# taz.de -- Und mächtig gar knurrte der Berggeist
> Die Tschechische Woche der Wahrheit: Ins düstere Reich der Sagengestalt
> Rübezahl zieht die moderne Bürokratie ein
Von Corinna Stegemann
Gefährlich knurrend erhob sich nur langsam die Sonne über dem düsteren
Riesengebirge. Der Nebel hing noch träge, schwer und grantelig über den
Wipfeln und Gipfeln der schroffen Landschaft und griff mit kalten Fingern
in das wild wuselnde Haupthaar und den struppigen Bart des alten
Berggeistes. Heute, das merkte Rübezahl sogleich, heute hatte er extrem
schlechte Laune.
Seit tausend Jahren machte er stets dasselbe: Marktweiber oder Wanderer
erschrecken und narren, das Wetter aus purer Willkür nach seinen Wünschen
biegen, Menschen zu Stein erstarren lassen oder sie in polnische Kolatschen
verwandeln. Auch ließ er nicht davon ab, seine Gestalt in alles Mögliche zu
verändern und kleine Kätzchen oder andere lästige Brut freundlich vom Baum
zu holen oder mit bösem Kichern draufzusetzen. So Sachen halt.
Ein einziges Mal war er verliebt gewesen. Zwar war er längst darüber
hinweg, schon lange, doch schwor er jeden Tag und jede Nacht, quasi jede
Sekunde seines Lebens ihr, der schönen, schlesischen Königstochter Emma,
bittere Rache!
Er reckte und streckte sich zornig grunzend. Bereit, jederzeit Stürme und
Gewitter herbeizuzürnen, ja ganze Reisegruppen in kantige Felsspalten zu
jagen und dort zu foppen. Und gleich hörte er auch schon eine dieser
wandernden Gruppen sich mit fröhlichem Gesang über die sich in vielen
Kurven und Kehren windenden, steilen Wege herannahen.
„Zaskatalogizujeme všechno, co není do tří na stromě, fallera …“, tönte es
munter aus sieben Kehlen. Und hastenichgesehn krabbelten sieben kleine
Männer den letzten, schwierigsten Abhang bis zu Rübezahls Ruhelager
hinauf. Mit ihrem abscheulichen Krakeel hörten sie erst auf, als sie
direkt vor ihm standen und in seine glutroten, Funken sprühenden Augen
blickten.
Die Männlein trugen alle beigefarbene Funktionsjacken, graue Wandersocken,
braune Aktentaschen und so routinierte Gesichtsausdrücke, als würden sie
jeden Tag einen zürnenden Berggeist belästigen. Allen voran ging ein Mann
mit einer schwarzen Hornbrille. Offensichtlich der Anführer oder König,
denn er war der Einzige mit Hornbrille.
„Guten Morgen“, begann der Anführer zu sprechen, und ohne eine Antwort
abzuwarten, fuhr er fort: „Wir sind die interministerielle Arbeitsgruppe
zur Erfassung, Bewertung und gegebenenfalls Genehmigung naturbezogener
Erscheinungsformen im grenznahen Mittelgebirgsraum zwischen Tschechien und
Polen. Sind Sie Herr Rübezahl und haben die Zuständigkeit für dieses
Gebiet?“
Rübezahl erhob sich mit drohender Gebärde. Ein gewaltiges Knacken fuhr
durch seine alten Knochen, so laut, dass vier Tannen umkippten und ein
Felsbrocken von beträchtlicher Größe mit viel Krawumm zum Tal hinabrollte
und eine Herde Bergziegen mit sich riss. Alle sieben Aktentaschenmänner
zogen gleichzeitig Klemmbretter hervor und begannen, eifrig irgendetwas auf
Zettel zu kritzeln. Der Hornbrillenträger murmelte dabei vor sich hin:
„Objekt weist erkennbare Vorbehalte gegen die verfahrensrechtliche
Einordnung auf.“
Rübezahls Wut steigerte sich proportional mit seiner Größe, sein Leib
schwoll auf die Ausmaße der Prager Burg an. „Ich bin der Herr dieses
Gebirges!“, rief er mit einer Stimme wie Donnerhall. „Ich herrsche hier
seit tausend Jahren, ihr x-beinigen Frettchen! Dies ist mein Reich!“
Der Hornbrillenkönig runzelte die Stirn und blätterte in seinen Zetteln.
„Nach unserer derzeitigen Aktenlage ist die territoriale Zuständigkeit
nicht abschließend geklärt. Können Sie sich ausweisen?“
Rübezahl fühlte sich plötzlich sehr, sehr matt, das hätte aber auch an den
sieben Fässern Staropramen und 850 Portionen böhmischer Houbová smaženice
liegen können, die er am Vorabend verputzt hatte. Der
Funktionsjackenanführer hielt ihm ein Formular entgegen. „Wenn Sie
sich nicht ausweisen können, dann müssen Sie das hier ausfüllen“, erklärte
er trocken.
Rübezahl rief: „Ich bestimme hier über Stürme und Fluten! Ich kann euch mit
einem einzigen Wimpernzucken zu Stein verwandeln.“ Der Anführer der
interministeriellen Arbeitsgruppe blieb unbeeindruckt. „Dennoch müssen Sie
das Formular ausfüllen.“ – „Ich kann ganze Täler unter Wasser setzen!“,
legte Rübezahl nach. Der Sprecher und seine sechs Gefolgsleute blätterten
ungerührt in ihren Zetteln und berieten sich. „Dafür wäre dann allerdings
das Wasserhaushaltsrecht einschlägig zuständig“, resümierte er schließlich,
„nun füllen Sie bitte das Formular aus.“
Gerade wollte Rübezahl zu einem neuen Zornesausbruch ansetzen, da überlegte
er es sich anders. „Ach, gib her den Wisch!“, sprach er in gemäßigtem Ton
und warf einen Blick auf das Blatt. Und brüllte sofort wieder auf wie ein
verwundetes Tier. „Nationalität?!“, schrie er mit hochrotem Kopf, „was soll
ich denn da ankreuzen?“ Das war tatsächlich ein Problem, denn er war zu 33
Prozent Tscheche, zu 33 Prozent Pole, zu 33 Prozent deutscher Sagenschurke
und zu 100 Prozent bürokratisch überfordert, sobald er ein Formular
ausfüllen musste.
Wie aus einem Reflex schleuderte er Blitze auf zwei der Männer, die sich
sofort in einen Baum und einen Felsen verwandelten. Der Anführer blätterte
abermals in seinen Papieren: „Haben Sie zuvor den dafür notwendigen Antrag
auf Genehmigung zur Änderung des Flächennutzungsplans eingereicht?“, fragte
er höflich. „Wenn nicht, brauchen Sie das entsprechende Formular und
zusätzlich noch den Antrag auf Genehmigung zur Erstellung einer
Ausnahmegenehmigung für übernatürliche Erscheinungsformen.“
Seit jenem Tag wurde der mächtige Berggeist Rübezahl nicht mehr gesehen.
Ein Gerücht besagt, er sei nach Polen geflohen. Manche wollen jedoch
wissen, er habe sich tief in den Bergen versteckt. Doch die Wahrheit ist
viel schlimmer: Er sitzt seit 300 Jahren vor Zimmer 319 der möglicherweise
zuständigen Behörde und wartet darauf, dass er drankommt. Da kann er noch
lange warten: Er hat vergessen, ein Nummernkärtchen zu ziehen.
10 Oct 2026
## AUTOREN
(DIR) Corinna Stegemann
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