# taz.de -- Ein Klops Hoffnung
       
       > 1940ER Ein Steak bestand zu Kriegszeiten aus Haferflocken. Es versprach
       > bessere Tage. Teil 1 unserer neuen Serie
       
       VON STEFFEN GRIMBERG
       
       Die deutsche Frau, wie wir sie uns denken, muß, wenn es die Lage des Volkes
       erfordert, verzichten können auf Luxus und Genuß. Sie muß geistig und
       körperlich arbeiten können, und sie muß aus dem harten Leben, das wir heute
       zu leben gezwungen sind, ein schönes Leben machen können.“
       
       Reichsfrauenführerin Gertrud Scholtz-Klink
       
       Nur damit kein Missverständnis aufkommt: Die martialischen Stanzen eröffnen
       – ein Backbuch. Es ist noch nicht mal aus den letzten Kriegsjahren, sondern
       von 1942, „bearbeitet vom Frauenamt der Deutschen Arbeitsfront und dem
       Deutschen Frauenwerk, Abt. Reichsmütterdienst“. Auf dem Cover ein
       kindergeburtstaglich geschmückter Napfkuchen mit Kerzen und Blümchen. „Gut
       backen im eigenen Herd!“, heißt es, doch von gut backen konnte schon bald
       keine Rede mehr sein.
       
       Echte Eier, weißes Mehl und vor allem das nötige Fett wurden knapper und
       knapper. Immerhin konnte quietschsüßer Kunsthonig aus Invertzucker über
       manches hinweghelfen. Doch der Kuchen gab sich – wenn er überhaupt noch
       gebacken wurde – immer krümeliger. Das verband ihn mit diversen
       Fleischgerichten, in denen zunächst noch ein Krümel totes Tier und später
       fast nur noch Haferflocke war – wie beim garantiert vegetarischen Deutschen
       Beefsteak.
       
       Das deutsche Volk nahm es hin, es war schon vor der Einführung von
       Lebensmittelkarten gut vorbereitet worden mit dem sonntäglichen
       Eintopfgericht, das man im Geiste mit dem Führer aß. Heute würde so etwas
       auf Facebook der Renner.
       
       Doch die Nazis schafften es ganz ohne digitalen K(l)ick, die virtuelle
       Volks- und Fressgemeinschaft um die immer leereren Töpfe zu scharen. Aus
       wenig viel zu machen, sich zur Not vollends in die Tasche zu lügen, wurde
       zur Tugend – und mit deutscher Gründlichkeit vermittelt.
       
       So auch beim oben aufgeführten Rezept, in dem das – auch in der
       Friedensware namens Frikadelle oft überreichlich vorhandene – Bindemittel
       stracks die Hauptrolle übernahm. Glücklich, wer noch an Haferflocken plus
       Kunsteipampe kam. Der konnte wenigstens die Illusion einer Frikadelle
       aufrechterhalten. Und brauchte kein Fleisch, sondern nur deutsche Esser, um
       auch mitten im Krieg ein „Deutsches Beefsteak“ zu zelebrieren.
       
       Die Ausgabe 16 des Lubliner Wochenprogramms aus dem besetzten polnischen
       Lublin annonciert für den 8. und 9. Februar 1944 diesen „Kurz-Kursus“ für
       die deutsche Frau am Herd: „Die Fleischration richtig einzuteilen,
       erfordert mancherlei Übung. Wir geben einige Rezepte zu solchen Speisen,
       die sicherlich jede Frau kennt“, heißt es da. Und dann folgen
       „Kartoffelrand mit Wurstwürfelchen“ oder „Falsche Würstchen im Schlafrock“.
       Ganz nebenbei räumt dieses Kochkursangebot – selbstverständlich nur für die
       arischen Siegerinnen im sogenannten Generalgouvernement gedacht – mit der
       bis in jüngste Zeit grassierenden Mär auf, die Versorgung der deutschen
       Bevölkerung sei den Nazis bis zum „Zusammenbruch“ ganz leidlich gelungen.
       Zumindest bei Fleisch sah es schon recht früh zappenduster aus.
       
       Die „Schriftenreihe für die praktische Hausfrau“ rät schon 1942 im
       Sonderheft „Lebensmittelkarten und richtige Ernährung“ zu „gebräunten
       Kohlrüben“ und setzt so den Trend für die Zeit nach Kriegsende. Da wurde es
       dann wirklich schlimm. „Der Geruch von verbrannten Städten lag über dem
       Land; das Reich war untergegangen und mit ihm alles, was den Deutschen als
       Lebensinhalt galt“, schreibt einer, der es miterlebt hat und etwas von
       Küche versteht – Wolfgang Siebeck: „Viele weinten: aus Selbstmitleid und
       vor Hunger.“
       
       Gleich nach Kriegsende betrugen die Rationen für Erwachsene deutscher
       Staatsangehörigkeit in Berlin 200 Gramm Brot, 25 Gramm Fleisch, 400 Gramm
       Kartoffeln, 10 Gramm Zucker, 10 Gramm Salz und 2 Gramm Kaffee – macht rund
       900 Kalorien. Kinder bis 14 Jahre mussten mit 150 Gramm Brot, 25 Gramm
       Fleisch, 200 Gramm Kartoffeln, 10 Gramm Zucker, 5 Gramm Fett, 10 Gramm Salz
       und 1 Gramm Kaffee – rund 650 Kalorien – auskommen.
       
       Vor allem die Winter 1946 und 1947 waren brutal, und auch wenn Siebecks
       Diktum zynisch klingt – hätte die deutsche Hausfrau je Fantasie bewiesen,
       dann in diesen Hungerjahren: Es ist was dran. Kartoffeln, zur Not nur die
       Schalen, Brotsuppe, alles Rübige und natürlich die Haferflocken ergaben den
       Speisezettel. Der Kaffee wuchs nicht mehr auf äthiopischen Hochebenen, er
       wurde im deutschen Wald aufgelesen, Eicheln, Bucheckern. Wohl dem, der ein
       paar „Kälberzähne“ genannte Großgraupen in der dünnen Suppe fand. Der bis
       vor kurzem schlechte Ruf der Steckrübe – heute wieder gern im Wok
       angeschwenktes Streifengemüse zum auf der Haut gebratenen Winterkabeljau
       mit lila Senfemulsion – stammt aus dieser Zeit.
       
       Fleisch gab es längst nicht mehr. Doch das unerschütterliche „Deutsche
       Beefsteak“ tat wenigstens, als ob. Und machte satt. Außerdem gab der Klops
       Hoffnung, anders als die dünne Suppe: Hoffnung und Versprechen auf bessere
       Tage, an denen der Bratling nicht mehr aus Fake, sondern aus Fleisch
       besteht.
       
       Wer überlebte und auch den allfälligen Vitaminmangel überstand, ernährte
       sich allerdings –verhältnismäßig – gesund. Zumindest in Bezug auf die
       modernen, von zu viel Fett und Zucker hervorgerufenen
       „Zivilisationskrankheiten“. Doch die vierziger Jahre, mit ihren
       Hamsterfahrten und seltenen Carepaketen, den enormen Schwarzmarktpreisen
       für heute simpel-alltägliche Genüsse wirken auch anders noch fort: Auf
       Qualität, gar auf Geschmack, das hat sich beim deutschen Esser eingeprägt,
       kommt es eigentlich gar nicht so sehr an. Es gilt: „Hauptsache, satt!“ Und:
       Fleisch ist ein Stück Lebenskraft.
       
       11 Feb 2012
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) STEFFEN GRIMBERG
       
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