# taz.de -- Eine New Yorker Tragödie
       
       > KLEINKRIEG Die Proteste gegen die angeblich antisemitische Oper „Death of
       > Klinghoffer“ sind nicht neu. In anderen Städten wurde sie deshalb schon
       > abgesetzt
       
       AUS NEW YORK DOROTHEA HAHN
       
       „Schande. Schande. Schande“, rufen die DemonstrantInnen den elegant
       gekleideten OpernbesucherInnen zu, die durch ihr Spalier gehen.
       Zwischendurch ertönen die Rufe: „Nazischweine!“. Ein paar Meter weiter,
       hinter Absperrgittern, halten RollstuhlfahrerInnen, von denen einige gelbe
       Sterne tragen, vorgedruckte Schilder hoch, auf denen zu lesen ist: „Ich bin
       Klinghoffer“. Und: „Die Metropolitan Opera rechtfertigt Angriffe gegen
       Juden“.
       
       Die Aufregung – organisiert von konservativen jüdischen Gruppen – begleitet
       die Premiere von „Death of Klinghoffer“ am Montagabend in New York. Und sie
       geht im Inneren des Opernhauses weiter. Dort unterbrechen Buhrufe schon die
       ersten Arien, und ein Mann ruft von einem der besonders teuren roten
       Plüschsitze am Ende der ersten Szene rund ein Dutzend Mal: „Der Mord an
       Klinghoffer wird nie vergeben!“
       
       Der Stein des Anstoßes ist eine Oper in zwei Akten von dem
       US-amerikanischen Komponisten John Adams und der Libretto-Autorin Alice
       Goodman. Ihr Thema ist ein Terrorereignis aus dem Oktober 1985: die
       Entführung des Kreuzfahrtschiffs „Achille Lauro“ und der Mord an dem
       jüdischen New Yorker Rollstuhlfahrer, Leon Klinghoffer, durch ein Kommando
       der „Volksfront für die Befreiung Palästinas“ (PFLP). Adams, Postminimalist
       und einer der bekanntesten lebenden US-amerikanischen KomponistInnen, hat
       mehrere Opern zu aktuellen politischen Ereignissen geschrieben – darunter
       „Doctor Atomic“ und „Nixon in China“. Er hat dabei jeweils versucht, Dinge
       in einen historischen Kontext zu stellen. Bei „Death of Klinghoffer“
       beginnt seine Handlung mit zwei parallelen Chören, darin singen Israelis
       und PalästinenserInnen im Exil. Für die mehreren hundert DemonstrantInnen
       vor der Metropolitan Opera – von denen die meisten das Werk nie gesehen
       haben – ist das unerträglich. Und gehört verboten. Einer der Prominenten in
       ihren Reihen ist der frühere New Yorker Bürgermeister und Opernliebhaber
       Rudy Giuliani. Allerdings verlangt er kein Verbot: wegen der in der
       Verfassung garantierten Meinungsfreiheit. Giuliani erklärt in einer
       Pressekonferenz, dass er gegen die Oper protestiert, weil sie „faktisch
       nicht akkurat“ sei.
       
       Seit ihrer Uraufführung 1991 in Brüssel war jede neue Inszenierung der Oper
       – darunter in London, Lyon und Wuppertal – von Protesten begleitet. In Los
       Angeles und in Glyndebourne (Großbritannien) setzten Opernhäuser wegen der
       Proteste ihre Inszenierungen ab. In Boston strich das Opernhaus das Stück
       nach den Attentaten vom 11. September 2001 aus dem Programm. Doch die
       Metropolitan Opera ist die größte Musikinstitution, mit der es die
       OpernstürmerInnen aufgenommen haben.
       
       In einem monatelangen Kleinkrieg haben Gruppen wie die Anti Defamation
       League, die sonst unter anderem illegale Siedlungen im Westjordanland
       verteidigen, bereits mindestens einen großen Erfolg davon getragen: Im Juni
       hat die Metropolitan Opera ihre für November geplante Übertragung von
       „Death of Klinghoffer“ in mehrere tausend Kinos weltweit abgesetzt. „Ich
       bin überzeugt, dass diese Oper nicht antisemitisch ist“, erklärte Opernchef
       Peter Gelb im Juni. Dennoch habe ihn der steigende Antisemitismus –
       „insbesondere in Europa“ – dazu gebracht, die Liveübertragung abzusetzen.
       Aber an den acht Aufführungen der Oper bis Mitte November hält er fest. Im
       Programm dazu druckt er unter anderem die bittere Kritik der beiden
       Klinghoffer-Töchter ab. „Die künstlerische Erforschung von politisch
       geladenen Themen muss dem Publikum ohne Zensur vorgestellt werden“,
       begründet das Opernhaus. Und verfasst einen Werbeslogan: „Erst anschauen.
       Dann eine Meinung bilden.“
       
       23 Oct 2014
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) DOROTHEA HAHN
       
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