# taz.de -- „Oranienplatz ist jetzt überall – und wir sind darüber sehr glücklich“
       
       > DER FLÜCHTLINGSAKTIVIST Die Deutschen reden ständig über Demokratie und
       > Menschenrechte, doch für Flüchtlinge gelten sie nicht, kritisiert der
       > Sudanese Adam Bahar. Der ehemalige Oranienplatz-Besetzer hat eine
       > Mission: die Menschen aufklären über die Zusammenhänge von Kolonialismus,
       > Rassismus und Asylpolitik
       
       INTERVIEW SUSANNE MEMARNIA FOTOS LIA DARJES
       
       taz: Herr Bahar, vor gut einem Jahr, am 8. April 2014, wurde das
       Protestcamp der Flüchtlinge am Oranienplatz, wo auch Sie lebten,
       abgerissen. Wie ist es Ihnen seither ergangen? 
       
       Adam Bahar: Für mich hat sich eigentlich nichts geändert. Ich habe ja die
       Vereinbarung mit Senatorin Dilek Kolat abgelehnt, darum bin ich weder nach
       der Räumung in ein Heim gezogen, noch habe ich bei der Ausländerbehörde
       einen Antrag gestellt. Ich war zwar Teil der Verhandlungsdelegation, aber
       ich habe am Ende nicht unterschrieben. Für mich war klar, dass es nur der
       Versuch des Senats war, die Flüchtlinge loszuwerden. Es war ein Problem für
       sie, dass mitten in der Stadt Leute in Zelten campierten. Kein Politiker
       hat daran gedacht, uns etwas zu geben, sie wollten uns nur loswerden.
       
       Und wo leben Sie seither? 
       
       Zum Glück habe ich einige Freunde hier und lebe bei ihnen. Andere waren
       nicht so glücklich: Manche wurden abgeschoben, einige leben jetzt auf der
       Straße oder in Kirchengemeinden, andere bekommen Schlafplätze vermittelt
       durch Unterstützer oder leben in der Schule. Aber wir alle sind immer noch
       hier.
       
       Wie sieht Ihre rechtliche Situation aus? 
       
       Ich habe 2012 einen Asylantrag gestellt, der wurde 2013 abgelehnt. Dagegen
       habe ich Einspruch eingelegt. Ende Mai wird mein Fall erneut verhandelt, in
       Hannover, wo ich registriert bin.
       
       Sie sind 2012 gekommen und immer noch im Asylverfahren? 
       
       Ja. Es ist schon komisch: Die Bundesregierung, die gerade ein neues Gesetz
       gemacht hat, um das Verfahren zu beschleunigen, sagt, es dauere im Schnitt
       sechs Monate. Bei mir dauert es drei Jahre und ist noch immer nicht
       beendet.
       
       Ihre Pläne für die Zukunft – falls Sie anerkannt werden? 
       
       Für mich gibt es keine Zukunft in Deutschland. Sogar wenn du Papiere
       bekommst, heißt das nicht, dass du hier frei bist und eine Zukunft aufbauen
       kannst. Dieses Land ist im Kern rassistisch und schwarze Menschen sind hier
       nicht willkommen. Wir werden überall von der Polizei kontrolliert, erleben
       überall Rassismus. Vielleicht wird es hier in zehn Jahren oder so eine
       Zukunft für schwarze Menschen geben. Mein Ziel ist nur, den Kampf
       fortzusetzen gegen Rassismus und die kolonialistische Ideologie dahinter.
       
       Sie wollen also in Deutschland bleiben, auch wenn es Ihnen hier gar nicht
       gefällt? 
       
       Wir müssen bleiben und die Dinge ändern. Die Leute denken ja: Deutschland
       ist der beste Ort zum Leben, aber tatsächlich ist es ein Scheißort zum
       Leben. Sie reden über Menschenrechte und dass Deutschland ein großes Land
       und eine Demokratie ist. Aber die Realität ist anders, es gibt keinerlei
       Respekt für Leute wie uns. Ich rede jetzt nicht von der ganzen
       Gesellschaft, aber es gibt schon eine unterschwellige rassistische
       Struktur.
       
       Aber wussten Sie das nicht, als Sie herkamen? Was wussten Sie überhaupt von
       Deutschland? 
       
       Das ist eine traurige Geschichte. Die Medien in unseren Ländern sind voll
       von Geschichten über Deutschland und Europa als Orte von Demokratie und
       Menschenrechten. Überall kann man das lesen und sehen. Und dann kommen die
       Leute hierher und sehen die Realität.
       
       Haben Sie niemanden gehabt, der schon hier war und Sie angerufen hat, um zu
       sagen, dass alles ganz anders ist und Flüchtlinge nicht willkommen sind? 
       
       Nein, es war anders. Ich hatte keinen Plan herzukommen. Ich habe niemals
       davon geträumt. Ich hatte ein gutes Leben in meinem Land, im Sudan. Ich
       habe dort Familie, Nachbarn, Erinnerungen, alles. Ich wollte nicht
       herkommen und am Oranienplatz oder in einem Lager leben, in einer
       Gesellschaft, in der man auf der Straße wegen seiner Hautfarbe angeglotzt
       wird.
       
       Wenn Sie nicht kommen wollten: Was hat Sie hergebracht? 
       
       Ich musste Sudan verlassen wegen des Krieges und weil ich politisch
       gearbeitet hatte gegen die Diktatur, die übrigens von Deutschland
       unterstützt wird. Mein Problem fing nicht 2009 an, als ich aus Sudan
       fortging. Es begann vor rund 130 Jahren – 1884 organisierte Kanzler
       Bismarck in Berlin eine Konferenz, auf der die Kolonialmächte Afrika unter
       sich aufteilten.
       
       Das ist für Sie der Beginn heutiger Probleme? 
       
       Ja. Damals begann die systematische Kolonialisation, die Ausbeutung unserer
       Ressourcen, die Unterdrückung der Menschen.
       
       Meinen Sie wirklich, dass auch nach 140 Jahren die Europäer für alles, was
       in Afrika passiert, die Verantwortung tragen? 
       
       Ja, tun sie. Denn heute sind alle afrikanischen Länder zerstört: politisch,
       ökonomisch, sozial. Dass Sie und ich jetzt hier in Englisch miteinander
       sprechen, ist auch ein Ergebnis des Kolonialismus. Das ist nicht meine
       Sprache, aber weil Sudan britisch war, musste ich es lernen. Auch die
       Kriege in Sudan haben sich aus der kolonialen Ideologie heraus entwickelt.
       Ich will Ihnen etwas erzählen, das Sie nicht glauben werden: Als ich nach
       Deutschland 2012 kam, hörte ich von einem Gesetz namens Residenzpflicht,
       das es Flüchtlingen verbietet, sich frei in Deutschland zu bewegen. Wussten
       Sie, dass wir das auch in Sudan hatten von 1919 bis 1956, als Sudan
       unabhängig wurde?
       
       Wirklich? Eine Residenzpflicht? 
       
       Ja, das nannte sich „geschlossene Gebiete“. Damals durfte niemand ohne
       Erlaubnis der Briten aus Südsudan in den Norden gehen. Die Briten sagten:
       Ihr im Norden seid mehr arabisch, ihr im Süden afrikanisch, ihr seid
       Christen, ihr Muslime und so weiter. Das teilte die Menschen, und das
       Ergebnis war ein 20 Jahre währender Krieg zwischen Nord und Süd, der zwei
       Millionen Leben kostete. Dann kam ich nach Deutschland und sah hier
       dasselbe Gesetz am Werk.
       
       Sie waren also politisch aktiv in Sudan und haben Ärger bekommen. Was ist
       passiert? 
       
       Ich habe gegen die Regierung gearbeitet in einer Bewegung namens Justice
       and Equality Movement (JEM). Ich und einige andere dachten, wir sollten der
       Welt zeigen, was wirklich in Darfur los ist. Wir schrieben Stellungnahmen,
       informierten die Medien über den Krieg und so weiter. 2008 versuchte JEM
       mit einem Angriff auf die Stadt Omdurman nahe der Hauptstadt die Macht zu
       übernehmen, was misslang. Die Regierung begann, jeden zu verhaften, der
       politisch aktiv war, besonders natürlich bei JEM. Also musste ich das Land
       verlassen. Es war klar, dass sie mich früher oder später verhaften würden.
       Ich ging nach Ägypten.
       
       Wie kamen Sie nach Europa? 
       
       Nach einem Anschlag auf den Präsidenten begann Ägypten, sudanesiche
       Immigranten nach Sudan auszuweisen, was für mich eine große Gefahr war. Ich
       ging nach Syrien, damals war noch kein Krieg. Ich blieb zwei Wochen, ging
       dann über die Grenze in die Türkei, von dort per Boot nach Griechenland,
       dann nach Italien, Frankreich und schließlich Deutschland.
       
       Hier kamen Sie in ein Flüchtlingslager. 
       
       Ja, in Braunschweig. Ich blieb dort etwa zwei Monate. Es war das erste Mal,
       dass ich merkte, dass hier etwas schiefläuft.
       
       Was meinen Sie? 
       
       Du kommst nach Deutschland und beantragst Asyl, was dein gutes Recht ist,
       und sie sperren dich in ein Lager, wo du mit zehn anderen Leuten in einem
       Raum schlafen musst. Du hast keinerlei Privatsphäre. Es gibt
       Sicherheitsleute am Eingang, wenn man kommt und geht, muss man seinen
       Ausweis zeigen. Es gibt die Residenzpflicht, du darfst Braunschweig nicht
       verlasen. Wir fingen dann in unserem Lager einen Protest an gegen die
       Essenspakete: Wir haben gestreikt, die Küche besetzt, und am Ende haben wir
       gewonnen! Die Leute bekommen jetzt Geld, um selbst einzukaufen.
       
       Sie hatten also ersten Erfolg. 
       
       Ja. Dann hörte ich im September 2012 von diesem Mann aus Iran, der in einem
       Lager in Bayern Selbstmord beging, weil er abgeschoben werden sollte. Seine
       Freunde haben einen Streik begonnen, und wir haben uns dem angeschlossen.
       Daraus hat sich dann der Marsch nach Berlin entwickelt, an dessen Ende wir
       im Oktober 2012 den Oranienplatz besetzt haben.
       
       Es scheint, als ob Politik Ihr Leben völlig bestimmt. 
       
       Ja, überall muss ich kämpfen. Es gibt keinen anderen Weg.
       
       Was sagt Ihre Familie dazu? Haben Sie Kontakt? 
       
       Am Anfang nicht so oft, ich wollte sie nicht noch mehr in Gefahr bringen.
       Mit Facebook und WhatsApp ist es jetzt einfacher.
       
       Sind Ihre Eltern stolz auf das, was Sie tun? Oder eher traurig, weil sie
       durch die Politik einen Sohn verloren haben? 
       
       Sie sind sehr stolz, dass ich politisch aktiv bin, ob hier oder vorher im
       Sudan. Sie finden es großartig, dass ich auch hier nicht aufgebe. Das sei
       sogar noch wichtiger, sagen sie, weil es hier um Rechte für alle Menschen
       geht.
       
       Wie stark ist die Flüchtlingsbewegung hier eigentlich noch? Bevor das Camp
       geräumt wurde, gab es Befürchtungen unter den Flüchtlingen, dass das Ende
       des Camps die Protestbewegung zerstört. Ist das passiert? 
       
       Ich kann nicht sagen, dass es überhaupt nicht passiert ist, aber nicht so,
       wie viele befürchtet hatten. Vor der Zerstörung des Oranienplatzes war die
       Bewegung nur dort, heute ist sie überall in Deutschland. Darüber hatten die
       Politiker nicht nachgedacht, als sie den Platz räumen ließen und den Leuten
       keine Gegenleistung gaben. So gingen einige Flüchtlinge zurück in andere
       Städte. Jetzt haben wir seit neun Monaten in Hannover ein Protestcamp
       mitten in der Stadt. Andere gingen nach Düsseldorf oder Hamburg und
       begannen den Kampf dort. Oranienplatz ist also überall – und wir sind
       darüber natürlich sehr glücklich. Darum haben wir immer gesagt: Eine
       Bewegung kann man nicht räumen.
       
       Aber in Berlin wurde die Bewegung gespalten. Inzwischen sind die
       Oranienplatz-Leute in diversen Gruppen aktiv. 
       
       Ja, das gehört zu dem, was sie zerstört haben. Auf der anderen Seite ist es
       gut, dass die Bewegung jetzt auf andere Art und mit neuen Leuten arbeiten.
       Es gibt zum Beispiel die neue Kampagne „My right is your right“, bei der
       Flüchtlinge mit Theatern und anderen Akteuren zusammenarbeiten. Andere
       Flüchtlinge haben eine neue Gruppe gegründet, die African Refugee Union.
       
       Die befassen sich mit Homosexuellen-Rechten in Afrika und mit kolonialen
       Fragen, oder? 
       
       Ja, ähnlich wie noch eine andere Gruppe namens Tschad Jugend in
       Deutschland. Sie kämpfen gegen die Diktatur in Tschad und gleichzeitig für
       Flüchtlinge in Deutschland. Ich glaube, nach dem Oranienplatz mussten die
       Leute einen neuen Weg finden, darum haben sie ihren Kampf hier verbunden
       mit dem, was in ihrer Heimat passiert. Das ist eine wichtige Veränderung –
       und ein großer Erfolg. Denn wenn die Leute in Verbindung bleiben mit dem,
       was in ihrer Heimat passiert, werden sie niemals aufhören zu kämpfen.
       
       Mir schien es zunächst merkwürdig, dass sich manche Gruppen jetzt verstärkt
       mit Problemen in Afrika beschäftigen. Ist das nicht eine Ablenkung von den
       Flüchtlingsfragen? 
       
       Nein, sie machen beides gleichzeitig. Zum Beispiel die Lampedusa-Gruppen:
       Sie kämpfen hier für Flüchtlingsrechte, aber sie machen auch darauf
       aufmerksam, dass es die Nato war, die Libyen bombardierte. Die Nato sagte,
       wir bringen Frieden und Demokratie nach Libyen, aber die afrikanischen
       Arbeiter haben schließlich die Konsequenzen des Krieges zu spüren bekommen
       und wurden aus dem Land geworfen. Als sie dann hier ankamen als so genannte
       Lampedusa-Flüchtlinge, gab man ihnen trotzdem keine Chance. Die Probleme in
       Afrika werden hier in Europa gemacht.
       
       Meinen Sie also, es sei eine neue und richtige Strategie der
       Flüchtlingsbewegung, den Deutschen mehr über die Zusammenhänge zwischen
       europäischer Politik und Vorgängen in Afrika zu erklären? 
       
       Ja, das ist sehr wichtig. Jedes Mal, wenn ich eine Diskussion mit Deutschen
       habe, höre ich: Wir haben nichts zu tun mit euren Problemen, Deutschland
       war nie ein Kolonialreich, wir kolonisieren auch heute niemanden. Aber das
       stimmt nicht. Die Berlin-Konferenz war hier, hier gibt es die Mohrenstraße.
       Die Leute sollten mal darüber nachdenken: Woher kommt dieses Wort „Mohren“?
       Viele wissen das nicht.
       
       Viele denken vermutlich, das sei einfach ein altmodisches Wort für
       Schwarzer. 
       
       Das ist kein altmodisches, es ist ein Sklaverei-Wort. Aber die Leute hier
       schämen sich nicht einmal dafür – wir schämen uns für sie. Warum können sie
       nicht „Entschuldigung“ sagen und das Wort einfach ändern? Man sollte
       wirklich mehr nachdenken über die Zusammenhänge von historischem
       Kolonialismus und aktuellen Problemen.
       
       Andererseits könnte man sagen, wenn man den Namen „Mohrenstraße“ ändert,
       gibt es einen Grund weniger, diese Zusammenhänge zu diskutieren. 
       
       Zugegeben, der Rassismus wird nicht einfach mit dem Namen verschwinden.
       Nennt sie „Rassistenstraße“, und ich wäre einverstanden.
       
       Was ist für Sie das größere Problem: eine Gesellschaft, die zumindest
       teilweise gegen Flüchtlinge eingestellt ist – oder eine Regierung, die
       Gesetze in diesem Sinne macht? 
       
       Auf der einen Seite sind die Menschen, die die Realität nicht sehen, weil
       sie alles haben: Job, nette Frau, Haus und so weiter. Sie denken nicht
       daran, dass vieles, das ihr Leben schön macht, nicht von ihnen abhängt. Der
       Kaffee und Tee, den sie trinken, wird nicht in Deutschland produziert,
       sondern in Afrika. Ihre Mode kommt aus China, Indonesien oder sonst woher.
       Trotzdem denken viele Deutsche, sie haben ein nettes Leben, weil sie so
       clever sind. Auf der anderen Seite sind dann die Politiker, denen diese
       Menschen in Wahlen ihre Macht geben. Die Politiker machen, was sie wollen,
       weil es niemanden interessiert. Pegida ist ja schon seit 20 Jahren im
       Parlament! Jetzt reden plötzlich alle von Pegida, weil sie auf die Straße
       gehen – aber wer hat denn die Abschiebe-Gesetze gemacht, wer hat das Gesetz
       mit der Residenzpflicht gemacht? Pegida auf der Straße ist nicht das
       Problem, das Problem ist Pegida im Parlament.
       
       Sie glauben also, die Deutschen würden anders denken oder sich mehr für das
       interessieren, was die Politiker machen, wenn sie besser informiert wären? 
       
       Ja, das ist genau das, was wir machen müssen und warum wir den Oranienplatz
       besetzt hatten.
       
       Das ist alles nur eine Frage fehlender Informationen? 
       
       Großenteils. Ich nenne mal ein Beispiel: Als die Flüchtlinge abgeschieden
       in Lagern lebten, hat das niemanden interessiert. Seit wir rausgehen auf
       die Straße und auf öffentlichen Plätzen wohnen, findest du jeden Tag etwas
       über Flüchtlingsfragen in den Zeitungen. Parteien beschäftigen sich damit,
       Parlamente. Vorher wussten viele Leute gar nichts von den Problemen der
       Flüchtlinge – und darum kümmerte es sie auch nicht.
       
       18 Apr 2015
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) SUSANNE MEMARNIA
       
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