# taz.de -- Rechte Männer, Verlust und Anerkennung: Der verlorene Mann
> Bei der Wahl in Sachsen-Anhalt unterstützen die AfD vor allem viele
> Männer. Marcel Fratzscher meint, man muss verstehen, warum viele junge
> Männer die AfD wählen. Erst dann kann man sie zurückgewinnen.
(IMG) Bild: Der Rechtsruck unter jungen Männern voll im Gange: Mitglieder der „Jungen Alternative“
[1][taz FUTURZWEI] | Die Sorge über den Rechtsruck unter jungen Männern ist
berechtigt: Bei vergangenen Wahlen haben viele von ihnen die AfD gewählt,
während junge Frauen deutlich häufiger progressive oder liberale Parteien
unterstützen.
Viele erklären das mit [2][toxischer Männlichkeit, Antifeminismus und
mangelnder Bildung]. Doch wer junge Männer vorverurteilt, wird sie nicht
zurückgewinnen, sondern treibt sie noch weiter in die Arme von Populisten
und Faschisten.
Die entscheidende Frage lautet nicht: Was stimmt nicht mit diesen jungen
Männern? Sondern: Was erleben sie – und weshalb fühlen sich so viele von
ihnen von einer Partei angezogen, deren Politik ihren eigenen Interessen
fundamental widerspricht?
Vor zwei Jahren habe ich in einer ZEIT-Kolumne argumentiert, dass sich
junge Frauen und junge Männer politisch zunehmend auseinanderentwickeln –
Frauen werden liberaler und progressiver, Männer konservativer und häufiger
rechtspopulistisch. Diese Entwicklung ist ein internationales Phänomen. Die
Ursache liegt in tiefgreifenden wirtschaftlichen und gesellschaftlichen
Veränderungen, auf die viele keine überzeugende Antwort finden.
## Der Verlust der Männer
Viele junge Männer erleben heute einen mehrfachen Verlust. Die klassische
Industrie bietet weniger sichere Arbeitsplätze. Gesellschaftlicher Status
entsteht nicht mehr automatisch über Beruf und Einkommen. Beziehungen
entstehen später oder gar nicht. Viele leiden unter Einsamkeit, psychischen
Belastungen und dem Gefühl, nicht gebraucht zu werden. Gerade in vielen
ländlichen Regionen Ostdeutschlands kommen demografische Entwicklungen
hinzu: Immer mehr junge Frauen ziehen für Ausbildung und Studium in größere
Städte und kehren häufig nicht zurück.
Zurück bleiben Männer, die oft nicht nur wirtschaftliche Perspektiven,
sondern auch soziale Bindungen und Anerkennung verlieren. Dadurch entsteht
für immer mehr junge Männer tiefe Frustration und eine gefühlte
Perspektivlosigkeit.
All das macht die Wahl einer antidemokratischen und Menschen verachtenden
Partei nicht richtig, aber es macht sie verständlicher.
Populismus lebt von Angst, Kontrollverlust und dem Versprechen einfacher
Antworten. Genau diese Angst ist die stärkste politische Triebkraft unserer
Zeit. Wer Zukunft vor allem als Bedrohung erlebt, sucht Halt – selbst dann,
wenn die angebotenen Lösungen objektiv schaden.
Deutschland braucht mehr Fachkräfte, mehr Innovation, mehr Investitionen
und ein starkes Europa. Junge Menschen brauchen eine dynamische Wirtschaft
mit guten Arbeitsplätzen, sozialen Aufstiegschancen und Investitionen in
Bildung, Infrastruktur und Klimaschutz. Nationalismus, Abschottung und ein
permanenter Kulturkampf lösen keines dieser Probleme. Im Gegenteil: Sie
schwächen Wohlstand, Beschäftigung und Chancen gerade für diejenigen, die
heute um ihre Zukunft fürchten.
Was also konkret tun?
## Politik der Anerkennung
Wir brauchen eine neue Politik der Anerkennung. Anerkennung bedeutet,
Menschen zu vermitteln: Ihr gehört dazu, eure Sorgen werden ernst genommen
und eure Zukunft ist uns wichtig. Das erfordert Zukunftsinvestitionen in
eine verlässliche Mobilität, schnelles Internet, medizinische Versorgung,
Jugendarbeit und Kultur. Und dazu gehört eine aktive Strukturpolitik, die
gute Jobs dorthin bringt, wo die Menschen leben, statt zu erwarten, dass
alle den Jobs hinterherziehen.
Als Zweites benötigen wir neue Wege zu sozialem Status und Anerkennung.
Deutschland setzt auf Akademisierung und redet beruflich-technische Bildung
klein. Dabei braucht die wirtschaftliche Transformation aber auch
Handwerkerinnen und Techniker. Zugleich müssen soziale Berufe besser
bezahlt und besser für Männer geöffnet werden.
Drittens benötigen wir mehr [3][Orte der Begegnung]. Sportvereine,
freiwillige Feuerwehren und Jugendclubs – die nicht missbraucht werden, um
rechtes Gedankengut zu verbreiten, sondern Aufklärung und Einordnung zu
fördern – sind eine enorm wichtige demokratische Infrastruktur. Wir müssen
analoge Räume schaffen und finanzieren, in denen Zugehörigkeit real
erfahrbar ist.
Viertens – und hier sind „wir“ Männer persönlich gefragt: Junge Männer
brauchen Vorbilder und Zuhörer. Väter, Trainer, Meister, Kollegen können
zeigen, dass Stärke auch Verantwortung, Fürsorge und Respekt bedeutet. Und
dass Menschenfeindlichkeit ein Irrweg ist.
Ebenso wichtig ist eine andere politische Sprache, die Verantwortung,
Zusammenhalt und Chancen in den Mittelpunkt stellt. Demokratie lebt nicht
davon, Menschen in Gewinner und Verlierer gesellschaftlichen Wandels
einzuteilen. Sie lebt davon, möglichst allen das Gefühl zu geben, gebraucht
zu werden und ihre Zukunft selbst gestalten zu können.
Wir müssen gerade jungen Männern vermitteln, dass Freiheit mehr bedeutet
als Wut, dass Anerkennung stärker ist als Ausgrenzung und dass eine offene
Gesellschaft ihnen mehr Chancen eröffnet als jede Form des Nationalismus
und Faschismus.
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mit dem Titelthema „Wozu Männer?“ erscheint am 08. September. [4][Hier
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8 Sep 2026
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## AUTOREN
(DIR) Marcel Fratzscher
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