# taz.de -- Straßenproteste in Frankreich: Destruktiver Straßenkampf
       
       > Die Unruhen in Frankreich legen eine Vertrauenskrise der Jungen mit ihrer
       > Republik und ihrer Verfassung offen, meint taz FUTURZWEI-Kolumnist Udo
       > Knapp. Was folgt daraus?
       
 (IMG) Bild: Szenen von der Straße: Auf dem Place de la République brennt ein Auto
       
       [1][taz FUTURZWEI] | In [2][Frankreich] werden Barrikaden gebaut,
       [3][Rathäuser gestürmt], Läden geplündert.
       
       Die jungen Demonstranten aus den [4][Banlieues], den Vorstadt- und
       Hochhausghettos von [5][Paris] und vielen anderen französischen
       Großstädten, gehören zur dritten Generation der einst Zugewanderten aus
       [6][Nordafrika]. Sie pflegen mit ihrem machistischen Auftreten eine
       selbstbestimmte Ghettokultur, eine „nihilistische Gegenkultur der
       Gewaltverherrlichung“, wie Michaela Wiegel schreibt, die
       Frankreichkorrespondentin der FAZ.
       
       Die migrantische Herkunft ihrer Großväter dient ihnen als Orientierung,
       obwohl sie in ihrer großen Mehrheit in Frankreich geborene, französische
       Staatsbürger sind. Dem französischen Staat, dem Gemeinwesen, fühlen Sie
       sich nicht verpflichtet. Sie leben, auch wenn sie mehr oder weniger die
       Gesetze beachten, in Parallelgesellschaften.
       
       Auch wenn ihre realen Lebensverhältnisse prekär, ihre Zukunftsaussichten
       unsicher sind, sie sind doch Teil einer liberalen, demokratischen
       Gesellschaft, eingebettet in die großen europäischen Traditionen
       aufgeklärten Denkens. Bei einigen, eigenen Anstrengungen haben oder hätten
       sie ein Vielfaches an Entwicklungschancen eröffnet, als jedes der
       Heimatländer ihrer Großväter ihnen bieten könnte. Dieses Angebot beinhaltet
       auch die Schulen und [7][Universitäten] - trotz aller berechtigten Kritik.
       
       ## Wo liegt das Problem in Frankreich?
       
       Nach den Schülerprotesten 2005 und 2023 haben die jeweiligen Regierungen
       zwar ins Bildungssystem investiert; aber es ist trotz aller Proteste und
       aller Investitionen marode geblieben. Die schweren Missstände müssen
       behoben werden. Barrikaden und Straßenkampf helfen dabei eher weniger.
       
       Das Problem ist: Ein [8][Euro] kann nur einmal ausgegeben werden.
       Frankreichs Haushalt hat die von der EU vorgegebene Schuldenquote von drei
       Prozent bereits gerissen. Höhere Kreditaufnehmen erweitern kurzfristig den
       Handlungsrahmen, schränken ihn aber zugleich für die Zukunft der Jungen
       massiv ein. Für eine Erhöhung der Kreditaufnahme für Bildungsinvestitionen
       finden sich in französischen Nationalversammlung und im Senat keine
       Mehrheiten.
       
       Hier sind die Parteien der demokratischen Mitte, inklusive Grüne, zwischen
       dem rechtspopulistischen [9][Rassemblement National] [10][Marine Le Pens]
       und [11][Jean-Luc Melenchons] linkspopulistischem La France Insoumise (Das
       unbeugsame Frankreich) eingeklemmt. Sie agieren ohne einen Zukunftskompass,
       sie sind untereinander zerstritten.
       
       Die Demonstranten adressieren diese Unklarheit der politischen Mitte. Die
       [12][Gelbwesten] klatschen ihnen Beifall. Die Linkspopulisten haben sich
       mit den Demonstranten solidarisiert. Die Rechtspopulisten verlangen derweil
       ein schärferes Vorgehen der [13][Polizei] gegen die Demonstranten. Die
       Polizei geht indes ohnehin schon mit großer Härte vor. Seit Anfang Oktober
       wurden, verschiedenen Quellen zufolge, während der Demonstrationen
       insgesamt mehr als 8500 Personen festgenommen. Bis zum 22. Oktober wurden
       bereits 149 Personen rechtskräftig verurteilt. Die Zahl der Verurteilungen
       wird sich durch direkte Vorführung der Festgenommenen bei den
       Staatsanwälten schnell erhöhen
       
       Wie geht es weiter? Es ist davon auszugehen, dass die Unruhen weitergehen
       werden. Allein mit ein paar Milliarden Euro, ein paar tausend zusätzlichen
       Lehrerstellen, noch härteren Polizeieinsätzen und Ministerrücktritten wird
       die Ruhe wohl kaum wieder herzustellen sein. Hier wird mehr verlangt.
       
       In den deutschen Medien werden die Unruhen lustvoll, als Systemkrise der
       Republik skandalisiert. Einige Beispiele: “Gelbwesten und Jungwesten“,
       „Wenn die Zukunft trostlos erscheint“, „Gescheiterte Integration“, „Die
       lange Liste der Plünderer“ (alle aus der FAZ). Im Berliner Tagesspiegel
       heißt es: „Ein Gefühl bedrohlicher Armut und Ungerechtigkeit hat zu den
       Plünderungen geführt, einfach weil die Gelegenheit da war.“ Und: „Erleben
       wir den Beginn einer Revolution in Frankreich?“
       
       ## Zur Lage der Verhältnisse
       
       Jetzt mal langsam: Die Unruhen sind nicht der Beginn einer
       [14][Revolution]. Sie sind auch kein primär bildungspolitischer Aufstand.
       Sie sind auch nicht der Beginn einer Machtprobe der Eingewanderten aus den
       ehemaligen Kolonien und deren Enkelkindern mit der westlichen
       Gesellschaftsordnung. Sie sind auch keine Wiederholung der Studentenrevolte
       von [15][1968].
       
       Die Unruhen legen eine Vertrauenskrise der nachfolgenden Generationen in
       Frankreich mit ihrer Republik und ihrer Verfassung heute offen. Die Jungen
       sind mittlerweile aus allen Gesellschaftsschichten auf den Straßen.
       Relevant ist nicht die Minderheit der staatsfernen Randalierer und
       Gewaltinteressierten, sondern sind die, die ihren Unwillen darüber
       bekunden, dass diese Republik nichts von ihnen verlangt, keinen Respekt von
       ihnen vor den Institutionen abruft, kein konkretes Eintreten für von allen
       geteilte, gemeinsame Werte verlangt, die Zukunft versprechen. Jeder soll
       und muss selber sehen, wie er zurechtkommt; wenn er dabei Recht und Gesetz
       achtet, soll alles in Ordnung sein. Ist es aber nicht: Das reicht zum
       Herstellen von Gesellschaft als politischem Subjekt nicht aus.
       
       Im Oktober 1997 wurde unter Staatspräsident [16][Chirac] die Aufhebung der
       [17][Wehrpflicht] beschlossen. Seit dieser Zeit hat Frankreich keine
       Berufsarmee mehr. Das wichtigste Instrument zum sinnlichen Erleben und zum
       Erlernen staatsbürgerlicher Verantwortung wurde durch einen Informationstag
       zur Verteidigung ersetzt. Eine Wiedereinführung der Wehrpflicht als
       allgemeine Dienstpflicht für junge Männer und Frauen ab ihrem 18 Lebensjahr
       wäre die richtige Antwort an die Revoltierenden.
       
       Dass sich die Verhältnisse in den Schulen verbessern müssen, versteht sich.
       Dass die marodierenden Brandstifter hart bestraft werden müssen, versteht
       sich auch. Aber darüber hinaus braucht es den politischen Willen, die
       Jungen als europäische Staatsbürger von Morgen zu sehen und ernst zu
       nehmen.
       
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       27 Oct 2026
       
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       ## AUTOREN
       
 (DIR) Udo Knapp
       
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