# taz.de -- Unbequeme Meinung
       
       > SCHLAGLOCH VON ILIJA TROJANOW Fatwas dort, die Jagd auf Whistleblower
       > hier – die Eliten schlagen zurück
       
       Voltaire wird folgender Satz zugeschrieben: „Obwohl ich völlig anderer
       Meinung bin als Sie, würde ich mein Leben dafür geben, dass Sie Ihre
       Meinung frei aussprechen dürfen.“ Wie viele grandiose Zitate ist auch
       dieses erfunden, wohl von Evelyn Beatrice Hall in ihrem Buch „The Friends
       of Voltaire“ (1906). 
       
       Zwar hat sich Voltaire durchaus in prägnanter Weise zur Meinungsfreiheit
       geäußert – „Das Recht zu sagen und zu drucken, was wir denken, ist eines
       jeden freien Menschen Recht, welches man ihm nicht nehmen könnte, ohne die
       widerwärtigste Tyrannei auszuüben“ –, doch bringt dies die Crux der
       Meinungsäußerung nicht so deutlich auf den Punkt wie der berühmtere erste
       Ausspruch.
       
       ## Gegen den braven Geschmack
       
       Denn das Recht, seine Meinung ohne Einschränkung kundzutun, wird nur dann
       relevant, wenn es sich um eine unangenehme Meinung handelt, eine, die
       herrschendes Denken auf den Kopf stellt. Nur wer eine Meinung zulässt, die
       er am liebsten unterdrücken würde, verschafft diesem Recht tatsächlich
       Geltung. Das wird oft übersehen, etwa wenn man demjenigen, der sich
       vermeintlich ungebührlich zu Wort meldet, vorwirft, gewalttätige oder
       restriktive Reaktionen selbst provoziert zu haben. Halte dich innerhalb der
       Grenzen des braven Geschmacks auf, gilt dem Biedermann seit jeher als
       Losung, dann hast du auch nichts zu befürchten. Weswegen nicht wenige
       unserer Zeitgenossen die Bedrohung der totalen Überwachung mit dem Einwand
       wegwischen, sie hätten eh nichts zu befürchten. Wer nichts zu befürchten
       hat, der hat auch nichts zu sagen.
       
       Hamed Abdel Samad, ein angesehener ägyptisch-deutscher
       Politikwissenschaftler, hat viel zu sagen. Er traut den religiösen Kräften
       alles Übel und dem säkularen Staat alles Gute zu, weswegen er immer wieder
       für lebhafte Diskussionen sorgt. So weit, so gut, so notwendig. Doch am 7.
       Juni dieses Jahres veröffentlicht Assem Abdel-Maged, einer der Anführer der
       Dschamaa al-Islamiyya („die islamische Gruppe“, die für eine Theokratie
       kämpft) einen Mordaufruf gegen Hamed Abdel Samad. Gegen solch perverse
       Intoleranz eines Fanatikers, könnte man vermuten, ist kein Kraut gewachsen.
       Allerdings genießt der Fanatiker hochrangige Unterstützung, und das macht
       den Fall zu einem Politikum.
       
       Am 13. Juni verurteilt Außenminister Guido Westerwelle den Mordaufruf und
       verlangt von der ägyptischen Regierung, sich von diesem zu distanzieren und
       die Urheber juristisch zu verfolgen. Doch schon zwei Tage später lädt der
       ägyptische Präsident Mursi besagten Abdel-Maged zu einer öffentlichen
       Veranstaltung ein und umarmt ihn vor laufender Kamera. Obwohl Westerwelle
       Kenntnis von diesem Video hat, äußert er sich nicht mehr zu diesem Fall.
       Inzwischen haben sich die Ereignisse überschlagen: Hamed Abdel Samad steht
       unter Polizeischutz, und Mursi ist von der Armee abgesetzt worden, weswegen
       der deutsche Außenminister nun darüber sinniert, ob diese Entmachtung einen
       Rückschlag für die Demokratie bedeutet.
       
       ## Freie Meinung oder Stabilität
       
       Es scheint den Regierungen der Nato-Länder leichter zu fallen, irgendwo in
       der arabischen Welt einzumarschieren beziehungsweise Nichtflugzonen
       durchzusetzen, als das Recht auf freie Meinungsäußerung zu verteidigen. Das
       hat seine guten Gründe.
       
       Die freie Meinungsäußerung beabsichtigt oft, die Verhältnisse zu ändern,
       unsere Außenpolitik hingegen optiert meist für eine stabilisierende
       Wirkung, weswegen es unsere Regierung für angemessen hält, einem der
       widerwärtigsten Unrechtsstaaten, Saudi-Arabien, der aggressiv seine
       frauenfeindliche und sinnentleerte Version des Islams exportiert, mit
       Panzern und Patrouillenbooten zu beliefern.
       
       Parallel hierzu werden US-amerikanische Journalisten, die mit
       Whistleblowern zusammenarbeiten, zunehmend von den Behörden beobachtet und
       bedroht. Etwa der erstaunlich wenig bekannte Fall des Barrett Brown, der
       seit mehr als 300 Tagen einsitzt, weil er bei seinen Recherchen über die
       geheime Zusammenarbeit zwischen Überwachungsstaat und privaten
       Sicherheitsfirmen auch Informationen der Hackergruppe Anonymous auswertet.
       
       ## Und die Schriftsteller?
       
       Freie Meinungsäußerung ist Voraussetzung für Transparenz, und Transparenz
       ist das Fundament einer halbwegs freien Gesellschaft, doch Transparenz
       genießt gegenwärtig, das haben die Entlarvungen der letzten Wochen
       bewiesen, keinen hohen Stellenwert. Morddrohungen sind brutale Angriffe
       gegen freidenkende Individuen; die Kriminalisierung der freien
       Meinungsäußerung, die sich in den westlichen Staaten anbahnt, ist zwar
       weniger gewalttätig, aber langfristig ein ebenso effektiver Angriff auf
       entscheidende gesellschaftliche Freiräume. Insofern ist es unverständlich,
       wenn Publizisten für Sanktionierung oder Einschüchterung der freien Rede
       Verständnis zeigen.
       
       Allerdings greift der Vorwurf, die Schriftsteller würden nicht Position
       ergreifen (wie zuletzt von Georg Diez auf Spiegel Online), in die Leere,
       weil er derart häufig auf dem Jahrmarkt der feuilletonistischen Eitelkeiten
       instrumentalisiert wird. Wenn ein Manifest publiziert wird, das dem
       Zeitgeist nicht in den Kram passt (wie etwa der nachdenkliche Aufruf von
       europäischen und afrikanischen Autoren und Autorinnen für strukturelle
       Veränderungen, um das Massensterben in der Sahelzone zu beenden;
       nachzulesen auf der Website von medico international), wird es medial
       ignoriert.
       
       Im nächsten Atemzug wird beklagt, die heutigen Schriftsteller seien
       weltabgewandt. Romane, die politisch engagiert sind, werden meist
       verteufelt, weil der feine Geist in diesen Land weiterhin säuberlich
       zwischen Poetik und Politik trennt. Doch zu bestimmten Themen sollen sich
       die Schriftsteller äußern. Sie haben allerdings auf die Einladung ihres
       feuilletonistischen Dirigenten zu warten.
       
       Wir sollten uns alle mit Hamel Abdel Samad solidarisch zeigen, etwa indem
       wir seinem mutigen Beispiel folgen und offen das aussprechen, was den
       Mächtigen und den Zeitgeisthütern die Zornesröte ins Gesicht treibt.
       
       17 Jul 2013
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) ILIJA TROJANOW
       
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