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## Bestimmen, was die Wahrheit ist
Wenn US-Präsident Donald Trump sich nicht gerade wie ein unerzogenes
Kleinkind benimmt und etwa das wichtigste öffentliche Kulturzentrum der USA
abreißen will, weil sein Name nicht draufstehen darf, kämpft er um die
Definition von Wahrheit: In China stehen keine Windräder, die Wahlen 2020
waren gefälscht, Demokraten sind Kommunisten, der Irankrieg ist ein Erfolg,
die Zollpolitik sorgt für Aufschwung, und Südafrika verfolgt Weiße.
Wenn die Wahrheiten eines Präsidenten so offenkundige Lügen sind, gibt es
ein Wechselverhältnis mit physischer Staatsmacht. Um Lüge als Wahrheit zu
etablieren, braucht es die Drohung. Um autoritäre Macht zu erhalten,
braucht es die Lüge. So lässt man vor Museen zur US-amerikanischen
Geschichte Schilder aufstellen, die bekunden, alles was es drinnen zu sehen
gebe, sei falsch. Kein Witz, Trump macht das.
Auf jedem Punkt der Erde militärische Gewalt einsetzen zu können, ist nur
eine Version von Macht. Bestimmen zu können, was wahr ist und was falsch,
ist noch verhängnisvoller.
Die Geschichte ist voll mit gewaltsam durchgesetzten lügnerischen
Definitionen. Die katholische Kirche ließ Menschen foltern, weil sie
bezweifelten, dass die Sonne sich um die Erde drehe. Adolf Hitler legte in
„Mein Kampf“ fest, Juden hätten sich im Ersten Weltkrieg vor dem Einsatz an
der Front gedrückt – dabei waren sie überproportional vertreten.
Sowjet-Diktator Josef Stalin ließ Leo Trotzki nach dessen Verbannung aus
gemeinsamen Fotos herausretuschieren – als hätte es ihn nie gegeben. Die
Berliner Mauer, die DDR-Bürger am Verlassen des Landes hinderte, hieß
„Antifaschistischer Schutzwall“. US-Präsident George W. Bush begründete
einen Krieg mit der Lüge von irakischen Massenvernichtungswaffen.
Linksdiktaturen von Nicaragua bis Kuba definieren alle dissidenten Stimmen
in ihren Ländern als Marionetten des Imperialismus. AfD-Politiker
Maximilian Krah stellt sich vor die Tiktok-Kamera und sagt: „Eure Großväter
waren keine Verbrecher.“
Und seit bald zwei Wochen streitet der konservative, neoliberale und
rechtsextreme Teil der deutschen Öffentlichkeit darum, ob die Berliner
Linke nun vor allem zutiefst antisemitisch ist, unterwandert von
kriminellen Großfamilien oder doch zuallererst linksextrem und
wirtschaftspolitisch vollkommen inkompetent. Alle Wege führen direkt in die
Hölle. Das ist mal Definitionsmacht.
Dagegen ist die Lüge des Linken-Abgeordneten Ferat Koçak, er habe gar nicht
gewusst, dass er mit dem Sohn eines OK-Bosses freundliche Nachrichten
austausche, richtig süß. Er hat halt nicht die Macht, sie als Wahrheit in
Stein zu hauen. Bernd Pickert
2 Oct 2026
## AUTOREN
(DIR) Bernd Pickert
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