# taz.de -- Baseball-Fieber in Ohio: Endlich das Ding besiegen
       
       > Die Cleveland Guardians könnten seit 1948 wieder eine
       > Baseball-Meisterschaft gewinnen. Im gebeutelten Ohio bedeutet sportlicher
       > Erfolg besonders viel.
       
 (IMG) Bild: Imposanter Auftritt: Guardians-Pitcher Joey Cantillo bei der Arbeit gegen die Tampa Bay Rays
       
       Die Spieler der [1][Cleveland Guardians] hatten am Samstagabend viel zu
       feiern, nachdem ihnen ein unmöglich geglaubter Comeback-Sieg gegen die
       Chicago White Sox und somit der Einzug in das Meisterschaftsfinale der
       American League gelungen war. Und so war ihnen noch lange nicht nach
       Heimgehen zumute, als sie weit nach Mitternacht aus dem Stadion kamen.
       Stattdessen machten sich die Baseball-Millionäre zu Fuß in die Barszene von
       Downtown Cleveland auf und wurden kurz darauf in einer Karaokekneipe
       gesichtet. Geschadet haben ihnen die nächtlichen Ausschweifungen nicht. Am
       Montagabend (Ortszeit) waren sie bei der ersten Partie in der National
       League Championship Series bei den Tampa Bay Rays (7:3) natürlich wieder
       hoch konzentriert.
       
       Die Nähe des Teams zur Stadt und zu ihren Fans passt zu Cleveland. Kaum
       eine andere Stadt in den USA bezieht ihre Identität so stark durch ihre
       Sportmannschaften wie die alte Stahlstadt am Ohio. Über die vielen Jahre,
       in denen Cleveland ein [2][Symbol für den Niedergang des Rust Belt] war,
       waren die damaligen Indians, die Browns und die Cavaliers oft der einzige
       Quell von Freude und Stolz. Und das hat sich auch nach der zarten
       Wiedergeburt der Stadt nicht geändert. So nahmen es die Menschen genauso
       persönlich, als LeBron James sie verließ, wie sie ihn wieder ins Herz
       schlossen, als er zurückkam, um ihnen eine Meisterschaft zu schenken.
       
       Der neue Heilsbringer von Cleveland heißt nun Jose Ramirez. Er wuchs zwar
       in tiefer Armut in der Dominikanischen Republik auf, doch er ist Cleveland
       treu geblieben, seit man ihn 2009 in die Jugendmannschaft der damals noch
       genannten Indians holte. Immer wieder schlug er Angebote anderer Teams aus.
       Und so sagte Manager Stephen Vogt auch am Samstag „Jose ist Cleveland.“ Der
       Journalist Anthony Castrovince nannte Ramirez das, „was KI entwerfen würde,
       wenn man sie darum bittet, sich einen Underdog aus einer Rust-Belt Stadt“
       auszudenken.
       
       Die Liebeserklärungen kamen nach zwei phänomenalen Spielen durch Ramirez,
       die seiner Mannschaft den Einzug in das American-League-Finale und die
       Möglichkeit beschert haben, zum ersten Mal seit 1948 wieder eine
       Baseball-Meisterschaft nach Cleveland zu holen. Es ist die längste
       Durststrecke im Baseball, seit die Chicago Cubs 2016 nach 88 Jahren [3][den
       „Fluch von Billys Ziege“ abschüttelten,] um die Meisterschaft zu gewinnen.
       Die Mannschaft, so die Legende, war verteufelt, weil sie 1945 den beliebten
       Barbesitzer Billy Sianis mit seiner Ziege aus dem Stadion verwiesen hatte.
       
       ## Zwei knapp verpasste Titel
       
       Cleveland hat auch einen Namen für seinen Fluch, man nennt ihn am Ohio
       einfach nur „Das Ding“. Das Ding war in den 80er Jahren da, als Cleveland
       durchweg miserabel spielte. Aber es machte sich noch mehr bemerkbar, als
       sie in den 90er Jahren tatsächlich eine gute Mannschaft hatten. Zweimal
       verpasste sie damals den Titel, obwohl sie ihn im Endspiel praktisch schon
       im Sack hatten, 1995 gegen die Atlanta Braves und 1997 gegen die Baltimore
       Orioles. Das Pech hielt an: 2007 verloren sie den American-League-Titel
       trotz einer 3:1-Führung gegen Boston. 2016 verspielten sie die gleiche
       Führung gegen die New York Yankees in der World Series.
       
       Doch bislang scheint in diesem Jahr das Glück auf ihrer Seite zu stehen.
       Nachdem Ramirez wegen einer Verletzung eine ebenso durchwachsene Saison
       hatte wie seine Mannschaft, wachte er vergangene Woche im entscheidenden
       Moment auf. Cleveland lag gegen Chicago zwei Spiele zurück, als Ramirez
       seinen Lauf begann, den er mit einem unglaublichen Homerun am Samstag
       krönte. Ramirez schmetterte den Ball, der nur Zentimeter über dem Boden
       ankam, wie einen Golfball in die Ränge und trug den Guardians zwei Punkte
       ein.
       
       Nun hofft man in Cleveland, dass das „Ding“ endgültig besiegt ist, und der
       geprügelten Stadt das Glück hold bleibt. In der
       American-League-Meisterschaftsserie gegen Tampa Bay können sie es gut
       gebrauchen. Tampa hat in drei Spielen die New York Yankees weggefegt. Doch
       im Ramirez-Fieber ist der alten Arbeiterstadt alles zuzutrauen. Zumal sie
       das erste Spiel so erfolgreich bestritten haben.
       
       13 Oct 2026
       
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