# taz.de -- Clubkultur der Nachwendezeit: Als vieles neu und möglich war
> Die Clubkultur der Nachwendezeit war mehr als Techno und Exzess. Eine
> Ausstellung im Tresor erzählt von Aufbruch, Freiheit und politischen
> Kämpfen.
(IMG) Bild: Noch einmal spüren, wie es damals war: Ausstellung im Keller neben dem heutigen Tresor über Clubs der Nachwendezeit
Es dauert einen Moment, bis sich die Augen an das flackernde Licht der
Kellerleuchten gewöhnt haben, dann werden die drapierten Schutthaufen
erkennbar. Künstlicher Nebel durchzieht das Gewölbe, stroboskopartige
Lichter wecken Assoziationen zu Raves und Underground-Partys.
Tatsächlich sind die eindrücklichen Kellerräume, die direkt an den
Nachtclub Tresor in Mitte anschließen, nun erstmals für die Öffentlichkeit
zugänglich. Fünf Wochen lang beleuchtet die Ausstellung „Tanzflächen der
Wiedervereinigung“ der Berliner Clubcomission – ein Netzwerk der Berliner
Clubszene – in den Kellerräumen des alten Kraftwerks an der Köpenicker
Straße 70 die Clubkultur der Nachwendezeit. Die Ausstellung geht der Frage
nach, welche Rolle die Clubkultur im Transformationsprozess spielte.
Eröffnet wurde die Ausstellung am Samstag im Rahmen des Tags der
Clubkultur, den es seit 2020 in Berlin gibt. Zu sehen sind Werke von rund
30 verschiedenen Künstlern, darunter schwarze, queere und ostdeutsche
Perspektiven mit ihren Fotografien, Archivmaterialien sowie Sound- und
Lichtinstellationen. „Für uns ist es etwas ganz Besonderes, so einen
historischen Ort als Ausgangspunkt zu nehmen, um sich mit der Nachwendezeit
zu befassen“, erklären die Kuratorinnen Katharin Ahrend und Lisa Weinhold.
Historisch ist der Ort, weil das Kellergewölbe in einem 1997 teilweise
stillgelegten Heizkraftwerk gelegen ist, das im ehemaligen Ostteil der
Stadt unweit des früheren Grenzgebiets liegt. Wobei der berühmte Club
Tresor damals an anderer Stelle war: nämlich in der Leipziper Straße 126 im
alten Tresorraum des ehemaligen Wertheim-Kaufhauses. [1][Die Tresortür ist
heute Teil der Berlin-Ausstellung im Humboldt-Forum].
## Berliner Mythos erweitern
Dieser erste [2][Tresor] ist einer von zahlreichen Clubs, die in den Jahren
nach dem Mauerfall in den leer stehenden, teils besetzten Häusern in Berlin
eröffneten. Damals entstand der Mythos, den Berlin bis heute umgibt: die
Stadt der anarchischen, grenzenlosen Freiheit zu sein und das Epizentrum
der Technokultur. Dieser Atmosphäre kann man in der Ausstellung ein Stück
weit nachspüren. Es gehe ihnen darum, den „Berliner Mythos“ um
„unterschiedliche Realitäten“ zu erweitern und die „Gleichzeitigkeit von
Aufbruch und Gewalterfahrungen“ der Nachwendezeit darzustellen, erklären
die beiden Kuratorinnen.
Wie vielschichtig die Clubkultur dieser Zeit war, zeigen etwa die
Fotografien von Petra Gall. Ihre Aufnahmen von der „Nacht der bösen Mösen“,
einer queeren Party im Kreuzberger SO36 aus dem Jahr 1993, zeigen, wie eng
ausgelassene [3][Partys mit feministischen Kämpfen um Selbstbestimmung und
Gleichberechtigung verbunden] waren.
Aufbruch und Gewalterfahrungen gab es nicht nur in Berlin, wie die
Ausstellung zeigt. Die Arbeit von Christian Gesellmann befasst sich mit dem
Jugendzentrum Kassablanca im thüringischen Jena, mit dem er sich auch in
seinem Buch „…man war ja auch noch jung“ auseinandergesetzt hat. Das
„Kassa“, wie Gesellmann im Gespräch mit der taz erzählt, ist ein
soziokulturelles Jugendzentrum, in dem seit rund 30 Jahren neben
Jugendsozialarbeit auch Konzerte und Partys stattfinden.
In Thüringen gebe es „immer weniger Orte für Jugendliche und junge
Erwachsene“, sagt Gesellmann. Das sei mitunter auch ein Grund dafür, warum
es [4][um die Demokratie derzeit so schlecht bestellt] sei, mutmaßt er.
„Einen Club wie das Kassa gab’s in den 90ern in vielen Dörfern in
Thüringen“, sagt Gesellmann. Heute sei das nicht mehr so. Dabei sei
Clubkultur „vielmehr als nur Konsum und Partys“.
## Beate Zschäpes Jugendclub
Zusammen mit Till Morgenfrüh, der an der Filmuni Babelsberg studiert, hat
Gesellmann seine Recherchen zum „Kassa“ mit Archivmaterial in einer
Videoinstallation visualisiert. Zu sehen ist unter anderem die junge Beate
Zschäpe, die gerade von einem Sozialarbeiter des Jugendclubs befragt wird.
Zschäpe, die später zum Kerntrio des rechtsterroristischen NSU gehörte, kam
aus Jena und besuchte als Jugendliche auch das Kassablanca – zu einer Zeit,
als sie noch nicht in der Neonazi-Szene verankert war.
Wegen Zschäpe hat sich Gesellmann auch mit der Frage beschäftigt, was es
braucht, um Jugendliche „in die andere Richtung zu schubsen“. Seine
Schlussfolgerung: „Vor allem Vertrauen und Zeit“. Seine Recherche habe
gezeigt, dass ein Ort wie das „Kassa“ für viele Jugendliche „extrem
prägend“ gewesen sei. „Es gab einen Ort, an dem sie sein konnten und machen
konnten, was sie wollen.“ In dieser Zeit entstand auch das Konzept der
akzeptierenden Jugendarbeit, was nicht nur mit Blick auf rechtsextreme
Jugendkultur im Kontext der NSU-Aufarbeitung in der Kritik steht.
Auch taz-Kulturredakteur Ulrich Gutmair hat sich zusammen mit der Musikerin
Gabriele „Mo“ Loschelder mit einem Beitrag an der Ausstellung in den
Kellerräumen des Kraftwerks beteiligt. In dem „Audiopiece“, wie Gutmair es
nennt, liest er Auszüge aus seinem Buch „Die ersten Tage von Berlin“, das
2013 veröffentlicht wurde, begleitet von Sounds. Wenn er über das Jahr nach
dem Mauerfall spricht, schwingt noch immer Euphorie mit: „Es war verrückt,
was in dem Jahr zwischen Mauerfall und Wiedervereinigung alles passiert
ist“, ständig hätten neue Clubs aufgemacht.
Aber auch die Schattenseiten der Nachwendejahre hat Gutmair im Blick. „Für
die Bevölkerung im Ostteil ist das gesamte soziale System um sie herum
zusammengebrochen“, sagt Gutmair. „Sie fanden sich in einer Stadt wieder,
in der das Kapital sich sehr schnell die Häuser angeeignet hat.“ Spätestens
Mitte der 90er habe sich die Stadt durch die Gentrifizierung rasant
verändert, viele Clubs mussten wieder schließen. Nicht nur in dieser
Hinsicht ist die Ausstellung erschreckend aktuell.
4 Oct 2026
## LINKS
(DIR) [1] /1-Ausstellungsstueck-im-Humboldt-Forum/!5602095
(DIR) [2] /25-Jahre-Tresor-in-Berlin/!5282939
(DIR) [3] /Ausstellung-im-Schwulen-Museum-Berlin/!6110921
(DIR) [4] /Junge-Leute-in-Ostdeutschland/!6207646
## AUTOREN
(DIR) Nicolai Kary
## ARTIKEL ZUM THEMA