# taz.de -- 60. Geburtstag der DDR: Happy Endzeitstimmung
> Im Palast der Republik spielten am 7. Oktober 1989 Tanzkapellen zum
> letzten DDR-Festakt. Der Autor war mit Band dabei: Warum ich das Bild vom
> einsamen Honecker nie vergessen werde.
(IMG) Bild: Volles Haus: Palast der Republik in Berlin 1986.
Viele Menschen verbinden mit dem Ende der DDR ein bestimmtes Bild, oft das
von der Maueröffnung. Bei mir war es der Anblick von Erich Honecker am
Abend des 7. Oktober 1989 im Palast der Republik. An jenem Tag ging dort
der feierliche Festakt zum 40. Jahrestag der DDR über die Bühne.
Ich war mit meiner Swingband Monate zuvor für die Feier engagiert worden.
Nicht für die Gala mit dem Politbüro und den Staatsgästen aus aller Welt im
Großen Saal, sondern für einen Auftritt im "Linden-Restaurant" des
Palastes.
Im Vorfeld wurde ich von vielen Freunden, die genauso kritisch über die DDR
dachten wie ich, bedrängt, das Ganze sausen zu lassen. Auf meiner
Geburtstagsfeier waren sie regelrecht über mich hergefallen: Wie kannst du
unter diesen Bedingungen nur da spielen?! Ich redete mich auf meinen
Vertrag heraus, insgeheim hatte ich jedoch beschlossen, dort eine Rede zu
halten, wollte das aber natürlich nicht verkünden.
Am frühen Nachmittag des 7. Oktober bauten wir also im Palast unsere
Technik auf. Da noch Zeit war bis zum Auftritt, ging ich mit meiner
damaligen Sängerin zum Alexanderplatz, weil wir von Freunden aus der
"Kirche von unten" gehört hatten, das dort etwas passieren solle. Zunächst
passierte gar nichts, außer dass ein Sänger auf einer Lastwagenbühne die
Volksfestbesucher mit Liedern wie "Berliner Luft" zu unterhalten versuchte.
Plötzlich tauchten zwei Männer auf, die lautstark zu diskutieren begannen
und sofort bildete sich ein kleiner Pulk. Aus dem entwickelte sich in
wenigen Minuten ein Auflauf von gut 100 Leuten. Erste Rufe "Gorbi, Gorbi"
erschallten, woraufhin die Stasi einzelne Leute herausholte, was wiederum
mit "Stasi raus!"-Rufen quittiert wurde. Der Sänger auf der Bühne sang
derweil fröhlich weiter. Bizarr! Der Pulk wurde immer größer, und auf
einmal rief jemand "zum Palast!", woraufhin etwa hundert Demonstranten
losmarschierten. So ähnlich muss es 1953 gewesen sein, jedenfalls dachte
ich spontan: "Der 17. Juni ist da."
Weil die Polizei die Brücke abgesperrt hatte, die zum Republikpalast
führte, schlich ich mich mit unserer Sängerin quasi von hinten an das
Gebäude. Wir gingen durch die Reihen der Stasileute und Polizisten, die mit
Militärlastwagen die Brücke abgeriegelt hatten. Plötzlich sehe ich zwei
Herren, elegant im Smoking gekleidet, ankommen und drei Meter neben mir
stehen bleiben. Einer von beiden war der MfS-Chef Erich Mielke.
Er brüllt wie ein Wahnsinniger: "Was ist das hier für eine Schweinerei? Wer
ist hier der ranghöchste Offizier?" Daraufhin kommt so ein Typ in
Plastejacke angerannt, knallt die Hacken zusammen und salutiert "Hier,
Genosse Minister". Im gleichen Moment höre ich eine Stimme aus einem
Polizeifunkgerät quaken: "SPW (Panzerwagen/d.A.) auffahren an der Spandauer
Brücke." Da wurde mir mulmig.
Im Palast herrschte ebenfalls eine bizarre Atmosphäre. Die ganzen
Ehrengäste des Staatsempfangs schauten durch die Fenster im Foyer
fassungslos nach draußen, wo gegenüber am Spreeufer Demonstranten standen
und etwas riefen. Was genau, konnte man nicht hören, weil der Palast
schallisoliert war. Man sah aber, dass Polizisten einzelne Demonstranten
aus der Menge holten. Neben mir standen Luis Corvalan, der chilenische
KP-Chef, und der Sänger Wolfgang Lippert.
Fassungslos fragte er: "Was soll denn jetzt werden?" Es herrschte eine
angespannte Stimmung. Überall im Foyer standen Grüppchen und diskutierten.
Jeder spürte, dass etwas in der Luft lag. Die einen hatten Angst vor einer
chinesischen Lösung, die anderen vor der Konterrevolution.
Während für Honecker, Gorbatschow und die anderen Warschauer-Pakt-Führer
ein Unterhaltungsprogramm im Großen Saal ablief, spielten wir im
"Linden-Restaurant" vor verdienten Arbeitern und Funktionären. Bevor wir
anfingen, sagte ich zu den Anwesenden: "Meine Damen und Herren, Sie haben
alle aus den Fenstern gesehen, und ich denke, dem Allerletzten müsste jetzt
klar sein, dass dies heute keine Anlass zum Feiern ist, sondern zu tiefer
Nachdenklichkeit. Wenn wir nicht spätestens morgen früh mit radikalen
Reformen im Sinne von Gorbatschow beginnen, werden wir alle dieses Land
verlieren."
Daraufhin applaudierte die eine Hälfte des Publikums, während die andere
den Saal verließ. Wir spielten also vor halb leerem Saal unsere
amerikanischen Swingnummern wie "Night and Day", "Blue sky" und "Bei mir
biste scheen".
Wie ich hinterher erfuhr, klingelten am nächsten Tag die Telefone heiß: Wer
der antisozialistische Provokateur gewesen sei? Der Band müsse sofort die
Spielerlaubnis entzogen werden. Dazu kam es allerdings nicht mehr, da die
Funktionäre dann doch andere Probleme hatten. Vielleicht hat mich auch der
Name Hermlin etwas geschützt, da mein Vater ein bekannter Schriftsteller
war. Andererseits hatte ich viele Freunde ohne berühmten Namen, die
ebenfalls den Mund aufmachten und denen auch nichts passiert ist.
Zwei Stunden dauerte unser Auftritt. Danach, es war gegen 22 Uhr,
schlenderte ich durchs Foyer in Richtung Großer Saal, an dessen Tür zwei
Sicherheitsbeamte aufpassten. Ich wurde erstaunlicherweise nicht
aufgehalten, als ich den festlich geschmückten Saal betrat. Das Essen war
offenbar vorbei und auch das Unterhaltungsprogramm mit verschiedenen
Künstlern, darunter Startrompeter Ludwig Güttler. Gorbatschow soll zu dem
Zeitpunkt bereits das Gebäude über einen unterirdischen Gang verlassen
haben.
Im Saal tanzten viele Leute zur Musik von irgendeiner Schlagerkapelle. In
der Mitte des Saales stand ein großer runder Tisch für vielleicht zwanzig
Leute, darum etliche kleinere, an denen vereinzelt Ballgäste saßen. Am
großen Tisch saß nur ein einziger Mann: Erich Honecker. Er starrte in
Richtung Bühne, völlig abwesend, verlassen von allen. Es hatte etwas
geradezu Symbolisches.
Als ich ihn so sah, überkam mich ein gewisses Mitleid für den Menschen, der
zwölf Jahre unter den Nazis im Zuchthaus saß und dem nun sein gesamtes
Lebenswerk abhandengekommen ist. Anderseits war mir klar, dass sich mit ihm
an der Spitze niemals etwas in der DDR ändern würde, und er für viele
Menschenrechtsverletzungen verantwortlich war. Er musste einfach gehen.
Schon damals, aber noch öfter später dachte ich, dass sich all die Leute,
die lange an seinem Rockschoß hingen, nun einfach abwandten und ihren
Anteil an "seiner" Politik vergaßen. Einsam saß Honecker an seinem Platz.
Es wäre das Foto des Jahrzehnts gewesen, wenn ich eine Kamera dabeigehabt
hätte. Andererseits bleibt mir das Bild so viel stärker in Erinnerung, weil
es in meinem Gedächtnis fest gespeichert ist.
Danach bin ich mit dem Auto durch eine gespenstisch wirkende Stadt, in der
lauter Uniformierte durch die Straßen patrouillierten, nach Prenzlauer Berg
gefahren, wo sich Freunde von mir an einer Sitzblockade vor der
Gethsemanekirche beteiligt hatten. Als die Jagd der Polizei auf die
Demonstranten begann, bin ich losgerannt und habe nachts zu Hause mit
meinem Vater über die Erlebnisse des Tages und seine Folgen diskutiert.
Trotz der Geschehnisse mit den prügelnden Polizisten ist mir von diesem 7.
Oktober vor allem eins in Erinnerung geblieben: dieses Raumschiffgefühl im
Palast, der völlig abgenabelt war von der Realität in der DDR. Das werde
ich nie vergessen, weil es das Ende der DDR, das ja viel früher begonnen
hatte, symbolisierte. Am 9. November, dem Tag des Mauerfalls, gastierten
wir übrigens erneut im Palast der Republik. Ich bin dann nach dem Konzert
auch zum Ku'damm gefahren, es war die Nacht der Nächte.
Aufgezeichnet von Gunnar Leue.
7 Oct 2009
## AUTOREN
(DIR) Andrej Hermlin
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