# taz.de -- Bauhaus-Direktor über eine historische Avantgarde: "Wir brauchen neue Akteure"
> Denn man kann Gestaltungsfragen nicht von politischen Fragestellungen
> trennen: Ein Gespräch mit Philipp Oswalt, dem neuen Direktor der Stiftung
> Bauhaus Dessau.
(IMG) Bild: Dessau, wo Bauhaus zu Hause ist.
taz: Herr Oswalt, wie lässt sich der Mythos Bauhaus heute noch fruchtbar
machen?
Philipp Oswalt: Der Mythos wird dann problematisch, wenn damit etwas
festgeschrieben wird. Man kann von dem Bauhaus eigentlich gar nicht reden,
es gab immer eine Vielzahl von Bauhäusern. Interdisziplinär mit den Mitteln
der Gegenwart für die Gegenwart zu arbeiten, dieser Ansatz des Bauhauses,
Dinge neu zu denken, ist heute für mich der interessanteste
Anknüpfungspunkt. Das Bauhauskonzept ist aus der historischen Situation des
Scheiterns erwachsen, als der Imperialismus der europäischen
Nationalstaaten im humanitären Desaster des Ersten Weltkriegs kulminierte.
Das Bauhaus war eine unmittelbare Reaktion darauf. Man wollte neu anfangen
und begann mit Elementarformen und Elementarfarben. Auch wenn für uns heute
eine solche Tabula rasa zumindest zwiespältig und fragwürdig ist, so hat
ein solcher Denkansatz in seiner Radikalität jedoch immer noch Relevanz.
Zu Bauhaus-Zeiten galt noch die Gleichung: anders gleich links.
Das Bauhaus in Dessau war zentraler Teil einer sozialdemokratischen
Modernisierungsstrategie, dafür hatte man die Bauhäusler in die Stadt
geholt. In der Folge entstanden Siedlungsbauprojekte wie in Dessau-Törten.
Aber die Akteure am Bauhaus positionierten sich unterschiedlich: Gropius
war als Direktor ein Stratege, der sich möglichst unpolitisch gab. Hannes
Meyer, der Nachfolger, war bekennender Marxist. Gropius hat im Kalten Krieg
dann den Mythos Bauhaus von allem Politischen entschlackt und gesäubert, um
das Bauhaus in den USA der McCarthy-Ära als das gute, andere Deutschland zu
verkaufen. Man kann aber Gestaltungsfragen nicht von politischen
Fragestellungen trennen. Das gilt auch für die Fragen der aktuellen
Stadtplanung. Man kommt nicht umhin, das Politische zu denken, um zu
sinnvollen Antworten zu kommen.
Politisch gefragt: Für wen nimmt das neue Bauhaus dabei Partei?
Das war am historischen Bauhaus schon gar nicht so eindeutig. Die Parole
"Volksbedarf statt Luxusbedarf" kam erst unter Hannes Mayer ans Bauhaus.
Aber einen Kandinsky oder Klee hat das nicht sonderlich interessiert. Wir
sind heute auch nicht mehr entwerferisch tätig, wir bauen keine neuen
Siedlungen. Wir können aber Ideengeber sein. Als Kulturinstitution sind wir
frei vom Druck unmittelbarer Verwertungsinteressen. Daraus ergibt sich die
Verpflichtung, auch kritische Diskurse zu führen, für die es sonst keinen
Ort gibt. Es war kein Zufall, dass ein früheres Projekt von mir, die
"Schrumpfenden Städte", im Kunstkontext gelandet ist, weil im Rahmen der
Städtebaupolitik das Thema ein Tabu war. Gefördert wurde es von der
Bundeskulturstiftung.
Wollen viele vor Ort in Dessau mit dem Bauhaus nicht einfach möglichst
viele Touristen anzulocken?
Das muss ja kein Widerspruch zu anspruchsvollen Inhalten sein. Die kann man
auch an Touristen vermitteln.
Die beschlossene Rekonstruktion des im Krieg zerstörten Meisterhauses von
Gropius halten Sie aber dabei nicht für die angemessene Methode?
Ich sehe das sehr kritisch. Ironischerweise sind es hier ganz ähnliche
Probleme wie beim Berliner Schloss. Es gibt die Sehnsucht nach der
Rekonstruktion der äußeren Hülle, bei einem ganz anderen Innenleben und mit
einem nicht tragfähigen Nutzungskonzept.
Zeugt nicht der Wille zur Rekonstruktion auch bei einem Bauhausgebäude
davon, dass die Moderne endgültig historisch geworden ist?
Die klassische Moderne ist Geschichte, völlig klar. Für mich beginnt die
Moderne mit der Aufklärung und dem Industriekapitalismus im 19.
Jahrhundert, sie hat verschiedene Phasen durchlaufen und setzt sich bis
heute fort. Für die Moderne ist die Gleichzeitigkeit verschiedener Formen
und Stile charakteristisch. So gab es in den 1920er-Jahren ja durchaus auch
konservative Architekturen. Und umgekehrt war die Gründerzeit des späten
19. Jahrhunderts ebenso eine Epoche der Moderne, auch wenn sie stilistisch
gesehen historisierend daherkam.
Warum muss man dann Rekonstruktionen ablehnen?
Rekonstruktion ist kein Tabu. Entscheidend ist die Frage des Was und des
Wie. Und die Fälle unterscheiden sich. Das Berliner Schloss ist nicht das
Gleiche wie die Dresdner Frauenkirche oder das Meisterhaus von Gropius in
Dessau. Rekonstruktion sollte meines Erachtens nicht die möglichst genaue,
technische Nachschöpfung von baulichen Formen sein. Rekonstruktion ist ein
kultureller Vorgang, bei der ein Bild von Geschichte entworfen wird. Es
geht um die Wiederaneignung einer geschichtlichen Substanz, deren Form
immer in Differenz zum Original steht, und diese Differenz hat eine
kulturelle Bedeutung. Beim Gropius-Haus in Dessau geht es wie beim Schloss
auch um politische Konnotationen. Die Bombe, die das Haus traf, ist ja
nicht zufällig vom Himmel gefallen. Gerade Mitteldeutschland war
Rüstungsstandort im "Dritten Reich", in Dessau ist das Zyklon B hergestellt
worden, was damals allerdings noch nicht bekannt war. Der
Grundstückseigentümer wollte dann in den Fünfzigerjahren das Gropius-Haus
rekonstruieren, aber das wurde im Stalinismus verboten. Der historisch
überkommene Zustand dokumentiert also eine ungeheuer spannende Geschichte,
viel mehr als die geplante Rekonstruktion. Gleichwohl denke ich nicht, dass
man den Istzustand zu 100 Prozent musealisieren sollte.
Welche Kernfragen sehen Sie derzeit beim Nachdenken über die Gestaltung der
Städte?
Aus meiner Sicht ist es notwendig, ein neues Akteursverständnis zu
entwickeln. Wir haben seit den Siebziger-, Achtzigerjahren das Leitbild der
unternehmerischen Stadt - Stadtplanung als eine Art von Wirtschaftspolitik
zur Anziehung von Investoren. Auch vor der derzeitigen Finanzkrise hat man
gesehen, dass das Modell an seine Grenzen gestoßen ist und überhaupt nur an
bestimmten Standorten funktioniert, nämlich da, wo Investoren überhaupt
auftauchen, also vor allem in reichen Großstädten wie Hamburg oder München.
In vielen ostdeutschen Kommunen ist inzwischen verstanden worden, dass man
auch auf kleinere Akteure setzen muss, die sich vernetzen. Man kann in der
Stadtplanung nicht in reinen Formfragen denken. Das war in der klassischen
Moderne ebenso. Es ging nicht nur darum, Zeilenbauten zu entwerfen, sondern
es wurden Genossenschaften gegründet, die Kommunen tauchten als Bauherren
auf und es gab neue Finanzierungsmodelle, um das Baugeschehen auf den Weg
zu bringen. Sie brauchen immer ein Verständnis dafür, mit welchen Akteuren
sie etwas umsetzen wollen. Ein bestimmter Akteurstypus bringt auch eine
spezifische bauliche Form mit sich.
Dann kann man umgekehrt auch sagen: An der Form lässt sich manches davon
ablesen, wer und was die Städte regiert?
Ich glaube, wenn man einen Lidl sieht oder ein Entertainment-Center wie am
Potsdamer Platz, dann verstehen die Leute schon, welche Akteure den Platz
besetzt haben.
Persönlich gefragt: Warum wollten Sie neuer Bauhaus-Direktor werden?
Das Bauhaus war für mich schon als Student eine Orientierungsmarke: Mich
faszinierte der Anspruch, Gestaltung als eine gesellschaftliche Aufgabe zu
verstehen und sich den Fragen der Gegenwart mit zeitgenössischen Mitteln zu
widmen. Auch das Zusammenbringen unterschiedlicher Disziplinen hat an
Aktualität nichts verloren. Und das Label Bauhaus hat eine ungeheuere
Macht, es ist ein starker Hebel, um etwas zu bewegen.
Die Stiftung Bauhaus ist anders als das alte Bauhaus keine Schule mehr.
Worum geht es in der Stiftung Bauhaus heute?
Es geht um die Pflege des architektonischen Erbes, des Bauhausgebäudes, der
Meisterbauten, der Siedlung Törten, die 100.000 Besucher im Jahr anlocken.
Es gibt zudem eine Sammlung, deren Archivalien ausgestellt und beforscht
werden. Das ist das Historische. Dann gibt es die Aufgabe, sich in
Projekten mit der Gegenwart zu beschäftigen vor dem Hintergrund des
Bauhauserbes. Der dritte Bereich der Stiftung mit dem Kolleg widmet sich
der Postgraduiertenausbildung. Das Stichwort Bildung ist für alles die
Klammer.
Welche Projekte planen Sie jetzt als neuer Direktor?
Zum einen geht es zunächst um die Aktivitäten im Rahmen des 90-jährigen
Bestehens des Bauhauses. Bei der großen Berliner Ausstellung im
Martin-Gropius-Bau im Juli, die von Berlin, Dessau und Weimar gemeinsam
organisiert wird, bemühe ich mich gemeinsam mit den Partnern darum, dass
neben dem historischen Material auch ein heutiger Blick auf die
Bauhausideen geworfen wird. Dies wird durch eine künstlerische Arbeit und
ein Interviewprojekt erfolgen. Für Dessau habe ich in recht kurzer Zeit
eine filmische Ausstellung konzipiert, welche die
künstlerisch-gestalterische Produktion am historischen Bauhaus im
Bauhausgebäude lebendig erfahrbar macht. Am programmtischsten ist das Buch
"Bauhaus-Streit": Hier werden die wichtigsten Konflikte um das Bauhaus von
1919 bis 2009 dargestellt. Das ist nicht nur eine Bauhausgeschichte,
sondern auch eine Geschichte des Verhältnisses von Kultur und Politik. Wie
kaum ein anderes Kulturprojekt wurde das Bauhaus seit seinem Bestehen von
rechts wie von links politisch instrumentalisiert, bis heute. Die Stiftung
Bauhaus Dessau ist ein Leuchtturmprojekt nationaler Kulturpolitik, der Bund
zur Hälfte an der Finanzierung beteiligt. In einer Zeit, wo starke Kritik
an der Moderne geübt wird, entsteht damit ein interessantes Spannungsfeld,
was wir auch mit einer Veranstaltung im Jubiläumsjahr thematisieren wollen.
Im Oktober findet dann eine Konferenz in Dessau statt, die sich
programmatisch der Gegenwart zuwendet und sich dem Verhältnis von
Finanzmarkt(krise) und Baugeschehen widmet.
1 Mar 2009
## AUTOREN
(DIR) Ronald Berg
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