# taz.de -- „Ich liebe ihn mehr“
> LYRIK Die Dichterin und Malerin Aldona Gustas schrieb ihrem Mann eine
> Totenklage, als er noch lebte
VON WALTRAUD SCHWAB
Wenn Aldona Gustas Worte sagt, die berühren – „Küsse“ etwa oder „Tränen“ –,
hebt sie die Hände und Arme in die Luft, als wären Arme und Hände schon
Flügel. Was sie sagt, soll im Fliegen gesprochen sein. Im Wegfliegen – halb
da unten am Tisch in ihrem winzigen Wohnzimmer, wo sie schreibt und malt,
oder geschrieben und gemalt hat, halb dort oben unter der Decke, von wo
alles schon weggerückt ist, aber noch nah. Sie will die Schwere überwinden,
weil sie über den Tod spricht. Nicht ihren eigenen. Noch nicht.
An dem kleinen Tisch in ihrem Wohnzimmer in Berlin sitzt Gustas. Rechts und
links Regale mit Büchern. An den Wänden ihre Bilder. Mit Frauengestalten,
Vogelmenschen, Fischwesen. Dazwischen Engel. Mit Engelshaar wie ihrem, das
ihr grau und lang ins Gesicht hängt. Weil Grauhaarige meist kurze Haare
tragen, lasse sie sie lang. „Immer muss ich dagegen sein“, sagt sie. Um
sich vom endlos langen Sterben zu erholen, erfindet sich Gustas, bald
achtzigjährig, jetzt neu.
Das Sterben begann, als ein anderer, Georg Holmsten hieß er, 86 Jahre alt
war. An einem warmen Tag passierte es. Auf einer Bank im Berliner
Kleistpark ergriff den alten Mann das Unaussprechliche: die Angst zu
fallen. Nicht auf den Boden, der war grün und sommerhaft weich, mit weißen
Gänseblümchen und gelben Butterblumen. Seine Angst zu fallen war größer. Es
war die Panik, er könne in die Unendlichkeit fallen, das schwarze Loch,
eine Leere, die ihm die Luft nahm, ein Nichts, das ihn umschlingen wollte
und ihn mehr gelähmt als lebendig zurückließ.
Wie Holmsten an jenem Tag nach Hause kam, habe er nicht mehr gewusst,
erzählt Aldona Gustas, deren eigene Lebenshöhepunkte bis zu diesem Moment
in ein einstrophiges Gedicht gepasst hatten: „ich war lange 1932 / ich war
lange 1945 / ich war lange 1952 / ich war lange 1962 / ich war lange 1972 /
in den Jahren dazwischen / lebte ich kurz“ – Nach Holmstens Angstfall aber
kommt ihre längste Zeit. Elf Jahre und eine Ewigkeit dauert sie. Gustas ist
Holmstens Frau.
Seit jenem Sommertag im Jahr 1999 war Holmsten krank. Angstkrank. Schon der
Blick aus dem Fenster war ein Wagnis, das er nicht eingehen konnte, „die
Schwelle ein Berg, der Balkon Afrika“, sagt Aldona Gustas. Sie hat ihn
gehalten. All die Jahre seiner Krankheit. Immer. Auch, als er anfing zu
vergessen. Fremde, die in die kleine Wohnung kamen, um Gustas zu besuchen,
mied er und blieb in seinem Zimmer. Freunde konnten ihn nicht retten. Sein
Einssein mit der Angst vor dem Fallen teilte er nur mit ihr. Das war die
Liebe. 2010 stirbt er, mit 97. „Ich habe so viel geweint“, erzählt sie.
„Ich liebe ihn auch heute. Ich liebe ihn mehr.“ Kurz bevor er starb,
schrieb sie: „aus den Händen der Kirschen / gab ich dir das Versprechen /
dich auch als Toten zu lieben“.
Gustas ist eine große Liebende. Ob im Leben oder in Worten. Mit neun Jahren
habe sie das körperliche Aussichsein kennengelernt, sagt Gustas. Zbigniew,
ein polnischer Junge, etwas älter als sie, habe sie dahin geführt, als ihre
Eltern abends einmal aus waren. Er habe es auf eine Weise getan, die sie
nicht verletzte.
Noch in Litauen war es, wo Polen, Deutsche, Litauer, Juden, Russen
miteinander lebten wie später nicht mehr. „Ich war ein Lolita-Typ“, sagt
sie. „Erotomanin“, sagt sie auch. „Ich habe alle Arten der Liebe
kennengelernt.“ Die Macht des Körpers und zuletzt, als Holmsten alt und
dann krank war, vor allem die Macht der Seele, der Psyche. „Diese Umarmung,
die ohne Sex passiert, ist stark. Man fällt nicht in die Leere“, sagt sie.
„vor Jahren liebten wir uns hier / mit Biß und Kuß näher als nah / warst du
mir vorhin / auf Zungenserpentinen denke ich / was nicht vergessen wird“,
schreibt sie.
Wenn Gustas über Sex spricht, wirkt sie spröde. Das Erotische – nur eine
Drehung des Körpers. Eine Wendung der Augen. Ein nicht ausgesprochenes
Wort. Auch die Poesie gehorcht ihr: „mit Wortflora hast du mich geweckt /
eine MundzuMundBeatmung / wäre mir lieber“ – Punkte setzt sie nie.
Jahreszahlen aber sind ihre Markierungen. 1945 erwähnte sie in ihrem
biografischen Gedicht. Damals erreichte sie dreizehnjährig auf ihrem
Fluchtweg Berlin. Sofort fühlte sie sich von den zerbombten Mauern
empfangen. Sie sieht in Berlin mehr als das Zerstörte. Nie mehr will sie an
einem anderen Ort leben.
Dann, 1952, lernte sie Holmsten kennen. Fast zwanzig Jahre älter ist er.
Aus dem Baltikum wie sie. Und Berlin nicht weniger verfallen. „Ich war auf
der Suche und wusste nicht, wonach.“ Holmsten habe ihr gezeigt, was sie
hinterherjagte: der Poesie. Zur Wortsammlerin von Bildern wird sie, in
denen „Wolkenfischer“ und „Schneeflockenjongleure“ den „Mundhimmel“ putzen.
Bombastisch? Nein. Trotz solcher Worte, die sie erfindet, sind die Sätze,
in die sie sie einfügt, alltäglich wie das Glas Wasser, das auf der blauen
Wachstuchdecke mit den roten Äpfeln vor ihr auf dem Tisch steht. 1962 kommt
ihr erster Gedichtband heraus.
Sie ist Lyrikerin und Malerin. Holmsten Chronist und Journalist.
Schriftsteller auch. Er hat historische Romane und Monografien verfasst,
über Friedrich den Großen, Voltaire, Rousseau, Elisabeth von Österreich. Er
war am Attentat auf Hitler am 20. Juli 1944 beteiligt. Hätte es geklappt,
hätte er über den Rundfunk Verstärkung organisiert. „Er wartete auf den
Befehl. Der ist nicht gekommen“, erzählt Gustas. Holmsten ist nach dem
missglückten Attentat als Sanitäter untergetaucht. Traumatisches hat er
erlebt. Es gibt Bücher von ihm darüber. Die Toten. Die Verstümmelten. Das
Blut. „Im Rucksack schleppte er einen Soldaten, blind, ohne Beine, ohne
Arme, um ihn seiner Mutter in Herford zu übergeben“, erzählt Gustas.
Wenn sie später – selten zwar – an Herford vorbeifuhren, seien diese Bilder
wieder da gewesen. Als die Angst kam, am Ende seines Lebens, da hätte sich
das alte Entsetzen vor alles geschoben.
Gustas’ Poesie, die in ihrer erotischen Beiläufigkeit etwas Fliehendes hat,
verändert sich unter der Härte, die sie trifft, als Holmsten krank wird. Je
weiter sein Todesversinken geht, desto radikaler werden ihre Worte. Mit
ihnen seziert sie die winzigen Spuren des Lebens, die noch in ihm stecken.
„du als Wolkenfischer als Schneeflockenjongleur / wie willst du das leisten
/ ohne mein Herzklopfen als Ansporn“.
In diesen letzten Jahren entsteht ihre Totenklage an einen Untoten. Strophe
an Strophe reiht sie. Jede Strophe eine Hymne. Siebenhundert ungefähr. Da
Gustas keine Seitenzahlen, keine Punkte, keine Kommas benutzt – „das wäre
für mich wie ein Stottern“ –, ist die genaue Zahl unwichtig. Keine Strophe
muss als Fortsetzung der vorherigen gelesen werden. Zuerst gelingt es ihr,
selbst im Abwesenden noch der Extase nachzuspüren. Nach und nach werden die
Gedichte jedoch drängender, klarer. „zu früh zu zeitig dir zu sagen / dass
dein Tod ein Lebewesen ist“.
„Rede- und Suchgedichte“ nennt sie ihre Totenklage – ein radikales Buch, in
dem Sprachvirtuosität und Verzweiflung verschmelzen. Weil Holmsten sein
ganzes Leben lang zeichnen wollte, es aber nie tat, gibt sie ihm nun einen
Stift in die Hand. Mit zittrigem Strich bildet er das Unsagbare ab, das ihn
bedroht. Oft wird seine krakelige Unterschrift zum Grundstrich seiner
Zeichnungen. Solange er „Georg Holmsten“ schreiben kann, existiert er.
Aldona Gustas hat ihm versprochen, dass sie das Buch mit ihren Gedichten
und seinen Zeichnungen nach seinem Tod herausgeben würde. Es ist ihr
Vermächtnis an den Toten. Ihn wiederum hat sie vor seinem Tod gebeten, ihr
aus dem Jenseits Zeichen zu geben. Und sie findet sie. In dem Falter etwa,
der in der Nacht vom 20. auf den 21. Juli 2010, als Holmsten starb, ins
Zimmer hinein- und mit seiner Seele im Schlepptau wieder hinausflog. So hat
sie es erlebt.
Eineinhalb Jahre nach dem Tod ihres Mannes, mit dem sie 58 Jahre
verheiratet war, wirkt sie größer als früher. Härter und weicher zugleich.
Ihr ledriger Körper hat jene Dehnung, jene Hinwendung zur Maskulinität, als
wäre sie nun Frau und Mann. Aldona und Georg. Eine größere Verschmelzung
ist unmöglich. „Ich bin jetzt frei“, sagt sie. Das heißt auch, dass es
jetzt nichts mehr gibt, was sie hält. Sie wollte nie Kinder. Verwandte hat
sie keine. Wenn sie nicht mehr könne, ginge sie. „Ins Wasser.“ Wie man das
macht, sich zum Ertrinken zu bringen? „Indem man loslässt“, antwortet sie.
Es sei ganz leicht. Schon einmal hätte sie es getan. 1949. Ein Junge hätte
sie damals aus dem Grunewaldsee gezogen.
Die letzte Strophe ihrer Totenklage: „Nicht sein / zu Wasser / zu Lande“.
4 Feb 2012
## AUTOREN
(DIR) WALTRAUD SCHWAB
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