# taz.de -- Fahrradwerkstatt als Begegnungsort: Zwischen Rädern und Menschen
> Jeden Dienstag repariert Al Kassem Saleem Räder in der Berliner Werkstatt
> ReCycle. Über einen Ort, wo Menschen sich begegnen und gegenseitig
> unterstützen.
(IMG) Bild: Al Kassem Saleem betreibt die Fahrradwerkstatt ReCycle im Nachbarschaftshaus Urbanstraße
Noch ist nicht viel los im Hinterhof des Nachbarschaftshauses Urbanstraße
in Berlin-Kreuzberg. Zwei schwarze Plastikraben blicken vom Dach der
Fahrradwerkstatt ReCycle, die sich in einer kleinen Garage befindet. Es ist
früher Nachmittag, das Garagentor steht offen. Bunte Sticker verschiedener
Bürgerrechts- und Kiez-Initiativen zieren den Eingang. Von der Decke hängt
etwas schief in großen gelben Lettern „Lernwerkstatt“. Vor der Garage steht
eine Fahrradbesitzer*in, deren Lenker Probleme macht. Al Kassem Saleem
bietet ihr an, das Fahrrad dazulassen, einen Kaffee trinken zu gehen und
später wiederzukommen. Er wird es sich in der Zwischenzeit anschauen.
Al Kassem hat die Selbsthilfe-Werkstatt 2018 ins Leben gerufen. Es ist sein
drittes Projekt dieser Art. Angefangen hat er mit seinem Engagement vor
fast 11 Jahren im [1][Hanger1, einer Notunterkunft für Geflüchtete auf dem
Gelände des ehemaligen Flughafens Tempelhof.] Al Kassem, der aus Syrien
geflüchtet ist, war 2015 einer der Bewohnenden. Viel konnte er dort nicht
machen, arbeiten durfte er nicht. Er wollte aber etwas tun, nicht einfach
nur warten. Also richtete er in einem Nebenraum des Hangars eine Art Café
ein, einen Ort, an dem Menschen Kaffee trinken und miteinander ins Gespräch
kommen konnten. „Das mit den Fahrrädern war Zufall“, erinnert er sich.
Eines Tages kam jemand im Café vorbei und spendete ein paar Fahrräder.
Die Menschen vor Ort konnten die Räder ausleihen und sich damit ein kleines
Stück freier bewegen, andere Orte sehen. Doch oft, wenn sie die Räder
zurückbrachten, war etwas kaputt, erzählt Al Kassem. Also machte er sich
selbst an die Reparatur. Zu Beginn war dies vor allem ein Ausprobieren,
ausgestattet lediglich mit Schraubenzieher und Zange. Mit der Zeit kam mehr
Werkzeug dazu, das meiste davon geschenkt und auf Flohmärkten
zusammengesucht. Das Reparieren bringt Al Kassem sich selber bei, probiert
so lange, bis sich das Problem beheben lässt. „Ich suche immer eine
Lösung“, sagt er.
Und wenn er einmal keine finden kann? „Dann gibt's eine andere Lösung!“,
lacht er und hält ein kaputtes Vorderlicht hoch. Wie dieses sind die
meisten Radteile in der Garage hier beschädigt oder kaputt. Doch was auf
den ersten Blick unbrauchbar scheint, kann Al Kassem wiederverwenden,
repariert die Teile oder nutzt einzelne Komponenten. So muss kaum etwas
weggeworfen und so müssen keine neuen Ersatzteile gekauft werden.
## Ein bisschen chaotisch und gleichzeitig gut sortiert
Die Garage ist vollgeräumt mit gesammelten Radteilen. Ein Haufen Schläuche
liegt auf dem Boden, daneben ein Stapel Schutzblechstreben. In einer Kiste
sind rote Rücklichter, in einer anderen weiße Vorderlichter. In den Regalen
und Schubladen gibt es Kettenblätter, Lenker, Speichen, Klingeln,
Schlösser. Es wirkt ein bisschen chaotisch und gleichzeitig ist alles gut
sortiert. Auf dem Hof gibt es drei Lager mit Fahrrädern, die Al Kassem von
der Straße rettet oder Menschen als Spende vorbeibringen.
Bis 2018 bestand die Fahrradwerkstatt in Hangar1, ebenso ein zweites
Projekt in der [2][„Gärtnerei“ im Kulturzentrum „Schlesische 27“.] Die
Werkstatt hier in der Urbanstraße hat jeden Dienstagnachmittag für drei
Stunden geöffnet. Das Nachbarschaftshaus stellt die Garage zur Verfügung,
kauft gelegentlich Werkzeug und Ersatzteile und bemüht sich um Fördermittel
für ReCycle. Das Angebot basiert auf dem ehrenamtlichen Engagement von Al
Kassem und anderen Freiwilligen und ist kostenlos – Spenden sind
willkommen.
Nach und nach treffen immer mehr Menschen ein. Mit und ohne Räder. Viele
kennen sich und den Ort, einige sind zum ersten Mal da. Beim Blick über den
Hof zeigen sich unterschiedliche Szenen: Hier schrauben zwei
Helfer*innen gemeinsam an einem Rad, dort sitzt eine kleine Gruppe
zusammen, raucht und quatscht. Jemand hat Getränke mitgebracht, jemand
anderes Kaffee und Waffeln aus dem Café im Nachbarschaftshaus. Es wird
geteilt mit allen, die da sind. Eine Person, die ein Fahrrad gesucht hat,
ist fündig geworden und repariert es nun mit Unterstützung. Eine Frau mit
Einkaufsroller begrüßt Al Kassem und holt Gemüse heraus, das sie für ihn
mitgebracht hat. „Bester Mensch der Welt“, sagt Al Kassem über sie.
Al Kassem spricht oft von anderen Menschen – von Alex und Jona, die mit ihm
das Projekt tragen, von Freund*innen, Familie und anderen Menschen, die
sich auf unterschiedliche Weise einbringen und die Werkstatt unterstützen.
„Am Anfang war da ein Samen und dann ist immer mehr und mehr daraus
gewachsen.“
## „Ich gebe, was ich brauche“
Eine der Personen, die heute mithelfen, ist Buruoj. Sie war schon öfters
hier, kam über Freunde zu dem Ort. Vom Fahrradreparieren hatte sie vorher
keine Ahnung. Sie kam wieder, weil alle so herzlich zu ihr waren. „Ein
bisschen wie eine Familie“, sagt sie. Der Ort erinnert sie an
Nachbarschaftshäuser, wie die, die sie aus Palästina kennt. „Das fehlt in
Berlin noch viel. So ein Ort, wo Menschen zusammenkommen.“
Es ist 17.30 Uhr, über eine Musikbox klingt die Stimme der libanesischen
Sängerin Fairuz. Der Werkstattbetrieb ist weiterhin in vollem Gang,
mittendrin Al Kassem, der mal hier, mal dort unterstützt. Immer wieder
tauchen Kinder im Hof auf – jedes Mal lässt Al Kassem alles stehen und
liegen. „Einen Moment, bitte“, sagt er, nimmt eine der griffbereit
liegenden Schokoriegelpackungen und läuft zu Kindern. „Hallöchen. Wie
gehts? Wie war dein Tag?“, begrüßt er sie, in der Hocke sitzend, die
Schokolade hinterm Rücken versteckt. Fast alle Kinder kennen ihn und
wissen, dass es jetzt Schokolade gibt. Aber es geht nicht nur darum, sagt
Al Kassem. Ihm ist es wichtig, den Kindern zu zeigen, dass er sie
wahrnimmt, ihnen zuhört.
„Ich gebe, was ich brauche“, betont er immer wieder und meint damit, dass
diese Arbeit ihm ein gutes Gefühl schenkt. Der Dienstag hier ist sein
„Lieblingstag“, und obwohl die Werkstatt eigentlich nur bis 18 Uhr offen
ist, brennt das Licht in der Garage noch sehr viel länger. Nicht selten
bleibt Al Kassem bis zum nächsten Morgen. „Das ist meine Therapie. Hier
kann ich machen, was ich möchte. Das gibt mir Ruhe.“
Anmerkung der Redaktion: In Absprache und auf Wunsch einiger Beteiligter
wurde überwiegend auf die Nennung der Nachnamen verzichtet.
23 Oct 2026
## LINKS
(DIR) [1] /Unterkunft-fuer-Fluechtlinge-in-Berlin/!5243135
(DIR) [2] /Gaertnerei-der-Zukunft/!162075/
## AUTOREN
(DIR) Annika Leyla Henheik
## TAGS
(DIR) Selbsthilfe
(DIR) Schwerpunkt Radfahren in Berlin
(DIR) Fahrrad
(DIR) Flüchtlinge
(DIR) Berlin-Kreuzberg
(DIR) Reden wir darüber
## ARTIKEL ZUM THEMA
(DIR) Immer besser gut beraten: Hilfe zur Selbsthilfe
Das kostenlose und solidarisch organisierte Hilfsangebot in Berlin ist
groß. Diverse Initiativen und Werkstätten stehen Hilfesuchenden zur Seite.
(DIR) Unterbringung von Geflüchteten: „Die Quittung werden wir bekommen“
Großunterkünfte und Hostels für Geflüchtete sind teuer und unmenschlich,
sagt der Unterkunftsleiter Peter Hermanns. Der Senat folge dem ablehnenden
Zeitgeist.
(DIR) Schrottfahrräder in Berlin: Wiedergeburt der Radleichen
Jedes Jahr rosten tausende Fahrräder am Straßenrand ihrem Ende entgegen.
Wenn sie Glück haben, schenkt ihnen eine Werkstatt ein zweites Leben.