# taz.de -- Bandscheibenvorfall und Co.: Das Kreuz mit dem Rücken
> Was tun, wenn der eigene Körper zur Last wird? Ein Betroffener erzählt
> von seinem Leiden. Und dem Aufbau eines Muskelkorsetts.
(IMG) Bild: Kann nicht jeder - schon gar nicht ein Mensch mit Rückenproblemen.
"Korsettspannung", sage ich mir, wenn ich mit dem Fahrrad über
Straßenbahngleise holpere, "Korsettspannung", wenn ich in ein weiches Sofa
sinke oder den Einkaufskorb greife. Erst bete ich das Mantra des
Rückenkranken. Dann kneife ich den Pomuskel zusammen, Bauch und Rücken,
auch einen Strang, der im Schritt sitzt, den Damm - das Muskelkorsett ist
gespannt, so wie mirs beigebracht wurde. Eine Bandscheibe spielt nicht mehr
mit. Seit zwei Jahren. Sie ist geräuschlos gerissen. Eine Masse, von der es
heißt, sie sei geleeartig, hat sich ergossen in einen dunklen Spalt des
Körpers. Das Gelee drückt auf einen Nerv. "Bandscheibenvorfall L5S1",
lautet die Diagnose. Das Problem sitzt zwischen Lendenwirbel fünf und
Steißbein. Es ist das wohl schmerzhafteste und hartnäckigste
Allerweltsleiden, das man haben kann.
Und tatsächlich: Alle Welt hat es. "Bandscheibenvorfälle" scheinen so
häufig zu sein wie Triefnasen im Winter. Ich kenne einen Kollegen vom
Fernsehen, der sich morgens nur mit Mühe aus dem Bett schält, weil ihn das
Kreuz furchtbar peinigt. Ich weiß von einer Pressesprecherin, die sich an
der Bandscheibe operieren lassen musste, weil die Symptome so ausgeprägt
waren, dass sie hinkte. Ich kenne einen Justizsprecher, der täglich mit
Gewichten arbeitet, damit der Rücken nicht muckert. Ich habe Kontakt zu
einem Onlineredakteur, der ein Jahr im Job ausgefallen ist, weil in der
Lendenwirbelsäule etwas "vorgefallen" ist. Medienmenschen scheinen
prädestiniert zu sein für diese Gelee-Sache. Aber nicht nur die: Jede
fünfte Frau und jeder siebte Mann leiden in Deutschland an chronischen
Rückenschmerzen. Sagt das Robert-Koch-Institut.
Es ist das immergleiche Szenario. Saftloses Sitzen im Büro lässt die
Muskeln schrumpfen. Das lasche Gewebe kann das Rückgrat nicht mehr stützen.
Eine Fehlhaltung entsteht. Und ehe man sichs versieht, ist der Keim für den
Bandscheibenvorfall gelegt. Nun braucht es nur noch eine dumme Bewegung,
ein unachtsames Hantieren mit einer schweren Last, und zack, ist der
Vorfall da: die Berufskrankheit des modernen Büromenschen, die Seuche des
Sitzenden. Der Vorfall gedeiht idealerweise in einem Biotop des Stresses.
Sigmund Freud hätte womöglich vom Druck gesprochen, der sich ins
Somatische, also Körperliche verschiebt. Drückte es zunächst eher
metaphysisch aufs Gemüt, so drückt nun das Gelee sehr konkret auf den
Ischias, den längsten und mächtigsten Nerv des Menschen. Er reicht von der
Lende bis zum Fuß - und überall kann es wehtun. Am Oberschenkel, in der
Wade, unterm Fuß, an den Zehen. Wobei: Dort unten kribbelt es meist nur, so
als würde man seinen Fuß in ein Strombad halten. Früher war man überzeugt,
dass so etwas nur von bösen Mächten kommen konnte und sagte "Alpschoss"
oder "Hexenstich" zum "Lendenübel".
Der Bandscheibenvorfall ist in etwa das, was zu Freuds Zeiten die
"Neurasthenie" gewesen ist. Heute ist es das Rückgrat, das der Belastung im
hyperkomplexen Alltag nachgibt, damals wurde der Mensch, überfordert im
Gewirr des industriellen Zeitalters, müde und antriebslos. Freuds
Neurastheniker waren ausgebrannt, weil sie sich an der lodernden Welt um
sie herum entzündet hatten. Sie entschleunigten sich, indem sie depressiv
wurden und ihren Körper versagen ließen, unbewusst natürlich. Als
Produktivkräfte standen sie nicht mehr zur Verfügung. Sie waren raus aus
dem kapitalistischen Spiel. Körper und Geist wollten nicht mehr.
Heute ist das Heer der Ausgebrannten keineswegs kleiner geworden,
allerdings mischt nun auch das Bataillon der Bandscheibengeschädigten mit.
Es handelt sich nicht mehr nur um Maurer oder Möbelpacker, die schlapp
machen, es sind Büromenschen mit zarten Händen und Wohlstandsbauch, die es
im Kreuz haben. Sie hatten keinen Unfall mit einem überschweren Zementsack,
sie haben sich meist ganz einfach nur kaputtgesessen. Rückenleiden sind
heute auch keine Frage des Alters mehr. Die Patienten werden jünger. Und
zahlreicher. Der malade Rücken ist zum Kostenfaktor geworden: In der
Altersgruppe der 15- bis 65-Jährigen stehen Rückenleiden und Arthrosen auf
Platz drei, hinter Verdauungsproblemen und Zahngeschichten.
Ärzte profitieren vom Podiumsplatz des Rückens. Wehwehchen rund um die
Wirbelsäule sind zu einer sprudelnden Einnahmequelle für Mediziner
geworden. Es ist nicht wichtig, dass Experten der Meinung sind, akute
Beschwerden würden in neunzig Prozent der Fälle binnen weniger Wochen von
alleine verschwinden. Therapiert wird auf Teufel komm raus. Auch meine
Orthopädin verdient an mir. Obwohl es in der heißen Phase eines
Bandscheibenvorfalls wenig Sinn ergibt, es mit Akupunktur zu versuchen,
verordnet sie mir die Nadelkur. "Na ja, wir können es ja mal versuchen",
sagt sie und kassiert die Selbstbeteiligung. X-mal. Sonst fällt ihr nicht
viel Schlaues ein - außer Diclofenac auf Rezept, ein Schmerzmittel. Als ich
irgendwann um eine OP bitte, sagt sie nur: "Dafür geht es ihnen noch zu
gut." Ich frage mich, warum der Fußballer Bernd Schneider sofort unters
Messer kommen, ich aber nicht. Das hat man nun als Kassenpatient davon.
Damit keine Missverständnisse aufkommen: Es gibt einen großen Unterschied
zwischen Rückenschmerzen und einem Vorfall. Beides zu vergleichen hieße,
einen Schnupfen für eine Virusgrippe zu halten. Bei etwa neunzig Prozent
der Patienten findet man keine organische Ursache für oftmals sehr diffuse
Beschwerden. Diese Gruppe spricht hervorragend auf Placebos an, mischt nach
einem warmen Bad oder einer Akupressur schon wieder munter mit. Beim
kleineren Rest haben die Beschwerden ernste Ursachen wie Infektionen,
Tumoren oder eben geschädigte Nervenwurzeln nach einem Vorfall. Die
"echten" Fälle müssen mit einer längeren Leidenszeit rechnen. Kathartische
Heilungen gibt es hier nur selten.
In Sandwich-Position
Der Vorfall katapultiert einen erst mal heraus aus der Arbeitswelt. Man hat
sich verschlissen. Betroffen sind, so bestätigen es medizinische Studien,
oftmals nervöse und ehrgeizige Zeitgenossen, Manager in Sandwich-Position,
die sich im Mahlwerk zwischen Chefetage und Belegschaft aufreiben,
Perfektionisten und Überkorrekte. Aber was macht sie letztlich krank? Ist
die Klientel übermäßig darauf bedacht, im Alltag Rückgrat zu zeigen? Wollen
sie es allen recht machen? Und wie geht es künftig weiter mit einer
Sollbruchstelle im Kreuz?
Knackst es im Gebälk des Rückgrats, dann ist in den nächsten Wochen erst
einmal Schluss mit der Normerfüllung am Computer. Dafür beanspruchen die
Symptome volle Aufmerksamkeit: das Kribbeln und Kneifen, das dumpfe Ziehen
im Bein und die Gefahr von großkalibrigen Hexenschüssen, die jederzeit
alles wieder schlimmer machen können. Und dann auch noch das: Verloren in
der Fließbandmedizin stellt sich keine Besserung ein. Das Gelee drückt und
drückt. Will nicht nachlassen.
Ein paar Wochen nach der Diagnose komme ich in die Reha, in die
"Siechenanstalt", wie ich sie nenne, um mich zu distanzieren von der
anfangs völlig unannehmbaren Szenerie. Ein rotbärtiger Arzt erklärt mir,
dass die Bandscheiben von Bewegung leben, sie benötigten einen
gleichmäßigen und ausgewogenen Wechsel zwischen Be- und Entlastung, um sich
ausreichend mit Flüssigkeit und Nährstoffen zu versorgen. Außerdem würde
durch Bewegung das Gelee langsam abtransportiert werden aus dem Spalt.
Die Reha ist eine einzige Demütigung, aber sie hat auch etwas Gutes. Hier
lerne ich, dass mich die "Korsettspannung" retten wird. Eine
Krankengymnastin macht mich mich dem Wort bekannt. Was es damit auf sich
hat, ist schnell erklärt: Die Muskeln am Rumpf müssen wachsen, damit
gehalten und gestützt werden kann, was das Rückgrat nicht mehr zu halten
vermag. Von nun an wächst mein Muskelkorsett. Ich mache täglich Übungen,
auf dem Rücken liegend, auf der Seite und in Bauchlage, ich dehne bis zum
Anschlag und beobachte schon nach wenigen Wochen, dass ich meinen Bauch
wellenartig bewegen kann, das sieht sehr lustig aus. Zusätzlich drückt ein
Neurochirurg in monströsen Spitzen, die wie ein Bratspieß in meinem Rücken
stecken, Kortison in mich hinein, damit der Schmerz weggeätzt wird.
Die Therapie schlägt an. Ich habe mich nach Monaten so weit instand
gesetzt, dass ich nun reif bin für die finale Krisenintervention:
Kieser-Training. Im Tempel des freudlosen Trainierens soll der Feinschliff
erfolgen. In dem Laden in Berlin-Mitte treffen sich die typischen
"Vorfälle": PR-Agenten, die sich das Training von der Privatkrankenkasse
bezahlen lassen und allerlei Mittelalte, die sich am Job verhoben haben. Im
Kreis der Rückenarbeiter stemme ich brav die Gewichte. Mir bleibt ja nichts
anderes übrig, wenn ich "L5S1" wieder auf Vordermann bringen will. Artig
folge ich den Instruktionen der Trainer. Bemüht tue ich meine Pflicht an
Maschine F3 und D5. Die Gewichte klackern, jemand stöhnt vor Anstrengung.
Und ich murmele still mein Mantra: "Korsettspannung, Korsettspannung".
17 Mar 2009
## AUTOREN
(DIR) Markus Völker
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