# taz.de -- Russland gegen Bremer Forschungsinstitut: „Wir wollen uns wehren“
> Die Bremer Forschungsstelle Osteuropa wurde im August von Russland für
> „unerwünscht“ erklärt. Das Institut klagt jetzt – auch, um an Infos zu
> kommen.
(IMG) Bild: Russische Staatsbibliothek in Moskau: Zu Sowjetzeiten waren hier verbotene Bücher untergebracht
taz: Frau Schattenberg, seit August gilt die Bremer Forschungsstelle
Osteuropa (FSO) für den russischen Staat als „unerwünschte Organisation“ –
warum denn erst jetzt?
Susanne Schattenberg: Darüber sind wir eigentlich auch erstaunt. Als
[1][Forschungsstelle und als Archiv dokumentieren und erforschen wir]
autoritäre Regime und jegliche Form von Protest dagegen im postsowjetischen
Raum. Unsere Länder-Analysen berichten zudem regelmäßig über Russlands
Krieg gegen die Ukraine. Aber wir hatten als Institut nie einen Standort in
Russland – vielleicht waren wir deshalb aus russischer Sicht weniger
ärgerlich als Einrichtungen, die auch im Land selbst vertreten sind.
taz: Sie gehören zur Deutschen Gesellschaft für Osteuropakunde (DGO) – die
ist bereits seit zwei Jahren sogar als extremistische Organisation
eingestuft. Ist die Einstufung als „unerwünscht“ dagegen nicht schon
harmlos?
Schattenberg: Es ist absurd, dass wir erst zu den Extremisten gehört haben
und jetzt „unerwünscht“ sind. Aber harmlos ist das nicht: Es ist jetzt
klar, dass die russische Justiz uns als Einrichtung im Auge hat. Vor allem
unsere Kolleg*innen mit russischem Pass hat diese Einstufung sehr
alarmiert. Für sie bedeutet das mehr Unsicherheit: Wagt man es noch einmal,
nach Russland zu reisen? Besucht man die alten Eltern noch einmal – oder
lässt man es lieber sein? Sind Verwandte in Russland noch sicher? Das ist
herzzerreißend.
taz: Sie wollen gegen die Entscheidung klagen, vom Bremer Senat werden Sie
dafür auch finanziell unterstützt. Die Staatsrätin der
Wissenschaftssenatorin spricht von einem „Zeichen des Protests“. Hat die
Klage vor allem symbolischen Charakter?
Schattenberg: Wir alle, also die Senatorin, die Uni, wir als Einrichtung,
sind uns natürlich im Klaren, dass die Klage in Russland abgeschmettert
wird. Aber wir wollen uns wehren und nicht unwidersprochen die russische
Diffamierungskampagne über uns ergehen lassen. Es war immer Praxis der
Dissidenten, so zu tun, als sei Russland ein Rechtsstaat, und alle
Rechtsmittel auszuschöpfen. Und rein symbolisch ist die Klage nicht – wir
versprechen uns schon etwas davon.
taz: Was denn?
Schattenberg: Informationen. Bisher gibt es von der
Generalstaatsanwaltschaft keine Aussagen zu den Gründen, warum wir auf der
Liste gelandet sind. Durch die Klage wird die russische Justiz hoffentlich
offenbaren, warum wir als unerwünscht deklariert werden. Natürlich könnten
wir uns etwas zusammenreimen; aber wenn wir erfahren, was der Auslöser war,
können wir daraus vielleicht schließen, wer als nächstes „unerwünscht“ sein
wird.
taz: Nach Ansicht des Senats wird die wissenschaftliche Arbeit der FSO
durch die Einstufung massiv eingeschränkt. Wie sehen die Auswirkungen in
der Forschung aus?
Schattenberg: Für uns als Institut sind sie nicht mehr allzu groß. Der
Vollangriff Russlands auf die Ukraine hat uns seit 2022 davon abgehalten,
noch nach Russland zu reisen: Zunächst als Zeichen der Solidarität mit der
Ukraine, dann wurde auch von deutscher Seite die institutionelle
Zusammenarbeit untersagt und schließlich hat auch Russland keine Visa mehr
an Personen aus „unfreundlichen Staaten“ ausgestellt. Aber auch das hat uns
eigentlich nur wenig getroffen.
taz: Wie kommt’s?
Schattenberg: Die meisten Personen, mit denen wir zusammengearbeitet haben,
sind ohnehin schon raus aus Russland oder in der inneren Emigration. Am
intensivsten haben wir eigentlich immer mit „Memorial“ kooperiert. Die
Moskauer Menschenrechtsorganisation wurde offiziell schon 2022 geschlossen,
mehrere ihrer Archivmitarbeiter sind seitdem hier in Bremen mit uns unter
einem Dach. Auch mit einem Soziologie-Labor, das kritische
Meinungsforschung betrieben hat, haben wir oft zusammengearbeitet. Die
Leute von dort sind inzwischen auch alle hier in Deutschland. Es hat sich
eigentlich nichts an den Kooperationen geändert, nur an dem Standort der
Menschen.
taz: Wenn Sie hauptsächlich mit Exilant*innen arbeiten: Wie viel
Einblick hat die FSO denn überhaupt in das aktuelle Russland?
Schattenberg: Eigentlich ist kaum noch eine Kommunikation möglich. Als
[2][„Memorial“ im April für extremistisch erklärt wurde,] haben wir unsere
russischen Kolleg*innen hier in der Forschungsstelle gefragt, wie die
Situation vor Ort aussieht. Die Antwort: „Wir wissen es nicht.“ Und: „Wir
trauen uns nicht nachzufragen oder anzurufen, weil wir nicht wissen, was
abgehört wird.“ Andererseits gibt es die Exilmedien mit einem immer noch
großen Netzwerk von Journalisten in Russland.
taz: Dann ändert die Einstufung nichts am Status quo?
Schattenberg: Doch, wie gesagt: Für das Sicherheitsgefühl unserer
Kolleg*innen, die aus Russland stammen. Und was mir langsam auch klar wird:
Für die Situation in Russland selbst kann es einen großen Unterschied
ausmachen. Wir wissen nicht, was wirklich passiert: Werden die Bibliotheken
wieder gesäubert? Landen unsere Bücher und Schriften wieder im Giftschrank?
taz: So wie in der Sowjetunion …
Schattenberg: Jedenfalls wird es praktisch dazu führen, dass die russischen
Kolleg*innen nicht mehr gefahrlos unsere Arbeiten zitieren dürfen. Auf
unsere Quellen im Archiv haben sie schon länger keinen Zugriff mehr. Aber
wenn sie jetzt auch unsere Forschungsergebnisse nicht mehr rezipieren und
weiternutzen können …
taz: … dann?
Schattenberg: Dann spalten wir die wissenschaftliche Community wieder in
zwei Hälften. Es entstehen künstliche Gräben, keine Seite hat Zugriff auf
das Wissen der anderen. Jetzt, nach der Wahl hatten einige [3][gefürchtet,
das Internet würde ganz abgeschaltet]. Aber das ist vielleicht nicht einmal
nötig, um zu kontrollieren, was an Wissen weiterverbreitet wird.
taz: Was sind für Sie jetzt die nächsten Schritte?
Schattenberg: Wir müssen unsere Vollmachten und unser Statut ins Russische
übersetzen lassen; fristgerecht bis Mitte November muss alles eingereicht
werden. Wir haben uns von dem russischen Menschenrechtsanwalt Kirill
Koroteev beraten lassen, der vertritt seit 20 Jahren Organisationen und
Menschen, die in Russland für unerwünscht, extremistisch oder zu
ausländischen Agenten ernannt worden sind. Koroteev lebt allerdings nicht
mehr in Russland. Vor Ort vertritt uns ein Anwalt aus Moskau.
taz: Und für den ist das Mandat keine Gefahr?
Schattenberg: Er hat jedenfalls schon ähnliche Fälle vertreten und kann
noch praktizieren. Das gilt natürlich nur so lange, bis das Gegenteil
eintritt.
taz: Was erwartet Sie jetzt noch?
Schattenberg: Wir können nur von Erfahrungswerten ausgehen. Der nächste
Schritt ist vermutlich, dass wir hochgestuft werden zur extremistischen
Organisation. So ist das zumindest bei der DGO passiert. Und dann müssen
wir auch mit Hacker-Angriffen rechnen.
taz: Hacker-Angriffe?
Schattenberg: Ja, das ist die nächste Eskalationsstufe, die üblicherweise
kommt. Ob es ein Zufall ist oder nicht, die Uni Bremen hatte tatsächlich
gerade einen Cyberangriff auf die Uni-eigene Cloud. Das ging nicht gegen
unser Institut, aber die Unileitung hatte sich vorher hinter uns gestellt.
taz: Wie kann man sich darauf vorbereiten?
Schattenberg: Zum Teil wartet man einfach ab: Es fühlt sich an, als stünden
wir auf einer Rolltreppe, die jetzt eben nach oben fährt – runter kann man
da nicht mehr, es kommt, was kommt. Aber wir tun natürlich alles, um unsere
Datenflüsse zu kontrollieren. Wir wollen es wenigstens schnell mitbekommen,
wenn sich jemand einschleicht.
taz: Wollen die Hacker das Institut lahmlegen?
Schattenberg: Bei ähnlichen Vorfällen in der Vergangenheit wurde
offensichtlich versucht, durch die Cyberangriffe persönliche Daten
abzuziehen: Es wird kompromittierendes Material gesammelt, mit dem man die
Menschen persönlich unter Druck setzen kann.
24 Sep 2026
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