# taz.de -- Ausstellung auf Spuren von Alexandre Dumas: Gemalter Kolonialroman
       
       > Die Ausstellung "Captain Pamphile" in den Harburger Phoenixhallen begibt
       > sich auf die Spuren von Alexandre Dumas' phantastischem Abenteuerroman -
       > und wirft einige Fragen nach dem Verhältnis von Text und Bild auf.
       > Anregend ist sie auf alle Fälle.
       
 (IMG) Bild: Die Ausstellung "Captain Pamphile - Ein Bildroman in Stücken" der Sammlung Falckenberg in Hamburg-Harburg.
       
       HAMBURG taz | Die Kunst zeigt sich in den Harburger Phoenixhallen derzeit
       als ein Abenteuer mit Piraten und wilden Nackten, mit tanzenden Bären und
       betrügerischen kolonialen Entrepreneurs. Die sinnstiftende Klammer der
       Ausstellung ist ein knallbuntes historisches Werk von Alexandre Dumas: der
       irrlichternde, vieles zitierende und plagiatorisch kompilierende Roman "Le
       Capitaine Pamphile" von 1839.
       
       Die über hundert eigens für die Ausstellung gefertigten Bilder folgen den
       haarsträubenden Geschichten eines Textes, der nach seiner ersten deutschen
       Übersetzung 1847 erst vor vier Jahren, 160 Jahre später, in Deutschland
       eine kurios bewunderte Neuauflage erlebte.
       
       Schon immer gab es in der Privatsammlung Harald Falckenberg in Harburg
       bedeutende Ausstellungen zu sehen, doch die aktuelle, anglisiert "Captain
       Pamphile" betitelt, ist der Beginn einer neuen Kooperation: Seit diesem
       Jahr ist die Sammlung samt fünfstöckigem Harburger Museumsort den
       städtischen Hamburger Deichtorhallen angeschlossen - für 13 Jahre als
       befristete Dauerleihgabe.
       
       Malerisch verwischt sind auf die Wand Romanzitate geschrieben, ein
       fortlaufender Kommentar zu den bunten Bildern. Aber kann das Konzept der
       Ausstellung wirklich funktionieren? Zwar wird ein ordentlicher Rundgang
       empfohlen von der ersten Kapitelüberschrift zur nächsten. Aber das ist
       weder bei der Ausstellung noch bei der Vorlage zwingend.
       
       Denn abgesehen davon, dass Bilder sowieso ein Eigenleben führen, ist schon
       der Roman von Dumas aus einer Kurzgeschichtensammlung zusammengesetzt, das
       phantastische Patchwork ist somit für abschweifende Gedanken und wilde
       Bilder weitgehend offen.
       
       Immerhin wird den BetrachterInnen ein Personalverzeichnis mit auf den Weg
       gegeben: Am Beginn der Treppenanlage, die die Phoenixhallen dominiert, gibt
       es von Christian Schwarzwald mit 82 Großporträts ein wandfüllendes Inventar
       der Romanfiguren - von einer Schildkröte bis zum General.
       
       Die Ausstellung entführt dann in ein jahrmarkthaftes Panoptikum voller
       vermenschlichter Tiere und vertierter Menschen, mit verzauberten Bildern
       und gemalten Geldscheinen. Da ist eine gigantische, armeegeschützte
       Weltenorgel zu sehen, oder es wird auf den dreisten Betrüger Gregor
       McGregor verwiesen, einer der historischen Vorbilder der Romanfigur, der um
       1820 erfolgreich frei erfundene Kolonialländereien verkaufte.
       
       Bei Johannes Spehr geht es feingezeichnet um Kämpfe im modernen
       Bürodschungel oder in einem coolen Textbild von Wawrzyniec Tokarski um das
       Konzept des "fair trade".
       
       Das Ganze scheint selbst so zusammengegoogelt wie die Vorlage, dieses alte,
       schon damals Popart-ähnliche Stück Unterhaltungsliteratur, das eine ebenso
       eitle wie ausbeuterische Gesellschaft beschreibt. Die allerdings hat
       durchaus einige Parallelen zur Gegenwart.
       
       Die teils skurrilen Textzitate zeigen sich den Bildern allerdings
       dahingehend überlegen, dass sie sicher schneller zu rezipieren sind. Und
       selbst im Ausstellungskatalog wird vermutet, dass ein ganzer Roman als
       Themenvorgabe zu einer "Wühltisch-Haltung" und nahezu beliebigen Bildern
       führen könne. Doch solche Freiheit ist durchaus zeitgemäß, und die Vorlage
       ermöglicht es immerhin, im Meer der Möglichkeiten die Phantasie ein wenig
       zu fokussieren.
       
       Eine Möglichkeit besteht darin, den Roman auf Aussagen zur Kunst hin zu
       lesen. So gibt es eine Stelle, an der ein Affe in eine seltsame Beziehung
       zu Bildern gerät: "alle Nackten waren bis auf die Leinwand abgeschleckt
       worden", heißt es in der zitierten Textvorlage. Und weiter wird erläutert,
       der Affe sei weder ein Kunstkenner noch pervers, er liebte bloß das auf den
       Bildern aufgebrachte Bleiweiß.
       
       Solche Differenzen zwischen dem Dargestellten und dem Medium der
       Darstellung sind natürlich für Künstler höchst reizvoll - ermöglichen sie
       es doch, sich ganz beiläufig auf Bildtheorien zu beziehen. Auf den zweiten
       Blick zeigt sich so, dass die kulinarisch und illustrativ daherkommende
       Ausstellung durchaus einen theoretischen Anspruch hat: Sie ist ein Versuch
       über das aktuelle Verhältnis von Bild und Text.
       
       Die Überlegungen zum Text, den die Bilder enthalten oder hervorrufen,
       weisen über die aktuelle "Captain Pamphile"-Ausstellung hinaus in die
       angrenzenden Räume und Stockwerke der Phoenixhallen: Dort, wo die dauerhaft
       eingebauten Großinstallationen von Jonathan Meese, Mike Kelley oder Thomas
       Hirschhorn stehen, können die Besucher ihre eigenen Geschichten
       weiterspinnen.
       
       So ist etwa die Installation von Jon Kessler, "The Palace at 4 AM", direkt
       auf die Sicht zur ehemaligen Harburger Wohnung der 9/11-Attentäter
       ausgelegt.
       
       Diese insgesamt durchaus anregende Dumas-Ausstellung wirft Fragen auf:
       Braucht die bildende Kunst die Literatur als Stütze? Ist alle figürliche
       Malerei immer illustrativ? Ist ein Bild hinreichend gelesen, wenn der
       Inhalt der Darstellung verstanden wurde? Und sollten sich - entgegen dem
       Diskurs der Moderne - die malerischen Mittel diesen Inhalten unterordnen?
       
       Auf die Frage, ob die gezeigten Bilder nicht bloß Buchillustrationen seien,
       sagen die beiden Kuratoren Gunter Reski und Marcus Weber, dass nur wenige
       der 63 beteiligten Künstlerinnen und Künstler sich nicht hätten einbinden
       lassen. Schließlich habe der durch und durch phantastische Text alle
       malerischen Freiheiten gegeben. Wie die Ausstellung zeigt, stimmt das auf
       jeden Fall.
       
       "Captain Pamphile - Ein Bildroman in Stücken", Deichtorhallen Hamburg -
       Sammlung Falckenberg, Hamburg-Harburg. Besuch nur mit Führung: Mi 18, Sa
       15, So 12 + 14 Uhr, Anmeldung unter 040-32 50 67 62 oder
       [1][besuch@sammlung-falckenberg.de]. Bis 10. April. Katalogbuch im Verlag
       Philo Fine Arts, 240 Seiten, 25 Euro
       
       23 Feb 2011
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] /besuch@sammlung-falckenberg.de
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Hajo Schiff
       
       ## ARTIKEL ZUM THEMA