# taz.de -- Naturschutzgebiet Oberes Rhinluch: Wo sind die Kraniche?
       
       > Im Rastgebiet nordwestlich von Berlin werden derzeit deutlich weniger
       > Kraniche gezählt als in den Vorjahren. Woran liegt das? Eine Spurensuche.
       
 (IMG) Bild: Der morgendliche Ausflug der Kraniche aus dem Teichgebiet
       
       In der morgendlichen Dämmerung liegt das Obere Rhinluch noch im Halbdunkel.
       Im Osten färbt sich der wolkenbedeckte Himmel langsam von einem kühlen
       Graublau ins Rosa. Außer den Motoren der immer wieder vorbeirauschenden
       Autos und Kleintransporter ist kaum etwas zu hören, der Himmel über der
       Zählstation Am Wäldchen noch leer.
       
       [1][Die Region Rhin-Havelluch] bei Kremmen nordwestlich von Berlin ist
       eines der größten Kranichrastgebiete Westeuropas. Alljährlich sammeln sich
       Mitte September bis Anfang November Tausende der großen Vögel, bevor sie
       ihre Reise in die südlichen Überwinterungsgebiete fortsetzen.
       
       Die Station an der Landstraße zwischen Linum und Hakenberg gehört zu einem
       der insgesamt dreizehn Zählsektoren im Schlafplatzgebiet der Kraniche.
       Jeden Dienstag beziehen freiwillige Helfer*innen des
       Landschaftsfördervereins (LSV) Oberes Rhinluch zum Sonnenaufgang ihre
       Position. Ausgerüstet mit Klemmbrett, Zählzettel, Stift und Fernglas warten
       sie auf den morgendlichen Abflug der Kraniche, die ihren Schlafplatz für
       die Nahrungssuche auf den umliegenden Feldern verlassen.
       
       In diesem Herbst wurden im Naturschutzgebiet Oberes Rhinluch allerdings
       deutlich weniger Kraniche gezählt als in den vergangenen Jahren. Am 13.
       Oktober lag die Zahl bei 13.630 Exemplaren – zum selben Zeitpunkt
       vergangenen Jahres bei 33.590 und im Jahr 2024 bei 72.400 Vögeln.
       
       ## Spekulationen über mögliche Ursachen
       
       Das vermeintliche Ausbleiben der Kraniche sorgt seit Wochen für
       Aufmerksamkeit und befeuert Spekulationen über die möglichen Ursachen.
       Liegt es an der Vogelgrippe, die im vergangenen Jahr grassierte? Fehlt es
       den Vögeln an Nahrung? Oder sind der heiße Spätsommer und die anhaltende
       Trockenheit für die niedrigen Zahlen verantwortlich?
       
       Die Verhaltensbiologin und Kranichexpertin Kristina Hühn warnt davor,
       voreilige Schlüsse zu ziehen. „Man kann das so oder so sehen“, sagt sie.
       „Im Vergleich zum letzten Jahr sind es jetzt deutlich weniger. Aber Natur
       ist Natur. Jedes Jahr ist das anders. Gezählt wird hier seit 1990. Dieses
       Jahr ist eine Ausnahme.“
       
       Auch andernorts seien die Zahlen derzeit niedriger, berichtet Hühn. Die
       tatsächlichen Gründe dafür ließen sich zum jetzigen Zeitpunkt allerdings
       noch nicht eindeutig benennen. „Was ich jetzt beobachte, kann am Ende ganz
       anders sein. Es ist immer eine Momentaufnahme.“ Wissenschaft sei ein
       Prozess, und Hypothesen müssten erst verifiziert werden.
       
       Nicht ausgeschlossen ist laut Hühn, dass viele Kraniche erst später
       eintreffen. Erschwerte Windbedingungen könnten ihre Reise verzögert haben.
       Die aktuellen Zahlen allein würden deshalb noch keine abschließende
       Einschätzung erlauben, wie sich der Herbstzug insgesamt entwickelt.
       
       Die [2][Vogelgrippe als Erklärung] für den derzeitig niedrigen Bestand im
       Rhinluch schließt Hühn aus. Der Ausbruch im vergangenen Jahr habe nur einen
       Bruchteil der Gesamtpopulation betroffen. Auch die Vermutung, dass auf den
       Feldern plötzlich weniger Nahrung zur Verfügung stehe, hält sie für wenig
       überzeugend. Dass moderne Erntemaschinen weniger Ernterückstände und damit
       weniger Nahrung für die Kraniche auf den Feldern zurücklassen, könne einen
       derart abrupten Rückgang von einem Jahr auf das nächste kaum erklären.
       
       ## Die Trockenheit ist ein Problem
       
       Einen entscheidenden Faktor sieht Hühn dagegen [3][in der Trockenheit]. Das
       Obere Rhinluch ist ein ehemaliges Moorgebiet, das zu DDR-Zeiten
       trockengelegt wurde. Seit 2001 werden deshalb Wiesenflächen rund um die
       Linumer Teiche gezielt bewässert, um geeignete Schlafplätze für die
       Kraniche zu schaffen. In diesem Jahr kam das benötigte Wasser aus der
       Müritzregion jedoch aufgrund der Trockenheit verspätet an. In der Folge
       konnte nur etwa ein Fünftel der sonst üblichen Fläche bewässert werden.
       
       „Es liegt an der Trockenheit – ganz klar“, sagt auch Helga Müller-Wensky
       vom Landschaftsförderverein Oberes Rhinluch. Durch die deutlich kleinere
       bewässerte Fläche fehle es den Kranichen schlichtweg an sicheren
       Schlafplätzen. Möglicherweise sind die Vögel deshalb auf andere Gewässer in
       der Umgebung ausgewichen. Deren Uferbereiche könnten aufgrund der
       Trockenheit und des daraus resultierenden niedrigen Wasserstands in diesem
       Jahr geeigneter für die Rast gewesen sein. Da anderenorts jedoch keine
       Zählungen stattfinden, bleibt diese Erklärung vorerst eine Vermutung.
       
       Während sich der Himmel über der Zählstation Am Wäldchen mit Regenwolken
       überzieht, wird es allmählich lauter. Zunächst sind vor allem die Rufe der
       Gänse zu hören, wenn sie in Scharen aus dem Schlafgebiet fliegen. Dann
       mischt sich vereinzelt das charakteristische, trompetenartige Schallen der
       Kraniche darunter.
       
       Erst zwei, dann acht, dann sechs Vögel. Dazwischen ziehen immer wieder
       größere Gruppen vorbei. Häufig sind die typischen familiären
       Dreierkonstellationen aus zwei Elterntiere mit einem Jungvogel zu erkennen.
       Am Ende des Morgens stehen 551 Kraniche auf dem Zählzettel der Station.
       
       ## Der Rückgang von Insekten
       
       Die meisten Kraniche werden an den Zählstellen Birkhühner Damm und Linum
       Kirche registriert. Viele von ihnen fliegen in Richtung Süden und
       Südwesten. Am Rhinbogen beobachten Helferinnen zahlreiche Kraniche, die
       nach Norden ziehen. Über alle 13 Zählsektoren hinweg kommen die Zählteams
       an diesem Tag auf insgesamt 15.226 Tiere.
       
       „Ich hatte mit mehr gerechnet“, sagt Müller-Wensky beim abschließenden
       Zusammenrechnen der Ergebnisse. Allerdings müsse der massive Abzug am
       Vortag berücksichtigt werden. Begünstigt durch die Wetterbedingungen seien
       an diesem Montag Tausende Kraniche aufgebrochen. Im Laufe des Tages seien
       die Vögel unter anderem über dem Taunus, bei Göttingen und entlang der Elbe
       in Richtung Magdeburg gesichtet worden. Müller-Wensky geht davon aus, dass
       sich am Sonntagabend noch mehr als 20.000 Kraniche im Gebiet aufgehalten
       haben.
       
       Wie sich die Situation in der Kranichregion Rhin-Havelluch langfristig
       entwickeln wird, sei schwer vorherzusagen, so Hühns Einschätzung.
       Klimawandel bedeute nicht nur Trockenheit, sondern auch Extremwetterlagen,
       die sich auf die Zugbedingungen der Vögel auswirken würden. Hinzu komme der
       Rückgang von Insekten. Vor allem junge Kraniche seien während ihres
       Wachstums auf die eiweißreiche Nahrung aus Insekten und Würmern angewiesen.
       Dass immer mehr Kraniche offenbar nur noch eins statt zwei Küken großziehen
       würden, sei eine der Folgen, die sich bereits beobachten ließe.
       
       Was diese Entwicklungen konkret für das Obere Rhinluch bedeuten, lässt sich
       bislang nicht sagen. Offen sei unter anderem, ob künftig insgesamt weniger
       Kraniche in der Region rasten oder ob sich ihre Verteilung verschiebt. Fest
       steht jedoch: Ausreichend Wasser und ungestörte Schlafplätze sind
       entscheidende Voraussetzungen dafür, dass das Rhinluch seine Bedeutung als
       Rastgebiet für die Kraniche bewahren kann. Wer das Naturschauspiel trotz
       der veränderten Bedingungen erleben möchte, sollte sich daher vorab über
       die Verhaltensregeln im Rastgebiet informieren und möglichst [4][an einer
       offiziell angebotenen] Führung teilnehmen.
       
       29 Oct 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] https://www.bfn.de/natura-2000-gebiet/rhin-havelluch
 (DIR) [2] /Die-Vogelgrippe-breitet-sich-weiter-aus/!6125543
 (DIR) [3] /Hitze-in-Europa/!6218452
 (DIR) [4] https://www.kraniche-linum.de/
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Annika Leyla Henheik
       
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