# taz.de -- Der Wanderzirkus
       
       > Der Hamburger Konzertveranstalter FKP Scorpio organisiert diesen Sommer
       > sieben große Festivals. Bei Ina Kahle laufen die Fäden zusammen
       
       VON KLAUS IRLER
       
       Würde man sich die Situation mit Hilfe einer Karte vorstellen, bräuchte man
       einen Ausschnitt mit Deutschland und der Schweiz und sieben Pinnwandnadeln.
       Gleich neben Hamburg würde eine dicke Nadeln stecken, im Örtchen Scheeßel,
       wo Ende Juni das Hurricane-Festival stattfindet. Die zweitgrößte Nadel wäre
       in Neuhausen ob Eck in der Nähe des Bodensees, wo das Southside-Festival
       über die Bühnen geht. Dann gäbe es noch Nadeln in Hildesheim (M’era Luna
       Festival), in der Nähe von Erfurt (Highfield-Festival), in der Nähe von
       Münster (Area Four), am Chiemsee (Chiemsee Reggae Summer) und in der Nähe
       von Bern (Greenfield-Festival).
       
       Von allen diesen Nadeln führt ein Faden nach Hamburg. Und alle Fäden laufen
       zusammen auf dem Schreibtisch von Ina Kahle, die in einem alten
       Hafengebäude an der Elbe sitzt und dort mehr mit sorgfältig gefüllten
       Leitz-Ordnern und E-Mails arbeitet, als mit Karten.
       
       Kahle ist 30 Jahre alt, trägt schwarzen Kapuzenpulli und Jeans und macht
       die Festival-Verwaltung beim Hamburger Konzertveranstalter FKP Scorpio.
       Alle Informationen, die für den Festival-Auftritt einer Band notwendig
       sind, landen bei Kahle, die die Informationen weiterleitet. Dabei geht es
       beispielsweise um die technischen Anforderungen, die vor Ort von den
       Bühnentechnikern umgesetzt werden müssen. Oder um die kulinarischen Wünsche
       der Musiker, die die Köche und Stage-Manager erfüllen. Oder es geht darum,
       dass die Bauzäune rechtzeitig geliefert werden, um das jeweilige
       Festival-Gelände abzusperren.
       
       Pro Festival kommen zwischen 25 und 60 Bands, ganz genau lässt sich das im
       Vorfeld nicht sagen, weil immer Bands absagen oder hinzukommen. Die Frage,
       wer wo für welches Geld spielt, klärt bei der Firma mit ihrem 50-köpfigen
       Team der Festival-Booker Andreas Sengebusch. Er ist der Leiter der
       Festival-Abteilung, der unmittelbar nur noch Kahle angehört. Zusammen
       verantworten sie das Programm für insgesamt voraussichtlich rund 210.000
       Besucher auf den sieben FKP-Scorpio-Festivals.
       
       Die Besucherzahlen wachsen seit Jahren, das Live-Geschäft boomt, während
       die Downloads im Internet den Plattenfirmen das Leben schwer machen. FKP
       Scorpio, gegründet 1990 von Folkert Koopmans, gehört mittlerweile zu den
       größten Festival-Veranstaltern im Land, neben dem Frankfurter Marek
       Lieberberg, der alljährlich Rock am Ring und Rock im Park veranstaltet.
       Wobei sowohl FKP Scorpio, als auch Lieberberg mit so genannten
       Schwester-Festivals operieren: Lieberbergs Rock am Ring und Rock im Park
       haben ein weitgehend identisches Programm, ebenso wie Scorpios Hurricane-
       und das Southside-Festival. Die Bands werden gleich doppelt gebucht und
       jedes Jahr stellt sich die Frage, welcher Veranstalter die attraktivsten
       Bands verpflichten kann. Der direkte Headliner-Vergleich 2008: Lieberbergs
       Headliner sind Rage Against The Machine, Metallica und Die Toten Hosen, FKP
       Scorpios Headliner sind Radiohead, die Foo Fighters und die Beatsteaks.
       
       Neben dem Hurricane-Festival, mit 60.000 Besucher das größte FKP
       Scorpio-Festival, organisieren die Hamburger mit dem M’era Luna-Festival in
       Hildesheim oder den Chiemsee-Reggae-Summer auch Großereignisse für eine
       bestimmte Szene – dementsprechend segmentiert ist das Line-up. Andererseits
       gibt es Bands wie Kettcar, Madsen oder Die Ärzte, die bei mehr als zwei
       Scorpio-Festivals auftreten. Und wenn die an einem Wochenende sonntags
       direkt per LKW von einen zum anderen Festival fahren, dann hatte bei der
       Organisation der Sondergenehmigung Ina Kahle ihre Finger im Spiel.
       
       Es ist ein Job, der viel mit Überblick zu tun hat. „Man leitet nur weiter,
       muss aber alles im Kopf haben“, sagt Kahle, die selbst mal im
       Festivalcatering gearbeitet hat, damals parallel zu ihrem
       Wirtschaftsstudium. Und es ist ein Job, bei dem es um Genauigkeit geht:
       Eine kleine E-Mail zu vergessen oder falsch weiter zu leiten, kann zu einem
       großen Problem werden. Zum Beispiel, wenn für einen Truck mit Instrumenten
       die Fahrgenehmigung fehlt. Oder wenn der Lieferant der Einlassbändchen
       nicht weiß, dass es auf dem Gelände in Scheeßel keinen Handy-Empfang gibt –
       und sich die Frage stellt, was er nun mit seinen 60.000 Bändern machen
       soll.
       
       Das sind dann so Fragen, auf die schnell jemand eine Antwort haben muss.
       Kahle erledigt das vor Ort: Es gibt den Zeitpunkt, an dem die Koordinatorin
       das Büro verlässt, um als Ansprechpartnerin auf dem Gelände verfügbar zu
       sein. Digitale Kommunikation reicht dann nicht mehr. Live ist ein Festival
       letzten Endes eben auch hinter den Kulissen.
       
       17 May 2008
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) KLAUS IRLER
       
       ## ARTIKEL ZUM THEMA