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       > „Die Einwilligung“ von Vanessa Filho erzählt vom realen Missbrauch des
       > Schriftstellers Gabriel Matzneff an einer 14-Jährigen. In Frankreich war
       > er ein Erfolg
       
 (IMG) Bild: Ein Paar, das es nicht geben dürfte: Vanessa Springora (Kim Higelin) und Gabriel Matzneff (Jean-Paul Rouve) in „Die Einwilligung“
       
       Der Schriftsteller Gabriel Matzneff hat seine Verbrechen nie verborgen.
       Buch für Buch, nicht zuletzt in einer seit 1976 veröffentlichten Reihe
       persönlicher Tagebücher, feierte er seine eigene Pädophilie, schilderte,
       wie er, Jahrgang 1936, junge Mädchen und Jungen verführt und missbraucht
       hat. Der eigentliche Skandal: Im französischen Kulturbetrieb wurde er dafür
       von vielen geschätzt, über Jahrzehnte, noch 2013 erhielt er den höchst
       renommierten Prix Renaudot. [1][Einen von ihm verfassten offenen Brief zur
       Unterstützung inhaftierter Pädophiler haben im Jahr 1977 unter anderem
       Jean-Paul Sartre, Simone de Beauvoir, Roland Barthes und Gilles Deleuze
       unterschrieben].
       
       Wer Widerspruch äußerte, sah sich sogleich verhöhnt und als spießig
       verlacht, so etwa die kanadische Journalistin Denise Bombardier 1990 in
       einer berühmten Ausgabe der TV-Literatursendung von Bernard Pivot. Ein
       Auszug aus dieser Sendung ist in „Die Einwilligung“ nun im Original zu
       sehen. Im Wohnzimmer der Springoras läuft der Fernseher, irgendwann
       schaltet die Mutter ihn aus. [2][Vanessa Springora, die vierzehnjährige
       Tochter, wurde Mitte der achtziger Jahre von Matzneff verführt], mit
       massiven psychischen Folgen.
       
       Die Geschichte ist real, Springora, inzwischen erfolgreiche
       Verlagslektorin, hat sie 2020 aufgeschrieben. Ihr Buch „Die Einwilligung“
       hat internationales Aufsehen erregt und in Frankreich viel zu spät zur
       Ächtung Matzneffs in der Öffentlichkeit geführt, die Taten waren freilich
       verjährt. Seine weinerliche Selbstverteidigung „Vanessavirus“ konnte 2021
       nur noch im Selbstverlag erscheinen.
       
       Die Regisseurin Vanessa Filho hat Springoras Erinnerungsbuch nun verfilmt,
       nicht als Dokumentation, sondern als Spielfilm. Nach eigenem Drehbuch, das
       sie allerdings mit Unterstützung der Autorin verfasste. Im Zentrum des
       Films steht die Beziehung zwischen Springora (in der Rolle der 14-Jährigen
       die 23 Jahre alte Kim Higelin) und Matzneff (beeindruckend ekelhaft, aber
       doch keine Karikatur: Jean-Paul Rouve).
       
       Die Mutter, alleinerziehend, Alkoholikerin, die nach erstem Widerstand den
       Missbrauch duldet, von dem sie fast von Anfang an weiß, wird von Laetitia
       Casta gespielt. Die Gegenwarts-Springora nach dem Sprung in die Gegenwart,
       die man am Schluss sieht, ist mit Elodie Bouchez gleichfalls prominent
       besetzt.
       
       Filho wählt ihre filmischen Mittel einerseits mit Bedacht. Im Wesentlichen
       sind die Geschehnisse realistisch erzählt, wozu auch Halluzinationen der
       verstörten Vanessa gehören. Nicht nur ihr körperlicher wie psychischer
       Missbrauch, sondern auch der Zynismus eines Betriebs, und zwar von Männern
       wie Frauen, der das pädophile Begehren des hochkultivierten Autors als
       leicht verruchte und darum aufregende Sache goutiert, wird kühl gezeigt und
       ist kaum auszuhalten.
       
       Andererseits ist das alles doch heikel und auf eine Weise unangenehm, die
       einem solchen Projekt inhärent ist: Der Film produziert, angesichts seines
       Nacherzählungskonzepts unvermeidlich, Bilder vom Sex zwischen Springora und
       Matzneff, folgt der Vierzehnjährigen ein gutes Stück hinein in die
       Verzückungen einer ersten Liebe, an der alles verkehrt ist. Man möchte den
       Blick abwenden, so dezent gemacht sie auch sind, und wünscht, Filho hätte
       ihn nicht erst hingewendet.
       
       Dennoch oder auch gerade deshalb war der Film in Frankreich ein
       Überraschungserfolg. Nach schwachem Start wurde er zu einem
       Tiktok-Phänomen, vor allem bei jungen Frauen, die Vorher-nachher-Bilder
       posteten und in Selfie-Aufnahmen ihre Erschütterung durch den Film
       demonstrierten. Gegen alle Regeln des heutigen Markts lief „Die
       Einwilligung“ Woche für Woche besser, am Ende waren völlig unerwartet
       600.000 Besuche erreicht.
       
       Ekkehard Knörer
       
       17 Sep 2026
       
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