# taz.de -- taz-Berichte aus Israel: Die beschnittene Pressefreiheit
       
       > Unsere Korrespondentin Serena Bilanceri darf nicht mehr nach Israel
       > einreisen. Damit ist sie kein Einzelfall. Das Auswärtige Amt will sich
       > nun für Bilanceri einsetzen.
       
 (IMG) Bild: Allenby-Brücke: Israelischer Soldat bewacht die Grenze zwischen Israel und Jordanien
       
       [1][Aus der taz] | Betreff: „Mein Visum“. In den letzten Wochen gingen
       zahlreiche Nachrichten unter dieser Betreffzeile zwischen [2][Serena
       Bilanceri] und der taz-Redaktion hin und her. Zuerst ging es um das
       ungewisse Warten, ob unserer Korrespondentin für Israel und die
       palästinensischen Gebiete die Akkreditierung erteilt würde.
       
       Denn sie hatte schon zuvor Schwierigkeiten bei der Ein- und Ausreise
       bekommen: Ihr Laptop wurde 2025 am Flughafen Tel Aviv, angeblich zur
       Sprengstoff-Untersuchung, zurückgehalten. Sie erhielt ihn zerstört zurück.
       
       ## Kein Visum, kein Berichten
       
       Ende vergangener Woche eskalierte dann die Situation. „Sie haben mir das
       ETA-IL entzogen“, schrieb uns Bilanceri. ETA-IL ist die allgemeine
       Aufenthaltserlaubnis. Drei Tage später erhielt sie Post vom Governmental
       Press Office: Aufgrund der Tatsache, dass ihr die Aufenthaltserlaubnis
       entzogen wurde, könnten ihr auch die Akkreditierung als Journalistin und
       das Arbeitsvisum nicht erteilt werden.
       
       Am Sonntag wurde der Grund dafür klar: Ein extrem rechtes israelisches
       Nachrichtenportal veröffentlichte einen Artikel zu Serenas Fall.
       
       Der Entzug der Aufenthaltserlaubnis gehe zurück auf zwei Artikel aus dem
       Jahr 2025, die Bilanceri in der taz veröffentlicht hat: In den Beiträgen
       kommentierte sie [3][die rechtswidrige Besiedlung des Westjordanlands] und
       [4][die humanitäre Notlage im Gazastreifen]. Dies deuten die israelischen
       Behörden offensichtlich als Boykottaufforderung.
       
       Grundlage für die Verweigerung des Visums ist das Gesetz über die Einreise
       nach Israel, das 2025 verschärft wurde.
       
       Demzufolge kann Individuen auf der Basis von vier Kriterien die
       Aufenthaltsgenehmigung entzogen werden: bei Leugnung des Holocaust und des
       7. Oktobers etwa. Außerdem kann denjenigen der Aufenthalt entzogen werden,
       die zu internationaler Strafverfolgung von Israelis oder zu einem Boykott
       Israels aufrufen. Bilanceri wird Letzteres vorgeworfen.
       
       ## Legitime Äußerung von Meinung
       
       Bilanceri betont, dass sie niemals zu einem Boykott des Staates Israel
       aufgerufen habe. „Ich habe mich für finanzielle und militärische Sanktionen
       als Reaktion auf das Vorgehen der israelischen Regierung im Westjordanland
       ausgesprochen, insbesondere angesichts der Gewalt durch Siedler und der
       damaligen humanitären Lage im Gazastreifen“, schreibt sie in einem Beitrag
       in den sozialen Medien.
       
       „Und es ist völlig normal, ja sogar Teil der Arbeit eines Journalisten, in
       einem Meinungsbeitrag – in diesem Fall in den beiden genannten Texten –
       seine Meinung zu äußern.“
       
       Auch das Auswärtige Amt will sich im Fall von Selena Bilanceri für
       Pressefreiheit einsetzen. Ein Sprecher bestätigte, dass Außenminister
       Johann Wadephul seinen israelischen Amtskollegen in der Sache kontaktiert
       und sich um eine Lösung bemüht habe.
       
       ## Kein Einzelfall
       
       Bilanceri ist kein Einzelfall. Mindestens vier anderen Journalist*innen
       wurde seit 2025 der Aufenthalt in Israel nicht gestattet. Diese Fälle
       stehen exemplarisch für einen generellen Trend: die Beschneidung von
       Pressefreiheit.
       
       Ein Blick auf die Rangliste der Pressefreiheit von Reporter ohne Grenzen
       zeigt: Israels Ranking sinkt kontinuierlich. Mitte der nuller Jahre bewegte
       es sich rund um Platz 45 von 180 Ländern, im Jahr 2022 dann auf Platz 86.
       Im Jahr 2026 ist es auf Platz 116 gesunken.
       
       Der [5][7. Oktober 2023] war eine Zäsur, der fürchterliche Angriff der
       radikalislamischen Hamas auf Israel hat das Land erschüttert. Viele
       Israelis sind noch heute traumatisiert, bei nicht wenigen von ihnen hat es
       dazu geführt, dass ihnen auch heute noch die Empathie für die
       Palästinenser*innen fehlt. Ein großer Teil der Gesellschaft ist nach
       rechts gerückt.
       
       Doch die Folgen waren nicht nur eine traumatisierte israelische
       Gesellschaft, sondern auch ein grauenhafter Krieg, den die israelische
       Regierung im Gazastreifen führte. Das Absinken im Ranking der
       Pressefreiheit hat unmittelbar mit diesen Kriegshandlungen zu tun.
       
       Zahlreiche palästinensische Journalisten [6][sind getötet worden]. Nach wie
       vor können Journalist*innen nicht unabhängig in den Gazastreifen
       einreisen – sieht man einmal von Fahrten ab, die vom israelischen Militär
       organisiert und durchgeführt werden.
       
       Auch die israelische Medienlandschaft hat sich verändert.
       
       ## Medien in Israel seit dem 7. Oktober 2023
       
       Zappte man während des Krieges durch die wichtigsten Fernsehprogramme, sah
       man so gut wie keine Berichte über hungernde Palästinenser*innen, keine
       Eltern, die unter dem Schutt ihrer bombardierten Häuser nach ihren Kindern
       suchen.
       
       Nur selten wird über Angriffe jüdischer Siedler auf Palästinenser im
       Westjordanland berichtet. Wer darüber informiert werden möchte, liest und
       sieht eher internationale Nachrichten oder die regierungskritische Zeitung
       Ha’aretz.
       
       Die Regierung trägt ihren Teil dazu bei. Channel 14 ist in den letzten
       Jahren von einem Nischensender zum zweitmeistgesehenen Kanal mutiert – und
       steht der Regierung nah. Was Fox News für US-Präsident Donald Trump ist,
       ist Channel 14 für Benjamin Netanjahu. Der Sender erhalte regulatorische
       und finanzielle Vorteile, beklagt das Israelische Demokratieinstitut.
       
       Die Ausweisung von professionellen Journalist*innen wie Serena
       Bilanceri ist ein denkwürdiger Vorfall in dieser Entwicklung. Denn eines
       ist klar: Wer die Pressefreiheit einschränkt, schadet am Ende nur sich
       selbst.
       
       2 Nov 2026
       
       ## LINKS
       
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       ## AUTOREN
       
 (DIR) Judith Poppe
       
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