# taz.de -- Stadtgespräch Jürgen Gottschlich aus Istanbul: In Istanbul wurde die lange geschlossene kaiserliche Münzprägeanstalt als Museum neu eröffnet. Die Istanbulis sind begeistert
Wow, das sieht ja toll aus!“ Ayşe und ihre Familie sind an diesem sonnigen
Tag Anfang November extra von der asiatischen Seite Istanbuls mit der Fähre
auf die europäische Seite der Stadt gefahren, um sich die neueste
Attraktion der türkischen Millionenmetropole anzusehen. Auf der
historischen Halbinsel, direkt unterhalb von Topkapi, dem Sultanspalast des
Osmanischen Reiches, lag viele Jahrzehnte lang ein historisches Gelände
brach. Nun wurde es wieder aufgebaut und dieser Tage der Öffentlichkeit
zugänglich gemacht.
Neu eröffnet wurde die Kaiserliche Münze, der Ort, an dem die osmanischen
Sultane über Jahrhunderte ihre Silber-, Gold- und Kupfermünzen prägen
ließen. Also die Währung, deren Wert die osmanischen Herrscher
garantierten, und die den Handel von Bosnien im Nordwesten des großen
Osmanischen Reiches bis zur Mündung von Euphrat und Tigris im Südosten
florieren ließ.
Tagelang hatten türkische Medien über die insgesamt fünf neuen Museen
berichtet, die Präsident Recep Tayyip Erdoğan höchstpersönlich feierlich
eröffnet hatte. Und das war, trotz der damit verbundenen Propaganda,
vielleicht endlich mal ein Termin jenseits des täglichen wirtschaftlichen
und politischen Elends. So hofften die Istanbulis.
Und waren dann auch neugierig darauf, was ihnen da im üblichen
Propagandasprech angeboten wurde. Die Kaiserliche Münze wurde zum großen
Teehaus-Gesprächsthema und viele Menschen fuhren auch dorthin, um sie sich
selber anzusehen. Zum letzten Mal war das ganze Gelände vor rund 20 Jahren
zugänglich. Danach schlossen sich die Tore der Gebäude, und die Münze
verschwand aus der Erinnerung der meisten Istanbulis.
Doch nun kann man sie wieder betreten und das Ergebnis kann sich
tatsächlich sehen lassen. Die historischen Gebäude sind sorgfältig
restauriert worden, auf den Wegen in dem verwinkelten Areal sieht man noch
die Schienen, auf denen die Loren für die Metalltransporte früher zwischen
den Gebäuden hin- und hergeschoben wurden. Heute ist nur noch ein Teil der
Ausstellung direkt der ehemaligen Münzenproduktion gewidmet. In den anderen
Gebäuden gibt es Ausstellungen, für die im Topkapi-Palast jahrzehntelang
kein Platz war. Ayşe ist besonders von der Porzellansammlung des Palastes
begeistert. In einem Innenhof plätschern Springbrunnen, und exotische
Pflanzen halten den Traum vom Orient hoch. Auch ein schönes Café hat hier
seinen Platz gefunden.
Ihr Mann begeistert sich mehr für die Waffensammlung, wo vom Krummsäbel bis
zum ersten Nachlader alles zu bestaunen ist, was im Kampf Mann gegen Mann
zum Einsatz kam. Auch historische Landkarten sind zu sehen, unter anderen
eine der ältesten Karten der Straße von Hormus, die damals Sindbad der
Seefahrer auf dem Weg von Basra nach Indien passieren musste. Die
Kaiserliche Münze ist damit einer der wenigen neuen kulturellen Orte für
jedermann und -frau, jenseits des Kulturkampfes zwischen islamischer Moral
und säkularer Freiheit. In Zeiten, wo Künstler wegen angeblicher obszöner
Inhalte verfolgt werden und Religion wieder politisch instrumentalisiert
wird, wie bei der Umwandlung der Hagia Sophia vom Museum zur Moschee, ist
die Münze ein kultureller Rastplatz, wo nicht nur das Osmanische Reich
verherrlicht, sondern auch die vorindustrielle Manufakturarbeit erlebbar
wird. Und ganz nebenbei an die Vorzüge einer wertebasierten Hartwährung
gegenüber dem heutigen inflationären Papiergeld erinnert wird.
Außerdem ist die Münze auf der touristischen Karte der professionellen
Tourguides noch nicht angekommen. Während sich die Massen vor dem
Topkapi-Palast stauen, kann man die Münze ganz entspannt genießen. Die
Besucher sind jedenfalls überwiegend angetan. Sie habe einen „friedlichen
Nachmittag genossen“, sagte Ayşe auf dem Rückweg in den Trubel der Stadt.
7 Nov 2026
## AUTOREN
(DIR) Jürgen Gottschlich
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