# taz.de -- Die Wahrheit: Viel Glück auf all deinen Wegen, Kurt!
> Nur ein Sondereinsatzkommando kann einen gefährlichen Irren stoppen, der
> unter anderem Bundeskanzler ist.
(IMG) Bild: Zum Glück gibt es das SEK
Kurt erwachte eines Morgens mit einem seltsamen Gefühl. Er war plötzlich
Postbote. Das kam überraschend, denn eigentlich arbeitete er seit 22 Jahren
als freischaffender Sprengmeister, und er hatte in seinem ganzen Leben noch
keinen einzigen Brief ausgetragen.
Trotzdem bestand nicht der geringste Zweifel: Er fühlte sich wie ein
Postbote. Und Kurt war ein Mann, der seinen Gefühlen grundsätzlich
vertraute. Er stand auf, klemmte sich eine Aktentasche mit der gesamten
ungeöffneten Post der letzten Monate, die sich unter seinem Waschbecken
stapelte, unter den Arm und machte sich auf den Weg. Nach und nach stopfte
er all die Rechnungen, Mahnbescheide, Vorladungen, Haftbefehle und auch die
Fahndungsplakate, die er zuweilen von Bäumen und Stromkästen gerupft hatte,
in die Briefkästen der Nachbarn. Hier und da steckte er auch noch einen
angezündeten Chinaböller als Überraschung dazu.
Vor dem Rathaus begegnete er Herrn Möller, dem städtischen Bauamtsleiter.
Der sah aus, als hätte er seit 1987 nichts anderes getan, als
Baugenehmigungen abzulehnen oder abzustempeln. Wenn Kurt das Wort
„Baugenehmigung“ auch nur dachte, setzte etwas in seinem Gehirn aus, das
war schon immer so, denn selbstverständlich war er selbst der
Bauamtsleiter.
Ohne zu zögern, schlug er Herrn Möller mit seiner Aktentasche k. o., setzte
sich an seinen Schreibtisch und begann eifrig, alles kurz und klein zu
„stempeln“. Um halb zehn kam mit fragendem Gesicht die Bürgermeisterin
herein. Kurt fühlte sich spontan auch wie die Bürgermeisterin, nein, anders
gesagt: Er war die Bürgermeisterin.
## Bürgermeisterin im Sack
Nun wäre es für andere Menschen kompliziert geworden, doch Kurt hatte
keinerlei Probleme damit, gleichzeitig Sprengmeister, Postbote,
Bauamtsleiter und Bürgermeisterin zu sein. Kurzerhand stellte er die andere
Bürgermeisterin ruhig, steckte sie in einen Sack und knüpfte ihn gut zu.
Dann begab er sich zu ihrer beziehungsweise seiner Limousine, um sich vom
Chauffeur zu einer Gedenkstätte fahren zu lassen, bei der der Bundeskanzler
verschiedene Leute für irgendetwas ehren wollte. Denn er war ja selbst der
Bundeskanzler, und er wollte sich unter keinen Umständen bei der Ehrung
verspäten.
Doch kaum saß Kurt in der Luxuskarosse, da wusste er sogleich, dass er
eigentlich auch Chauffeur war. Im Grunde seines Herzens war er neben
Sprengmeister, Postbote, Bauamtsleiter, Bürgermeisterin und Bundeskanzler
am allerliebsten immer auch Chauffeur gewesen! Ein fröhliches Glucksen
entrang sich seiner Kehle, während er den anderen Chauffeur mit bedauerndem
Achselzucken einen Felsen hinunter und in eine Schlucht hinabstieß.
Gemütlich fläzte er sich in den Fahrersitz und verzehrte den köstlichen
Chauffeurs-Proviant, der im Handschuhfach bereitlag, denn es war
mittlerweile Mittag geworden. Dann hörte er den Polizeifunk ab, den er als
Chauffeur der Bürgermeisterin, also als er selbst und als Chauffeur seiner
selbst, selbstverständlich abhören konnte. Als Bundeskanzler sowieso.
## Warnungen an die Bevölkerung
Die Meldungen verhießen nichts Gutes! Offenbar war ein gefährlicher Irrer
unterwegs und machte nun die Gegend unsicher. Der Polizeipräsident hatte
alle Einsatzkräfte mobilgemacht und bat die Bevölkerung, unbedingt Fenster
und Türen fest zu verrammeln, bis der Irre eingefangen und in Verwahrung
gebracht war.
Kurt schlug sich mit der flachen Hand vor die Stirn, denn jetzt fiel es ihm
ein: Er war natürlich auch die begabteste Einsatzkraft aller Einsatzkräfte
unter der Sonne! Diese Begabung war ihm schon vor seiner Geburt von
irgendwem in die Wiege gelegt worden. Und nun war sein Einsatz gefragt. Es
müsste doch mit dem Teufel zugehen, wenn es nicht gelänge, den gefährlichen
Irren zu schnappen!
Der Chauffeur musste die Bürgermeisterin erst gar nicht lange fragen, sie
war selbstverständlich sofort damit einverstanden, die Einsatzkraft zum
Einsatzort zu fahren, der Sprengmeister war vorsorglich mit von der Partie,
um im Falle eines Falles den Weg freizusprengen, der Bauamtsleiter zuckte
mit den Schultern und stempelte den Vorgang einfach ab, und der Postbote
suchte derweil eifrig nach der Adresse des Einsatzortes. Während der
Postbote noch suchte, fiel dem Bundeskanzler ein, dass man ja nur den
Polizeipräsidenten fragen musste. Und weil er als Bundeskanzler den
Polizeipräsidenten selbstverständlich kannte, war die Adresse schnell
ermittelt.
Der Einsatzort war erstaunlicherweise direkt bei Kurt zu Hause. Und das war
gar nicht weit weg, um nicht zu sagen, gleich um die Ecke. Flugs machte
sich Kurt samt Postbote, Bauamtsleiter, Bürgermeisterin, Bundeskanzler und
Einsatzkraft auf den Weg zum Einsatzort, und mit welch unglaublichem Hallo
wurden sie dort begrüßt: Sämtliche bis an die Zähne bewaffneten anderen
Einsatzkräfte – es waren so um die hundert an der Zahl – knieten plötzlich
vor ihnen nieder und zückten ihre Pistolen, Revolver und Gewehre, um
jederzeit freundliche Salutschüsse abgeben zu können.
Der Einsatzleiter selbst begleitete die muntere Truppe unterwürfig in ein
behagliches und recht weiches Zimmer, wo sie sich als Belohnung für die
selbstlose Erfüllung ihrer Bürgerpflichten erholen sollten. Und damit die
Bande dort nicht gestört werden konnte, schloss er von außen gut ab.
„Was für ein wunderschöner Tag“, dachte Kurt, legte sich auf die
verlockende Pritsche und schlief sofort zufrieden ein. Ach, glücklicher
Kurt!
14 Sep 2026
## AUTOREN
(DIR) Corinna Stegemann
## TAGS
(DIR) Bundeskanzler
(DIR) SEK
(DIR) Groteske
(DIR) Psychiatrie
(DIR) Reden wir darüber
(DIR) Kolumne Die Wahrheit
(DIR) Satire
(DIR) Kolumne Die Wahrheit
## ARTIKEL ZUM THEMA
(DIR) Die Wahrheit: Kinder des Hochglanzes
Nepo-Babys haben es auch nicht leicht – wie die Autorin, die seit der
Kindergartenzeit vom Leben und seinen Protagonistas bevorzugt wurde.
(DIR) Die Wahrheit: Wesen mit Werwolfohren
Im spannenden Alltag rasender Sensationsreporter ist nichts, wie es
scheint. Nicht einmal ein Kätzchen.
(DIR) Die Wahrheit: Der Paternoster und ich
Es ist möglich, die Angst zu überwinden, einen dieser sehr, sehr alten
Aufzüge zu besteigen, nur wie ist es danach mit dem Aussteigen …