# taz.de -- Melanie Berger-Volle verstorben: Sie blieb Rebellin bis zuletzt
> Die Wiener Trotzkistin und Jüdin Melanie Berger-Volle ist verstorben.
> Dank Harakiri-Aktionen überlebte sie die Schoah, engagierte sich und
> wurde 105 Jahre alt.
(IMG) Bild: Hat sich immer gewehrt: Melanie Berger-Volle im Jahr 2024 in Wien
Rebelliert hat sie auch noch im Krankenhaus: Als man dort für sie zeitweise
nur eine Trage statt eines Krankenbettes übrig hatte, setzte sie sich auf
einen Stuhl und streikte. Wenige Wochen ist das erst her. Melanie
Berger-Volle war schon recht klapprig, aber noch nicht so schwach, dass sie
es ihnen nicht nochmal zeigen konnte. Ein Bett für sie war dann schnell
organisiert.
Die aus Wien stammende Widerstandskämpferin war eine Meisterin der
Untertreibung. Wer sie fragte, was sie getan habe, dem sagte sie oft, „nur
eine kleine Sache“. Dabei klebte sie schon mit 14 Jahren Zettel gegen den
Fachismus [1][an Wiener Häuserwände]. Die Jugendliche sah die Armut um sich
herum und wollte die Welt verbessern. Sie schloss sich den Revolutionären
Kommunisten an, einer trotzkistischen Splittergruppe, die von der
Weltrevolution träumte und sich sowohl gegen die Nazis wie die Stalinisten
engagierte.
Nach [2][dem „Anschluss“ Österreichs im März 1938] war die 16-Jährige als
Linke und Jüdin doppelt gefährdet. Im Mai entschloss sie sich, ihr Land zu
verlassen. Es folgten Flucht und Verfolgung, die sie wundersamerweise fast
unbeschadet überstand. Im Mai 1938 floh sie über Belgien nach Frankreich.
Doch im Land ihrer Träume wurden nach Kriegsbeginn selbst NS-Gegner zu
unerwünschten Personen. Sie flüchtete weiter nach Südfrankreich und wurde
im Januar 1942 von der französischen Polizei verhaftet. Ein Spitzel hatte
ihre kleine Widerstandsgruppe verraten.
Im Gefängnis versuchte ein Spezialtrupp, die Namen ihrer Genossen aus ihr
herauszuprügeln, doch sie hielt dicht – nachzulesen in archivierten
Polizeiberichten in der Stadt Montauban. Berger wurde zu 15 Jahren Haft
verurteilt und in das Gefängnis von Marseille überstellt, wo es eng für sie
wurde: Die Deutschen hatten inzwischen auch den Süden Frankreichs besetzt.
Der Gestapo-Mann [3][Klaus Barbie], der wegen seiner Grausamkeit auch der
Schlächter von Lyon genannt wurde, durchkämmte mit seinen Schergen die
Gefängnisse nach politischen Häftlingen.
## Befehle auf Deutsch retteten sie
Über kurze Nachrichten, die sie aus dem Gefängnis schmuggeln konnte,
instruierte Berger ihre Gruppe, sie zu befreien. Und so marschierten am 15.
Oktober 1943 fünf Gestalten, mehr oder weniger gut als Gestapo-Beamte
verkleidet, in den Gefangenentrakt des Marseiller Krankenhauses ein, wo sie
mit einer akuten Gelbsucht lag. Mit zackigen deutschen Befehlen gelang es
ihnen, Melanie Berger zum vermeintlichen Verhör herauszuholen. Nach der
filmreifen Harakiri-Aktion tauchte Melanie Berger in Lyon unter, wo sie
wieder gesundete und Kurierdienste für die französische Résistance
übernahm.
Doch mit der Befreiung endete ihre Odyssee noch nicht: Mit den Franzosen
feiern konnte sie nicht – zu gefährlich wegen ihres deutschen Akzents. Und
die Fahrten nach Wien waren nach Kriegsende ein Wagnis: Die sowjetischen
Besatzer verschleppten Trotzkisten in sibirische Lager.
Mit ihrem Mann, dem Journalisten Lucien Volle, den sie in Wien
kennengelernt hatte, entschloss sie sich in den frühen 60er Jahren zur
Rückkehr nach Frankreich. Es war die Zeit, als ehemalige
[4][SS-Brigadeführer in Österreich mit der neu gegründeten FPÖ] erste
Erfolge feierten.
Nach dem Tod ihres Mannes begann Melanie Berger aus ihrem Leben zu
erzählen, und tat das dann unermüdlich – meist vor Schülerinnen und
Schülern in Saint-Étienne, einer Stadt südwestlich von Lyon, wo sie die
letzten Jahre lebte. Bis man in Österreich erkannte, wen man da hatte
ziehen lassen, dauerte es lange: Erst mit 93 Jahren erhielt sie das Goldene
Verdienstzeichen ihres Heimatlandes. Am 21. Oktober starb Melanie Bergner
in Saint-Étienne.
25 Oct 2026
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## AUTOREN
(DIR) Nils Klawitter
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