# taz.de -- „Diese schwere Betroffenheit kam mir verlogen vor“
       
       > Bilal Bahadır ist Filmregisseur und Drehbuchautor. 2024 erschien von ihm
       > die preisgekrönte ZDF-Serie „Uncivilized“
       
 (IMG) Bild: Foto: Malte Ossowski/Sven SIimon/imago
       
       Die Bilder vom 11. September 2001 waren für mich surreal. Ich war damals
       ein perspektivloser 17-jähriger Hauptschüler in Stadthagen, Niedersachsen.
       Als die Flugzeuge in die Twin Towers und über unseren Wohnzimmerfernseher
       flogen, dachte ich zunächst, das Ganze sei ein Trailer für einen
       Blockbuster.
       
       Im nächsten Moment dann die Nachricht: ein Anschlag. Anschläge war ich aus
       der Türkei gewohnt. Dass dies kein Anschlag wie viele andere zuvor werden
       würde, begriff ich erst am nächsten Tag in der Schule. Im Unterricht
       sollten wir für eine Schweigeminute aufstehen. Ich weigerte mich.
       
       Ich konnte es damals noch nicht klar benennen, aber diese schwere
       Betroffenheit, die plötzlich ganz Deutschland erfasst hatte, kam mir
       verlogen vor. Im Bosnienkrieg waren rund 100.000 Menschen gestorben. Im
       Irak haben die USA in den 1990er Jahren Zehntausende getötet. [1][Für
       keines dieser Opfer gab es in Deutschland Schweigeminuten].
       
       Ich bin ein Gastarbeiterkind. Meine Eltern kamen in den 1960er Jahren nach
       Deutschland. Schon vor dem 11. September gab es viel Rassismus. Einmal
       setzte sich ein Lehrer in der Pause auf meinen Tisch. Er hatte ein
       Salami-Brötchen in der Hand, biss genüsslich ab und hielt es mir mit vollem
       Mund vor die Nase. „Hier, Schweinefleisch.“ Solche Dinge waren Alltag. Und
       irgendwie hatte man gelernt, sie zu ignorieren.
       
       Aber nach dem 11. September wurde es anders. Ich konnte es nicht mehr
       ignorieren. Ein „Terrorexperte“ kam an unsere Schule und sprach über den
       Islam und den „Dschihad“. Im Fernsehen wurde nur noch über Märtyrertode und
       72 Jungfrauen im Paradies gesprochen. Vom Angriff auf die zivilisierte
       Welt. Alles wurde plattgemacht. Unsere gesamte Identität, unsere Kultur,
       unsere Religion wurden in ein einziges Muster gepresst. Dagegen konnte man
       sich kaum wehren. Und in der Öffentlichkeit saß kaum jemand, der ein
       differenzierteres Bild zeichnete.
       
       Ich weiß nur noch, dass sich damals alles in meiner Brust zusammengedrückt
       hat. Es fühlte sich komplett falsch an. Lange habe ich versucht, mich an
       vieles nicht mehr zu erinnern.
       
       Als ich für die ZDF-Serie „Uncivilized“ begann, mit anderen Muslim*innen
       in Deutschland zu sprechen, musste ich mich wieder erinnern. Erst da
       begriff ich, dass es damals fast allen von uns so ging. Und dass viele,
       genau wie ich, bei den Schweigeminuten für 9/11 nicht aufgestanden waren.
       
       Wir wollten unbedingt eine eigene Serie machen, um uns von den Filmen und
       Serien zu befreien, die unsere Kultur, unsere Identität und unsere Religion
       stigmatisierten. Wir mussten unsere eigenen Geschichten erzählen. Kritik
       allein reicht nicht. Denn wenn Muslime oder Migras etwas kritisieren, heißt
       es schnell: Wenn du dich darüber aufregst, haben wir offenbar einen wunden
       Punkt getroffen.
       
       In den 2010er Jahren kam irgendwann der Kipppunkt. Vielleicht 2009, als ein
       deutscher Oberst einen Angriff auf zwei Tanklastwagen in Afghanistan
       befehlen ließ und dabei Dutzende unschuldige Zivilisten getötet wurden. Die
       Berichterstattung über den Krieg wurde immer kritischer. Ich dachte, die
       deutsche Öffentlichkeit hätte verstanden, was nach 9/11 schiefgelaufen war:
       wie sich der Westen in allgemeiner Terrorpanik zu einem Krieg hatte
       verleiten lassen, der Hunderttausende Menschen im Irak und in Afghanistan
       das Leben kostete – und dabei genau den Teufelskreis befeuerte, der immer
       neue Extremisten und Anschläge hervorbrachte.
       
       Nach einem Job als Drogist schaffte ich es schließlich an die
       Kunsthochschule in Köln. Dort war ich der einzige „Kanake“ in einem
       linksliberalen Milieu. Ich schreibe hier bewusst „Kanake“ und nicht
       „Migrant“. Die Schule hatte viele Menschen mit Migrationsgeschichte, aber
       keinen Kanaken. Der Rassismus an der Uni war weniger offensichtlich. Und
       trotzdem war er präsent.
       
       Ich war plötzlich das Gesicht für den Kanaken, bei dem man nachts die
       Straßenseite wechselt. Für die „Sorte“ Mensch, mit der man aus Angst nie in
       Kontakt getreten ist. Der Macho, der Gangster, der Aggro, den man erziehen
       muss.
       
       In einem Kurs sagte ein Dozent zu mir: „Ich weiß, Literatur ist nicht dein
       Ding, aber wir freuen uns trotzdem, wenn du dabei bist.“ Dabei kannte er
       nicht einmal meinen Namen. Als ich Akkus für die Kamera transportierte,
       sagte ein Kommilitone zu mir: „Lass dich nicht kontrollieren, sonst denken
       die Leute noch, dass du dich in die Luft jagst.“ Nach dem Anschlag auf
       Charlie Hebdo Anfang 2015 fragte mich eine Dozentin vor der ganzen Klasse:
       „Warum warst du gestern nicht auf der Solidaritätsveranstaltung auf der
       Domplatte?“
       
       Ich musste erst ihre Sprache und ihr Mindset lernen, um mich verteidigen zu
       können. Trotzdem hatte ich in den 2010er Jahren Hoffnung. Christian Wulff
       sagte: „Der Islam gehört inzwischen auch zu Deutschland.“ Mit dem Sommer
       der Migration schien sich 2015 ein anderes, freundlicheres Deutschland zu
       zeigen. Viele schienen es ernst zu meinen mit Deutschland als einem Land,
       in dem Menschen aus unterschiedlichen Kulturen ihren Platz finden. Aber mit
       diesem Eindruck lag ich falsch.
       
       Ich hatte unterschätzt, [2][dass Geschichte für den Westen immer erst dann
       beginnt, wenn er selbst in Mitleidenschaft gezogen wird]. Das war bei 9/11
       so. Und ab dem 7. Oktober 2023 war es nicht anders. Die Vorstellung, dass
       sich die zivilisierte Welt im Krieg mit den Unzivilisierten befindet, blüht
       seitdem wieder auf. Und der Westen hat bis heute nicht verstanden, dass
       seine Waffenlieferungen und Militärinterventionen immer wieder einen
       Nährboden für neue Anschläge schaffen.
       
       Ich [3][vertraue Deutschland mittlerweile nicht mehr]. Genau wie viele
       Menschen später verstanden haben, dass der Einmarsch in den Irak und nach
       Afghanistan ein Fehler war, werden sie eines Tages auch den Völkermord in
       Gaza als Fehler sehen.
       
       Sollte Israel Palästina irgendwann vollständig besiedelt und alle Menschen
       getötet oder vertrieben haben, wird man im Westen darüber trauern. Das
       geraubte Land wird trotzdem Israel gehören. Die Vertriebenen werden
       vertrieben bleiben. Und die Mörder werden unter uns bleiben. Und zehn oder
       zwanzig Jahre später werden wir wieder dabei zusehen, wie in einem anderen
       Land dasselbe geschieht.
       
       Die Wahrheit ist: Ich weiß mich zumindest rhetorisch zu verteidigen. Meinen
       hart arbeitenden Freunden wird in ihren Betrieben aber ganz offen gesagt:
       „Nächste Wahl, und dann ist Abfahrt.“ Wie damals versuche ich heute wieder,
       mich an vieles nicht zu erinnern. Aber vergessen werde ich nichts.
       
       Und trotzdem gibt es auch eine Entwicklung, die mir Hoffnung macht. Wenn
       ich heute mit jungen Migras arbeite, erlebe ich Menschen, die selbstbewusst
       für sich einstehen. Meine Eltern haben mir noch gesagt: „Das ist nicht dein
       Land. Leg dich nicht mit den Lehrern an. Halt die Klappe!“ Aber heute
       wissen diese Jugendlichen, dass sie ein Teil Deutschlands sind.
       
       Protokoll: Mitsuo Iwamoto
       
       5 Sep 2026
       
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