# taz.de -- 10. Todestag von Falco: Ehret sein Andenken!
       
       > Er war Superstar, er war populär, er war so exaltiert. Wie er einst
       > Wolfgang Amadeus Mozart besang, spricht man heute über Falco:
       > Erinnerungen.
       
 (IMG) Bild: Geliebt bis über den Tod hinaus: Falco
       
       JAN FEDDERSEN (50): Auf den ersten Blick: ein Kotzbrocken. Typisch
       austriakisch. Marke: Herrenmensch und Lautsprecher. Ein Mann, der winters
       gern Skirennübertragungen guckt und die Welt verschworen wähnt, sind am
       Ende von den besten zehn Plätzen neun durch Fahrer aus Tirol, der
       Steiermark, Kärnten oder dem Salzburger Land belegt. Falco war diese Typ.
       Ein hemmungsarmer Darsteller in eigener Sache. Wie alle seine Landsleute,
       ein später Habsburger, dessen Muskeln längst atrophiert sind. Das
       Kaiserreich, das in der Ära vor Sarajevo vom Schwarzen Meer bis zur Adria
       reichte, ist vorbei. Da ist nur noch ein Land voll Gebirgen und mit einer
       Stadt, deren Architektur imperial wirkt. Mit Menschen, die immer zwei
       Spuren zu laut sprechen und fies. Qualtinger wusste das, der Kreisler weiß
       das noch - und der André Heller wusste es immer zu verspotten.
       
       Falco aber war ein Gebrochener, ein Ironiker der politischen Sorte. Das
       Lied, auf das es ankommt, will man seinen Größenwahn, seinen Pomp und
       seinen unbedingten Willen zur Prominenz verstehen, ist "The Sound of
       Music", 1986, im Herbst seiner Superwichtigkeit, als Popmarke
       veröffentlicht. Diese Geigen, überhaupt dieses sinfonische Intro Das war
       besser als alles, was damals an leidenschaftlicher Tonentäußerung
       veröffentlicht wurde, ohne jede erkennbare Ironie, weit, sehr weit weg von
       dem, was später manche nicht so gemeint haben wollten.
       
       Nein, Falco meinte immer alles genau so, wie es klang. Überbordend,
       überheizt, übertrieben mag man das nennen, aber in Wahrheit war es sein
       Herz, das überfloss, und zugleich sein Verstand, der sich empörte, über die
       Schludrigkeit, mit der das spießige, giftelnde Österreich Kurt Waldheim als
       Präsidenten selbst dann noch feierte, als der längst als Mittäter des
       Naziwesens enttarnt war.
       
       Schon damals, lange vor seinem Unfalltod, war aber Falco es leid, mit den
       Mitteln der Unterhaltungsmusik Politik machen zu sollen. Musik ist Musik,
       hieß es seinerseits nur, und ihr Klang kann niemals einen gerechten Zorn
       ersetzen, mit dem die Nonchalance vor allem austriakischer Art aller
       braunen Vergangenheit zu bedenken zu sein hat. Dieser Johann Hölzel wollte
       die Republik der Heuchler und Beckmesser nicht. Nicht in der Popmusik, in
       der es zu viel schrammelte und schrummelte, sondern er wollte, wenn schon,
       denn schon, raumfüllenden, nicht sentimentalistischen Sound.
       
       Falco hat sein Land, seine Heimat geliebt. Sein Herz wollte die Welt
       erobern, nicht mit Truppen, aber mit Musik, und doch beschlich ihn banges
       Heimweh schon bei diesem Gedanken, denn in der Fremde, jenseits
       Österreichs, fühlte er sich nie ganz zu Hause. Insofern repräsentiert er
       den modernen Österreicher, der kein Spießer sein will. Ehret sein Andenken!
       
       NATALIE TENBERG (31): Uwe kam zum Kostümfest als Falco verkleidet. Zwar sah
       er eher wie ein kleiner Blues Brother aus, schwarzer Anzug, schwarze
       Krawatte, weißes Hemd, Sonnenbrille, aber wir Kinder wussten, Uwe war
       Falco. Es war auch einleuchtend, denn er liebte Falco. Uwe war Falcos
       Krefelder Vorfront der unter Zehnjährigen. Meine Schwester hörte Madonna,
       "Material Girl", ich aber kopierte mir dank Doppelkassettendeck "Rock Me
       Amadeus". Stundenlang imitierten wir vor den Ohren des
       Kinderzimmermeerschweinchens das coolste, wenn auch leicht unmelodische,
       "Oh, oh, oh", das wir bis dahin je gehört hatten. Wir stolperten nicht über
       das Wort "Punk", oder "plastic money". Punks gab es ja am Neumarkt, und
       eine Kreditkarte hatten wir 1985 auch schon gesehen, es war "exaltiert",
       das uns ratlos machte. Was sollte das bloß sein?
       
       Wir wussten es nicht, in unserer Umgebung fehlte ein Beispiel für diese
       Eigenschaft. Wir wohnten alle in den gleichen Reihenhäusern, trugen alle
       die gleiche Klamotten, unsere Eltern tranken Alt und gingen zu Gietz, um
       mit der SPD in den Mai zu tanzen. Nein, exaltiert kam in Krefeld-Fischeln
       nicht vor. Wer überdreht war, dem wurde attestiert, etwas mit den Nerven zu
       haben, wobei man das V wie ein W aussprach. Und nett gemeint war das nie.
       Das "exaltiert" aber hörte sich sehr erstrebenswert an. So anders, so
       elegant. Wer "exaltiert" sagte, gar Leute so beschrieb, der musste aus
       einer anderen Welt stammen, und das war Wien ganz sicher! Wir liebten,
       bewunderten und verehrten ihn dafür, noch ohne jeden Funken der Rebellion.
       
       Zwar gingen Uwe und ich auch im nächsten Jahr zusammen auf das Gymnasium,
       luden uns gegenseitig ein, doch die enge Bindung, diese beruhigende
       Gewissheit der besten Freundschaft, verlief sich mit der aufkeimenden
       Pubertät. Zuletzt fand ich Uwe eher peinlich, genau wie ich die Falco-Phase
       gerne aus dem Sammelsurium des Erlebten gestrichen hätte.
       
       Am letzten Schultag vor den Sommerferien hörte ich nahe meinem Elternhaus
       das Bimmeln der Straßenbahn, kurze Zeit später sah ich einen
       Rettungshubschrauber davonfliegen. Uwe starb auf dem Weg in die Klinik, und
       mir bleibt nur sein Eintrag in "Das ist meine Schulklasse". Liebster Song:
       alle von Falco.
       
       ARNO FRANK (37): Seinen Bus in die Unsterblichkeit konnte er gar nicht
       verpassen. Der Bus war schneeweiß und kam mit hundert Sachen über die
       kuppenreiche Landstraße vom Flughafen nach Puerto Plata gefegt. Gestrüpp
       verdeckte die Einfahrt zum Parkplatz der Bar Turist Disco, als Hans Hölzel,
       am Steuer seines Mitsubishi Pajero, mit Alkohol, Kokain und THC im Blut,
       vom Parkplatz rollte - und sofort erwischt wurde, von der linken Seite.
       Erst nach neunzig Minuten gelang es der Feuerwehr, Falco aus dem völlig
       zerstörten Wrack zu schneiden. Er soll sofort tot gewesen sein. Weniger
       tröstlich ist, was die Ärzte später zu berichten wussten: "Der Brustkorb
       stark zerquetscht und von Schnittwunden übersät, die linke Körperhälfte
       entstellt, der hintere Teil des Kopfes eingedrückt, die Zähne
       ausgeschlagen, Arme und Beine gebrochen. Aber am schlimmsten war sein
       Gesichtsausdruck."
       
       Schlimm war sein Gesichtsausdruck auch, als ich Falco knapp drei Jahre nach
       seinem Tod wiederbegegnete. Damals rief mich ein Bekannter an, der in
       Deutschland am Aufbau einer kommerziellen Website von Penthouse oder so
       arbeitete. Er habe da ein Angebot bekommen, aus dem Wiener Rotlichtmilieu.
       Es gebe da einen mit versteckter Kamera gedrehten Film, der angeblich Falco
       zeige. Beim Sex mit einer Prostituierten. Im Puff. Auf VHS. Für 4.000 DM,
       bar auf die Hand. Ob ich denn, so als potenzieller Kenner oder wenigstens
       Wiedererkenner von Falco, mir die Kassette mal anschauen wolle? Ich wollte,
       und so trafen wir uns kurz darauf in einem Filmstudio mit diesem
       schmierigen Zuhälter, der dafür extra mit dem Benz von Wien nach Berlin
       gereist war.
       
       Der Film hatte seine Längen. Keine Schnitte, unbewegliche Kamera,
       wahrscheinlich hinter einem falschen Spiegel. Erst sah man eine langhaarige
       Halbnackte, wie sie auf dem Rand des Waschbeckens sorgfältig eine Linie
       Kokain auslegte. Dann betrat Falco in Begleitung eines Zuhälters das
       Zimmer. Hände wurden geschüttelt und Schultern geklopft, und dann blieb
       Falco mit der Dame allein. Erst zog er sich das Koks rein, dann die Socken
       aus. Es waren weiße Tennissocken, und er legte sie ordentlich auf eine
       Stuhllehne. Beide hockten auf dem Bett und rauchten, es sah aus, als würden
       sie dabei plaudern. Und als die Nutte endlich auf ihm herumritt, da lag
       Falco seltsam passiv unter ihr und starrte vollkommen unbeteiligt an die
       Decke, die ganze Zeit. Vielleicht vermutete er dort die Kamera, wer weiß.
       Es war jedenfalls ein trauriger Anblick. Und als ich das sagte, lächelte
       der Zuhälter milde: "Scho, owa so woa er hoid, der Hölzel. Wengsten isser
       gestoam wie a James Dean."
       
       9 Feb 2008
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Jan Feddersen
 (DIR) Arno Frank
 (DIR) Natalie Tenberg
       
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