# taz.de -- Auf die improvisatorische Art
> PORTRÄT Michael Wollny mag Gothic-Romane genauso wie Prince-Balladen. Am
> Mittwoch beginnt die Deutschland-Tournee des Jazzpianisten im
> Kammermusiksaal der Philharmonie
(IMG) Bild: Nimmt irgendwas von außen und versucht es in seinen Kosmos zu integrieren: Pianist Michael Wollny
von Tobias Richtsteig
Als Jazzpianist ist Michael Wollny viel unterwegs. Vor ein paar Tagen hat
er in Frankfurt am Main „Goldberg-Tangenten“ gespielt: Bachs berühmte
Variationen, mit einem Thomas-Bernhard-Text versetzt – und Live-Elektronik
unterlegt. Jetzt sitzt der 37-Jährige beim Promotermin anlässlich seines
neuen Albums und erinnert sich: „Das war eine sehr freie Improvisation. Und
hinterher kamen die Leute zu mir und erzählten: ‚Wir waren ja grade bei
Nils und das war auch so toll!‘ Da bin ich manchmal überrascht, dass die
stilistische Offenheit der Zuhörer ähnlich groß ist, wie ich sie auch für
mich empfinde, wenn ich in den verschiedenen Projekten spiele.“
## Pop- und Technoaffinität
Denn „der Nils“, das ist der schwedische Posaunist Nils Landgren, für den
Ulrich Stock in der Zeit unlängst das Genre „Rudi-Carell-Jazz“ erfand. Mit
ihm spielt Wollny auch als Duo, dann stehen schon mal Songs von Sting oder
Tina Turner auf dem Programm. Die sind dann aber erst auf den zweiten Blick
wiederzuerkennen. Denn unwahrscheinliche Verbindungen herzustellen gehört
zu Michael Wollnys Stärken. Als vor zehn Jahren sein Debüt mit dem
Klaviertrio „[em]“ erschien, erkannte das Feuilleton ihn als Vertreter
einer neuen Generation, die nicht nur mit Pop und Techno aufgewachsen war,
sondern auch mit Einflüssen aus der ganzen Welt. Die afroamerikanischen
Traditionen des Jazz gelten für diese Generation „nur noch als
Möglichkeiten unter vielen anderen“, schrieb die Neue Zürcher Zeitung.
Tatsächlich waren bei [em] eher HipHop-Beats zu hören als swingende
Ride-Cymbals, hier und da Motive aus barocken Chorälen, Minimal Music und
Impressionismus, aber eben keine Bebop-Floskeln. Der Slogan vom „Young
German Jazz“ kursierte. Und Michael Wollny, der damals gerade Mitte zwanzig
und nach Berlin gezogen war, wurde zum Coverboy des neuen Trends. Es war
eine Blütezeit des Jazz in Berlin, ständig strömten neue MusikerInnen in
die Stadt. Die Mieten waren noch erschwinglich und ließen Raum für
Experimente, ohne auf Erfolg zu schielen.
Doch genau der stellte sich für den in Schweinfurt geborenen Wollny ein –
wohlgemerkt in den überschaubaren Dimension des Jazz-Business. Kurz nach
dem [em]-Debüt erschien auch sein erstes Duo-Album mit dem Saxofonisten
Heinz Sauer. Der könnte zwar sein Großvater sein und zählt als
Tenorsaxofonist zur Gründergeneration des freieren Jazz in Deutschland,
trägt aber HipHop-Klamotten – weil die bequemer sind. Und im Duo ließ er
sich von Wollny auch für Prince und Björk begeistern. Fortan galten sie
zuweilen gar als große neue Hoffnung des Piano-Jazz in Deutschland.
Bei solchen Schlagworten lächelt Michael Wollny leicht gequält. Zum einen
ist er tatsächlich bescheiden geblieben, andererseits würde er seine Musik
nicht unbedingt Jazz nennen. „Das Wort ‚Jazz‘ will ja immer eine bestimmte
stilistische Sprache bezeichnen. Aber das ist nicht mein Ansatz. Die Musik
muss offen bleiben, überraschend, inkludierend. Ich nehme irgendwas von
außen und versuche, das in meinen Kosmos zu integrieren, und mache das halt
auf improvisatorische Art und Weise.“ Und was er da zusammenführt, kommt
eben nicht aus dem Mainstream, manches auch aus Literatur oder Film. Sein
Solo-Album „Hexentanz“ etwa nennt er „Gothic Music“, er ist ein Fan der
Gruselromane von Mary „Frankenstein“ Shelley. Und auf seinen neueren Alben
findet sich Musik aus Filmen von David Lynch, Charlie Kaufman und Alfred
Hitchcock, neben „be free“ von den Flaming Lips und Pinks „God is a DJ“.
Wenn Michael Wollny am Mittwoch seine Deutschland-Tournee im
Kammermusiksaal beginnt, kommt er als Besucher nach Berlin: Inzwischen lebt
er in Leipzig, er ist Professor für Jazz und Popularmusik. Und er kommt
nicht zum ersten Mal in die Philharmonie am Potsdamer Platz. Erst im
vergangenen Mai trat er im Großen Saal auf: mit Markus Stockhausen und den
12 Cellisten der Philharmoniker. Doch die Anfänge als frei improvisierender
Musiker hat er dabei nicht vergessen. „Ich glaube, es widerspricht der
Musik nicht, dass es auch größer werden kann“ sagt er, aber „die Musik
entsteht dadurch, dass zwei, drei, vier, fünf Leute sich erst mal treffen
und miteinander musikalisch sprechen wollen. Und das traditionellerweise
erst mal vor kleinem Club-Publikum, im überschaubaren Raum. Diese Keimzelle
Club ist einfach nicht ersetzbar.“
Michael Wollny, Kammermusiksaal Philharmonie, Mi.,28. 10., 20 Uhr
28 Oct 2015
## AUTOREN
(DIR) Tobias Richtsteig
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