# taz.de -- Der kleine Zampano
> Eine Ära geht zu Ende: Mit Bernd Neumann wird heute in Bremen der
> dienstälteste CDU-Landeschef verabschiedet, den es je gab. Fast 30 Jahre
> amtierte er, und wäre da nicht rot-grün an der Macht – er würde
> sicherlich weitermachen
VON JAN ZIER
Herr Neumann heißt mit Vornamen Bernd Otto, doch Freunde dürfen ihn
„Bernie“ nennen. Etwa jene, denen er auch ein Akkordeonspieler ist, nicht
nur der westpreußische Technokrat von der CDU mit dem stets korrekten
Seitenscheitel. Helmut Kohl ist einer dieser Freunde des
Kulturstaatsministers, seit langem schon, und vor allem: immer noch. Auch
im Machtuniversum von Angela Merkel gilt er als einer der wichtigsten
Wasserträger. Er hat es geschafft. Er ist in Berlin angekommen. Also kann
er in Bremen gehen. Nach knapp 30 Jahren als CDU-Landeschef.
Ein Rekord, der Bestand haben dürfte. „Eine solch lange Ära wird es in
keinem Landesverband je wieder geben“, sagt selbst ein innerparteilicher
Dissident wie der Ex-Senator Jens Eckhoff, der einst Neumanns Kronprinz
war. Und ihn lieber Bernd nennt.
So ganz geht einer wie Neumann natürlich nicht, ein Büro im Bremer CDU-Haus
behält er sich weiterhin vor. An der Türe wird „Ehrenvorsitzender“ stehen.
Als solcher wird er auch künftig eine Rolle spielen, die „nicht zu
unterschätzen“ ist – sagt Eckhoff. Der muss es wissen, war er doch selbst
Fraktionschef unter Neumann. Fast 30 Jahre lang gab es hier keine Sitzung
des CDU-Landesvorstandes, an der Neumann nicht teilgenommen hätte, fast 30
Jahre lang ist hier praktisch überhaupt nichts passiert, ohne dass er es
wusste, fast 30 Jahre lang hat er hier versucht, aus seiner CDU eine
Regierungspartei zu machen. In der Großen Koalition.
Schon das direkte Duell gegen Hans Koschnik hat er einst verloren,
„leider“, wie er noch heute betont, später, mit anderen Spitzenkandidaten
dann gegen Henning Scherf. Und 2007, mit dem jetzigen Fraktionschef Thomas
Röwekamp. Der wird ihn heute beerben: Er ist der einzige Kandidat. „Man
kann immer nur mit denen arbeiten, die zur Verfügung stehen“, sagt Neumann.
Was er noch habe tun sollen, um einen Nachfolger zu generieren?
Wer eine Chance hatte in all den Jahren, der wurde auch etwas in Bremen,
bekam Staatsämter übertragen, blieb dabei aber stets „sein Kandidat“. Auch
in der SPD sprachen sie so. Innerparteiliche Opposition kennt Neumann
praktisch nicht, stets haben sie ihn mit realsozialistischen Ergebnissen
wiedergewählt. Hätten Sie auch heute: Er sei „aufgefordert“ worden,
weiterzumachen. „Das tat gut.“ Doch das Amt in Berlin, sagt er, lasse sich
auf Dauer nicht mit dem Landesvorsitz vereinbaren.
Das des Bundestagsabgeordneten offenbar schon. Er will 2009 wieder
kandidieren, ließ er verlauten. Und überhaupt – seine Prioritätensetzung
war bis vor kurzem noch eine andere. Bestünde die Große Koalition in Bremen
noch – Neumann bliebe CDU-Chef. „Das ist definitiv“, sagt Eckhoff. Es ist
noch nicht lange her, da erklärte Neumann, drei Jobs zu haben:
CDU-Landeschef, Abgeordneter, Staatsminister. In dieser Reihenfolge.
Noch Jahre, nachdem der gelernte Lehrer 1987 in den Bundestag einzog, kam
er fast jeden Freitag nach Bremen zurück, um von dort aus bissig die
hiesige Politik zu kommentieren – und gegen Henning Scherf zu polemisieren.
Jener Scherf, mit dem er bereitwillig 12 Jahre lang koalierte, jener
Scherf, für den er heute immer noch ein Kompliment übrig hat, weil er
verlässlich war, weil er „stets auch die Interessen des Koalitionspartners
im Blick hatte“.
Seit der letzten Bürgerschaftswahl hat diese Verbindung nun ein Ende,
Bremen wird rot-grün regiert, und Neumann – der Wahlverlierer – hat das
zunächst gewohnt scharfzüngig kommentiert, das Feld dann aber mehr und mehr
Röwekamp überlassen. Der irrt darauf noch herum. Die CDU habe sich in der
Opposition noch lange nicht gefunden, sagt Eckhoff. Röwekamp werde schon
noch in das Amt „hineinwachsen“, sagt Neumann. Und dass man seinen
Nachfolger nicht gleich an ihm messen dürfe.
Neumann, unter Kohl einmal stolzer Forschungs-Staatssekretär, kennt alle
politischen Winkelzüge, weiß, wie man sich Mehrheiten organisiert. Er ist
ein patriarchaler Machtpolitiker. Operiert aber vorzugsweise mit
Finanzbudgets, Stellenplänen und Rahmenrichtlinien, wie die Frankfurter
Allgemeine es formulierte.
Das prädestinierte ihn nicht eben für das Amt als Kulturstaatsministers, es
sei denn, man hält jenes für eher überflüssig. Böse Gerüchte behaupteten,
ihn qualifiziere vor allem sein Akkordeonspiel. Sonst wenig, außer
vielleicht eine Funktion als Obmann im Kultur- und Medienausschuss des
Bundestages. Doch allen Unkenrufen zum Trotz: Er hat finanziell einiges
bewegt, etwa 180 Millionen Euro zugunsten der Filmförderung.
Und auch an Bremen hat er gedacht: Den Anbau der Kunsthalle finanziert der
Bund zu einem Drittel mit, das gerade statt findende Literaturfestival
„Poetry on the Road“ hat er finanziell unterstützt, das Tanzfilminstitut
gerettet. Und die Hoffnung lebt: „Ich will der am längsten amtierende
Kulturstaatsminister in Deutschland werden“, kündigt Neumann forsch an. Wer
ihn als Parteichef kennt, der mag das als Drohung verstehen. Er stehe
jedenfalls noch „voll im Saft“, verkündete er der 66-Jährige jüngst.
17 May 2008
## AUTOREN
(DIR) JAN ZIER
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