# taz.de -- 20 Jahre Mauerfall: 4. November 1989: Am Alex war das Volk los
> 500.000 Menschen sammeln sich am 4. November 1989 auf dem Alexander-
> platz und fordern einen demokra- tischen Sozialismus. Neben Oppositio-
> nellen kommen auch Systemfreunde zu Wort - und werden ausgebuht
(IMG) Bild: 4. November 1989 Demonstranten auf dem Alexanderplatz
Von allen Seiten Ostberlins strömen die Menschen in Richtung Alex. Die
Stimmung ist fröhlich ausgelassen, das Wetter mies und grau. "Bleibt auf
der Straße! Beruhigt euch nicht!" - "Gibt es eine Mindestschamgrenze für
unsere Wendekünstler?" - "Neue Männer braucht das Land!" Diese und ähnliche
Parolen waren auf vielen Transparenten zu lesen. Es war die größte, nicht
staatlich gelenkte Demonstration in der Geschichte der DDR.
Am Morgen des 4. November zogen etwa 500.000 Menschen durch Ostberlin und
sammelten sich auf dem Alexanderplatz. 22 Rednerinnen und Redner sprachen
von einer Bühne. Die erste bei den staatlichen Behörden angemeldete
Demonstration markiert gleichzeitig das Ende des Systems. Nur vier Tage
später dankte die gesamte Besetzung des Politbüros ab.
"So viel wie in diesen Wochen ist in unserem Land noch nie geredet worden,
miteinander geredet worden, noch nie mit dieser Leidenschaft, mit so viel
Zorn und Trauer und mit so viel Hoffnung." Die Schriftstellerin Christa
Wolf gab die Stimmung wieder, bei Stephan Heyms Worten "Es ist, als habe
einer die Fenster aufgestoßen", bricht die Menge in Jubel aus. "Sprechen
ist nicht genug", sagt Heym - beim Sprechen ist es nicht geblieben.
Initiator der Kundgebung war das Neue Forum, das im September 1989
gegründete Oppositionsbündnis. Es meldete die Veranstaltung an und pochte
auf das in der DDR-Verfassung verankerte, aber nie gewährte Grundrecht auf
Versammlungs-, Meinungs- und Pressefreiheit.
Die Polizei trat kaum auf. Neben den oppositionellen Rednern wie Jens
Reich, Christa Wolf und Jan Joseph Liefers traten auch der Generaloberst a.
D. für Staatssicherheit, Markus Wolf, und der 1. Sekretär der
SED-Bezirksleitung Berlin, Günter Schabowski, auf die Bühne. Die Idee
dahinter war, Demokratie tatsächlich stattfinden zu lassen und also auch
Befürworter des Systems auf die Bühne zu holen.
Im Neuen Forum hatte es Diskussionen über die Rednerliste gegeben, man war
dann aber einig, dass die Systemfreunde sich selbst delegitimieren würden.
Das Publikum hat sie denn auch kaum zu Wort kommen lassen: "Die wurden
ausgebuht", sagt Jens Reich, Mitbegründer des Neuen Forums. Markus Wolf
etwa bemühte sich, die Demonstranten davon zu überzeugen, dass die SED
wandelbar sei: "Nur so, durch Überzeugung und harte, sehr harte Arbeit kann
diese Partei ihre Rolle in der neuen Etappe unserer gesellschaftlichen
Entwicklung spielen."
Eine neue Etappe sollte es geben - aber nicht so, wie Wolf es vermutlich
gemeint hat.
4 Nov 2009
## AUTOREN
(DIR) Frauke Böger
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