# taz.de -- Nachruf auf Wissenschaftssenator Turner: Der Aufreger
       
       > George Turner war Ende der 1980er Jahre Wissenschaftssenator in
       > Westberlin. Damals besetzten Studierende monatelang die Unis und
       > forderten seinen Rücktritt.
       
 (IMG) Bild: Protest gegen Turner 1989 vorm Rathaus Schöneberg
       
       Über die Toten nur Gutes. Diesem Motto folgend liest sich die Mitteilung
       von Berlins Wissenschaftssenatorin Ina Czyborra (CDU), in der sie am
       Mittwoch mitteilen ließ, dass ihr Vorvorvorgänger George Turner gestorben
       ist. Im seligen Alter von 91 Jahren. Mit Turner, [1][heißt es dort],
       verliere Berlin einen großen Wissenschaftspolitiker. „Sein Wirken steht für
       die Überzeugung, dass ein leistungsfähiges Wissenschaftssystem Menschen
       braucht, die Verantwortung übernehmen, Bestehendes hinterfragen und den Mut
       haben, neue Wege zu gehen“, schreibt Czyborra.
       
       Und das überrascht dann doch. Denn tatsächlich haben Tausende in Turners
       Amtszeit Bestehendes hinterfragt und den Mut gehabt, neue Wege zu gehen.
       Einer aber sicher nicht: der Wissenschaftssenator.
       
       Der parteilose Turner hatte die Westberliner Hochschulpolitik von 1986 bis
       1989 verantwortet, als Teil einer schwarz-gelben Koalition unter dem
       damaligen Regierenden Bürgermeister Eberhard Diepgen. Besonders gut stand
       es um die Unis in den Jahren vor dem Mauerfall nicht. Seminare waren teils
       so sehr überfüllt, dass Plätze verlost wurden, einige Einrichtungen wie zum
       Beispiel das renommierte interdisziplinäre Lateinamerika-Institut an der
       Freien Universität sollte auf Wunsch der Professoren zerstückelt werden.
       Hinzu kamen eine heftig kritisierte Reform des Berliner Hochschulgesetzes
       und auch damals schon Wohnungsnot sowie die Unzufriedenheit an der
       gesellschaftlichen Lage.
       
       Das Fass zum Überlaufen brachte Anfang Dezember 1988 [2][die Jubelfeier der
       Honoratioren der Wissenschaft zum 40-jährigen Jubiläum der Freien
       Universität], bei der die Studierenden draußen bleiben mussten. Die
       starteten vor der Tür mit einer wilden Schneeballschlacht. Und [3][binnen
       weniger Tage] erwuchs aus dem Protest an einzelnen Instituten [4][erst
       berlinweit] und dann auch [5][in anderen Städten] der Bundesrepublik
       [6][aus Uniwut Unimut].
       
       ## Wochenlang Demos und Besetzungen
       
       Nahezu alle Unigebäude in Berlin waren [7][wochenlang besetzt]. Aus der
       Freien wurde [8][die Befreite Uni]. Die Studierenden trafen sich zu
       stundenlangen Vollversammlungen in Dahlem und starteten Hunderte autonome
       Seminare, um sich selbst zu bilden. Täglich zogen bunte Demos durch Berlin,
       die [9][mit kreativen Aktionen] wissenschaftliche Erkenntnisse in die Stadt
       brachten.
       
       Zu den Forderungen der Bewegung zählten unter anderem die Rücktritte von
       FU-Präsident Dieter Heckelmann und eben auch von George Turner. „Turner,
       turn off“, stand auf Protesttransparenten.
       
       Der Wissenschaftssenator war für viele einfach nur ein „Abturner“ – weil er
       [10][die heftigen Polizeieinsätze] zur Räumung besetzter Institute
       unterstützte. Und weil er die Kernforderung der Studierenden nach mehr
       Mitbestimmung an ihren Hochschulen brüsk ablehnte. Er lehnte nicht nur die
       gewünschte Viertelparität in den Gremien ab, sondern wollte auch [11][die
       Reste noch existierender Mitbestimmung abschaffen]. Das erklärte Turner im
       Februar 1989 in einem FU-Info.
       
       Als das erschien, war aber schon klar, dass er nicht im Amt bleiben würde.
       Denn bei der Abgeordnetenhauswahl Ende Januar hatte es überraschenderweise
       erstmals eine Mehrheit für eine rot-grüne Koalition gegeben – durchaus auch
       eine Folge der Studierendenproteste.
       
       ## Ein Meister des Radfahrerprinzips
       
       Turner sei ein Mann ohne Ideen, hieß es [12][in einer taz-Bilanz zum Ende
       seiner Amtszeit]. Mitbestimmung sei für ihn ein Fremdwort. Wenn er etwas
       beherrsche, dann das Radfahrerprinzip „nach oben buckeln, nach unten
       treten“. Statt Missstände an den Unis zu beseitigen, gehe es ihm nur darum,
       wie die Strukturen noch besser gegen jedes Aufbegehren abgedichtet werden
       können.
       
       Aber über die Toten soll man nur Gutes schreiben? Nun denn: „Er verstand
       Hochschulen als Orte wissenschaftlicher Freiheit, exzellenter Forschung und
       gesellschaftlicher Verantwortung“, heißt es in der Mitteilung der heutigen
       Wissenschaftssenatorin. Dass er dabei den Nachwuchs vergessen hat, hat
       immerhin die Generation der damals Studierenden nachhaltig politisiert.
       
       Der Autor hat 1988/89 an der Hochschule der Künste (heute: UdK) gestreikt.
       
       5 Nov 2026
       
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