# taz.de -- 650 Jahre Neukölln: Musike und Blutwurst
       
       > Geflohene Böhmen, saufende Arbeiter und eine berühmte Blutwurst gehören
       > zur Geschichte Neuköllns. Die begann vor 650 Jahren in Rixdorf, wo sich
       > ein Schwabe bestens auskennt.
       
 (IMG) Bild: Mit roten Gerbera macht Reinhold Steinle auf die Schönheiten Neuköllns aufmerksam
       
       Der Mann mit der roten Gerbera fällt auf. Die Blume ist zu groß, um echt zu
       sein, sein hellbrauner Anzug ist viel zu warm für den schwülen Nachmittag
       auf dem Richardplatz. Den Mann mit der Blume sieht man in letzter Zeit
       öfter im Nord-Neuköllner Richardkiez, heute fehlt allerdings die Traube
       Menschen hinter ihm. Gewöhnlich macht er sein Gefolge auf die hübschen
       alten Laternen aufmerksam, die noch mit Gas betrieben werden. Er führt es
       über das historische Kopfsteinpflaster zu den eingeschossigen Gehöften mit
       Giebeldächern in der Nähe des Platzes und zur ehemaligen Dorfschmiede, wo
       er in breitem Schwäbisch erklärt, dass das Handwerk hier auch heute noch
       lebe. Hier am Richardplatz, wo die Geschichte Neuköllns vor 650 Jahren
       ihren Anfang nahm.
       
       Reinhold Steinle kämpft für Neukölln. Aufpolieren will er dessen Image als
       Problembezirk. Dafür führt der Beamte aus Charlottenburg seit zwei Jahren
       in seiner Freizeit unermüdlich Touristen und Berliner durch Neukölln.
       "Einer muss es ja tun", erklärt der 51-Jährige und nestelt an seinem
       orangefarbenen Schlips. Bewaffnet mit einer Aktentasche voller
       Informationen und der roten Gerbera, damit die Unkundigen ihren Stadtführer
       nicht verlieren, zeigt er die aufstrebenden Kieze des Bezirks. Eines seiner
       Reviere ist die Gegend rund um den Richardplatz, das alte Rixdorf, dessen
       dörfliche Idylle kaum jemand vermutet zwischen der wuseligen
       Karl-Marx-Straße und der stark befahrenen Sonnenallee.
       
       In Wirklichkeit ist der Schwabe weder Beamter noch heißt er Reinhold
       Steinle. Steinle ist eine Kunstfigur, die mit dem Klischee vom spießigen
       Schwaben spielt und den Touristen mit gespielter Betulichkeit unterhaltsam
       Stadtgeschichte erzählen will. Über den Mann hinter Steinle, der mit den
       Führungen sein Geld verdient, wird nichts verraten. Nur der Dialekt sei
       echt, gibt das Alter Ego preis.
       
       Umso mehr weiß er vom bäuerlichen Urspung seines Rettungsobjekts zu
       berichten. Am 26. Juni 1360 wurde Richardsdorp, ein 100-Seelen-Dorf vor den
       Toren der beiden Städte Berlin und Cölln, erstmals urkundlich erwähnt. Im
       30-jährigen Krieg fast vernichtet, gewann der inzwischen Rixdorf genannte
       Ort im 18. Jahrhundert ökonomische Bedeutung, als Friedrich Wilhelm I.
       Häuser bauen ließ, einigen hundert böhmischen Glaubensflüchtlingen
       Unterschlupf gewährte und Land zur Bewirtschaftung schenkte. Aus einem Dorf
       wurden zwei: Deutsch-Rixdorf und nördlich davon Böhmisch-Rixdorf mit je
       etwa 300 Einwohnern.
       
       Steinle schließt ein schwarzes, zwischen zwei Wohnhäusern verstecktes Tor
       auf. "Böhmischer Gottesacker" steht in goldenen Lettern über dem Torborgen.
       Es ist der zweitälteste Berliner Friedhof, der noch genutzt wird. 1751
       bekamen die eingewanderten Böhmen, die sich wegen Glaubensfragen in drei
       Gemeinden aufgespalten hatten, ihren eigenen Friedhof.
       
       Steinle erklärt die strenge Liegeordnung der Herrnhuter Brüdergemeine,
       einer der drei böhmischen Gemeinden, auf deren Gräberfeld Frauen und Männer
       getrennt ihre letzte Ruhe finden. Bis heute gibt es für die Mitglieder der
       Freikirche weder gemeinsame Ruhestätten für Familien oder Paare noch
       Grabschmuck oder Kreuze. An der Friedhofsmauer lehnen die alten Grabsteine
       mit tschechischen Inschriften. "1940 ist die letzte Frau gestorben, die
       noch Tschechisch sprach", erzählt der Stadtführer.
       
       "Hallo, Gönül", grüßt er später über die Straße. Die Künstlerin und
       Schriftstellerin Gönül Hürriyet Aydin hat vor drei Jahren in der Nähe des
       Friedhofs ihre kleine Galerie für Ausstellungen, Lesungen und Konzerte
       erröffnet. Die Böhmen sind nicht die einzigen Einwanderer geblieben,
       Menschen aus mehr als hundert Nationen und deren Nachkommen leben im Kiez.
       Und wie derzeit typisch für Nordneukölln ziehen verstärkt junge Leute und
       Künstler in die Gegend.
       
       "Auch hier hat man Angst vor Gentrifizierung, ich bin nicht von allen gern
       gesehen", sagt Steinle. Anzeichen wie neu eröffnete Cafés und Galerien
       zeigt er bei seinen Führungen ebenso wie die versprengten historischen
       Hinterlassenschaften der Gegend. Dazu gehört das Denkmalensemble der
       kleinen bäuerlichen Häuser mit den großen Toreinfahren und Höfen ebenso wie
       das alte Handwerk und Gewerbe - etwa die alteingesessenen Fleischerei. Der
       von Neonlicht durchflutete Laden lässt nicht vermuten, dass von hier
       wöchentlich eine Tonne Blutwurst in die ganze Republik verschickt wird. Von
       einem französischen Blutwurstorden, den Gourmets gegründet haben, wurde der
       Chef gar zum Ritter geschlagen. Die Wurst werde nach einem hundert Jahre
       alten Familienrezept hergestellt, erzählt der Metzgermeister und verschenkt
       einen Topf des hauseigenen Senfs.
       
       Alte, majestätisch anmutende Kutschen können Filmemacher und Hochzeitspaare
       ein Stück weiter am Richardplatz leihen. Der Familienbetrieb war 1894
       gegründet worden, vor allem um Rixdorfer Ärzte zu ihren Kunden zu fahren.
       Die fünfte Generation der Kutschunternehmer verdient ihr Geld inzwischen
       mit einem Bestattungsservice.
       
       Zu Steinles Stationen gehören auch Berlins einziger Grammofonladen oder die
       Galerie Posin, in der drei russische Maler legale Auftragsfälschungen
       durchführen. "Sie alle haben lange durchgehalten, als viel Leerstand war
       und keiner in die Ecke wollte", sagt der Stadtführer. Ein bis zwei Touren
       macht Steinle pro Woche. "Die Tourismusbranche hat immer noch wenig
       Interesse an Neukölln, das schlechte Image ist einbetoniert, es braucht
       ewig, das loszuwerden."
       
       Diese Ewigkeit währt schon länger als hundert Jahre. 1894 haben sich das
       böhmische und deutsche Dorf vereint, die industrielle Revolution ließ die
       Bevölkerungszahlen explodieren, und Rixdorf wurde Anfang des letzten
       Jahrhunderts zu einer großen südlichen Vorstadt Berlins mit knapp 100.000
       Einwohnern. Die Arbeiterhochburg war berühmt für ihre Varietés,
       Spielkasinos und Tanzlokale zwischen Hasenheide und Richardplatz. Die
       Saufgelage der Proletarier endeten nicht selten in Schlägereien. Der
       Gassenhauer "In Rixdorf is Musike" machte die Amüsiermeile bis ins Ausland
       bekannt. Um den Ruf zu verbessern, beschlossen die Stadtoberen 1912 die
       Umbenennung in Neukölln. Acht Jahre später wurde es von Berlin
       eingemeindet.
       
       Mohn im Comenius-Garten 
       
       Wo früher die Richardsburg, die berüchtigste Mietskaserne, stand, leuchtet
       heute dunkelrot der Mohn zwischen hüfthohen Gräsern und Kornblumen. 1995
       wurde hier der öffentlich zugängliche Comeniusgarten angelegt - zu Ehren
       des wohl bedeutendsten Bruders der Herrnhuter, des Universalgelehrten
       Johann Amos Comenius.
       
       Wer mehr über die Geschichte der Gemeinde erfahren will, geht zum alten
       Schulhaus. Und wenn man Glück hat, ist das kleine Böhmische Museum geöffnet
       und Beate Motel führt durch die Räume. Die Rentnerin gehört zur zehnten
       Generation der eingewanderten Böhmen und lebt in einem der alten
       Giebeldachhäuser ihrer Vorfahren. Sie zeigt die Trachten aus schwarzen
       Samtkleidern mit weißer Schulterstola, die die Frauen der Herrnhuter
       Gemeinde bis in die 50er Jahre getragen haben. Die Rentnerin ist Steinles
       verlässlichste Quelle. "Dann fragen wir mal Frau Motel", lautet seine
       Standardantwort bei Detailfragen. In seinem Dialekt wird die
       Rixdorf-Kennerin weich zu "Frau Model". Schwäbisch eben.
       
       23 Jun 2010
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Kathleen Fietz
       
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