# taz.de -- Stahlwerk in Süditalien: In Tarent geht der letzte Hochofen aus
> Ein Gericht schließt die Kernproduktion des berüchtigten süditalienischen
> Stahlwerks Ex-Ilva. Startet die Meloni-Regierung noch einen
> Rettungsversuch?
(IMG) Bild: Tarent, Italien, das Stahlwerk Ilva sieht man vom Hafen aus: eine Zukunft hätte die Ex-Ilva nur bei einer Wende hin zu grünem Stahl
„Endlich wissen die Menschen aus Tarent, was es heißt, vor Freude zu
weinen“, heißt es von der Elternvereinigung aus der süditalienischen Stadt
am Golf von Tarent im Ionischen Meer. Ganz anders fällt die Sicht der
Gewerkschaften aus: Sie meinen, in Tarent sei gerade „eine soziale Bombe“
gezündet worden – mit womöglich katastrophalen Folgen für Wirtschaft und
Beschäftigung.
Beide Seiten kommentieren die gleiche Entscheidung eines Gerichts im weit
entfernten Mailand, das am Freitag verfügte, auch den letzten Hochofen im
Stahlwerk Tarent bis spätestens zum 28. Oktober stillzulegen. Damit wäre
dann Schluss für den gesamten Warmbereich der größten Stahlhütte Italiens;
nur das Kaltwalzwerk könnte noch weiterbetrieben werden.
Fünf Jahre lang hat die Elterninitiative aus Tarent für diesen Beschluss
gekämpft, getrieben von den [1][katastrophalen Folgen für die Gesundheit
der Bürger*innen], die die Dreckschleuder mitten in der Stadt über
Jahrzehnte hinweg hatte.
Für das Gericht liegen die Dinge klar. „Das Recht der Bürger auf
Gesundheit“ habe immer Vorrang vor dem „Recht auf unternehmerische
Aktivität“. Eine Weiterführung des Betriebs könne nicht erlaubt werden,
solange in den Hochöfen von Tarent weiterhin 2.600 Tonnen Asbest verbaut
seien und so lange auch der Feinstaubausstoß zu hoch liege.
## Viermal so viel Mesotheliomfälle wie im Schnitt
In der Stadt, rechneten schon die Richter der Vorinstanz im letzten Juli
vor, die den ersten Stilllegungsbeschluss erlassen hatten, liege die Zahl
der Lungenkrebstoten um 33 Prozent über dem nationalen Durchschnitt,
während die Anzahl der (durch Asbest verursachten) Mesotheliomfälle gar 400
Prozent des Landesdurchschnitts erreiche.
Damit könnte tatsächlich endgültig der Vorhang für Italiens größtes
Stahlwerk fallen. Es war im Jahr 1964 in Betrieb genommen worden, als Teil
des Staatskonzerns Italsider. 1995 dann kam die Privatisierung – und die
Familie Riva griff zu. Unter dem Namen Ilva betrieben sie den Laden im
Rahmen der Riva-Group weiter, verdienten gutes Geld, dachten aber keinen
Deut daran, in Umweltschutz zu investieren, während die [2][Stahlschmiede
ganz Tarent und vorneweg den gleich hinter dem Werk liegenden Stadtteil
Tamburi verseuchte].
Damit allerdings war im Jahr 2012 Schluss. Die Eigentümer kamen wegen
schwerer Umweltverbrechen vor Gericht, das Unternehmen wurde eingezogen.
Damit stand es unter staatlicher kommissarischer Verwaltung. Es hätte der
Wendepunkt sein können, hin zu einer [3][Stahlproduktion, die den Erhalt
von Arbeitsplätzen mit dem Schutz der Umwelt] und der Gesundheit der
Bürger*innen in Einklang bringt.
## Erfolglose Eigentümerwechsel
Auch die Übernahme der „Ex Ilva“ – so nennen in Italien alle das
Unternehmen – durch ArcelorMittal im Jahr 2018 brachte jedoch nicht die
erhoffte Wende. Kritiker werfen den französisch-indischen Betreibern heute
vor, sie hätten das Werk in Tarent vor allem für kurzfristige Erträge
nutzen wollen, ohne die langfristig nötigen Milliardeninvestitionen zu
tätigen. Daran änderte sich auch nichts, als drei Jahre später der
italienische Staat wieder mit 38 Prozent des Kapitals einstieg.
Danach flossen weitere öffentliche Milliarden. Seit 2012 hat der Staat
insgesamt rund 2,5 Milliarden Euro als Direkthilfen in die Ex-Ilva
eingeschossen. Hinzu kommen weitere indirekte Milliardenaufwendungen,
beispielsweise aus der Kurzarbeitskasse. Insgesamt flossen aus öffentlichen
Haushalten so in den letzten 14 Jahren rund 4,5 bis 5 Milliarden Euro in
das Stahlwerk.
Im Jahr 2024 dann stieg Arcelor Mittal wieder aus – und seitdem sucht die
Regierung unter [4][Giorgia Meloni, die das Werk übernehmen musste,]
händeringend nach einem neuen privaten Käufer. Mit dem indischen Konzern
Jindal steht ein Interessent bereit, der jedoch bloß den Kaltbereich ohne
die Hochöfen will. Das heißt: Die Hälfte der 8.000 Arbeitsplätze in Tarent
fiele weg, die befürchtete „soziale Bombe“ wäre gezündet.
Eine wirkliche Zukunft hätte die Ex-Ilva nur bei einer Wende hin zu grünem
Stahl, deren Kosten allerdings auf 2,5 bis 3 Milliarden Euro geschätzt
werden. Am Dienstag will die Regierung mit den Gewerkschaften
zusammentreffen. Dann wird sich zeigen, ob sie endlich einen
erfolgversprechenden Plan vorlegen kann.
13 Sep 2026
## LINKS
(DIR) [1] https://www.ardmediathek.de/video/die-story/das-giftige-stahlwerk-chronik-eines-langen-versagens/wdr/Y3JpZDovL3dkci5kZS9CZWl0cmFnLXNvcGhvcmEtZWJiNzg4NjgtNGI0Zi00YWNiLWEzYjAtMTM4ZmExOTcxMjQy
(DIR) [2] /EGMR-Urteil-zu-Umweltverschmutzung/!5568037
(DIR) [3] /Klimaneutraler-Umbau/!6126886
(DIR) [4] /Italiens-groesstes-Stahlwerk-verstaatlicht/!5990450
## AUTOREN
(DIR) Michael Braun
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