rockband. Sie
covern Songs von den Rolling Stones oder den Toten Hosen. Hinterher trinken
sie gern mal ein Bier.
Das knallorange Trikot spannt sich merklich um seinen Bauch. Der
Verwaltungsbeamte wirkt wie das komplette Gegenteil eines
Ausdauersportlers. Auch deshalb ist er hier. Ein halbes Jahr hat er
trainiert. Immer am Ufer des Rheins entlang. Und damit das auch jemand
merkt, hat er in einem Blog im Internet darüber berichtet. "Ich habe mal
wieder ein Ziel gebraucht", sagt er. Maximal drei Stunden für 42,195
Kilometer.
"Er wird das in zweieinhalb Stunden schaffen", hat Organisator Reiner Pilz
prognostiziert. Die Berliner Marathon-Strecke gilt als enorm schnell. Es
gibt kaum Steigungen. Das freut nicht nur Weltrekordler wie Haile
Gebrselassie. Noch wichtiger für Rollstuhlfahrer aber sind 42 Kilometer
ohne Treppenstufen, steile Rampen, hohe Bordsteine und rumpeliges Pflaster.
Und dann sind da noch die Zuschauer, die die Helden auf der Straße feiern.
Ganz egal, ob sie nun Haile Gebrselassie heißen oder Holger Oppermann. Der
Gitarrist hat Bühnenerfahrung. Er weiß, wie man mit dem Publikum spielt. Er
bedankt sich bei jedem, der ihn anfeuert. Er winkt wie ein kleiner König.
Manchmal vergisst er fast das Kurbeln an den Pedalen. Kurz vor dem
Potsdamer Platz, bei Kilometer 36, sagt Oppermann: "Ich glaube, ich geb die
Musik auf und mache nur noch Sport."
Zwei Stunden, 32 Minuten und 33 Sekunden steht am Ende auf seiner Urkunde.
Platz 125. "Das hat schon was mit Glücksgefühl zun tun", sagt Oppermann.
Richtig Respekt aber habe er jetzt vor den Läufern. "Für die ist das viel
schwieriger als für mich."
30 Sep 2007
## AUTOREN
(DIR) Gereon Asmuth
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